KANTON ST.GALLEN: In St.Gallen müssen psychisch Kranke warten

Der Flumser Amokläufer war in den Wochen vor seiner Tat für eine psychiatrische Abklärung angemeldet. Diese fand jedoch nie statt. Das wirft die Frage nach der psychiatrischen Hilfe für Kinder und Jugendliche auf. Es besteht eine Unterversorgung.

Tobias Hänni
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Suizidgefährdete oder besonders aggressive Jugendliche erhalten in der Regel schnell einen Therapieplatz. Bei «nicht dringlichen» Fällen gibt es jedoch lange Wartezeiten. (Bild: Getty)

Suizidgefährdete oder besonders aggressive Jugendliche erhalten in der Regel schnell einen Therapieplatz. Bei «nicht dringlichen» Fällen gibt es jedoch lange Wartezeiten. (Bild: Getty)

Tobias Hänni

tobias.haenni@ostschweiz-am-sonntag.ch

Er war angemeldet. Schon seit mehreren Wochen. Doch bevor abgeklärt werden konnte, ob beim 17-jährigen Letten eine psychische Krankheit vorliegt, setzte er seine Gewaltfantasien in die Tat um: Am vergangenen Sonntagabend wurde aus dem unauffälligen Jugendlichen ein Amokläufer, der in Flums mit einem Beil sieben Personen teilweise schwer verletzte. Rund einen Monat zuvor hatte der Schulpsychologische Dienst des Kantons St. Gallen eine psychiatrische Abklärung des jungen Mannes aufgegleist. Dies, nachdem bei ihm in einer ersten psychologischen Einschätzung durch die Kriseninterventionsgruppe kein akutes Bedrohungspotenzial, aber Auffälligkeiten festgestellt worden waren.

Die weitere psychiatrische Begutachtung hätte klären sollen, ob beim Täter eine psychische Störung oder Persönlichkeitsstörung vorliegt, wie Ralph Wettach, Direktor des Schulpsychologischen Dienstes diese Woche gegenüber dem Tagblatt sagte. Doch warum hat diese Abklärung in den Wochen zwischen der ersten Überprüfung des 17-Jährigen und dessen Bluttat nie stattgefunden?

Eltern sind für die Anmeldung verantwortlich

Beim Schulpsychologischen Dienst wird die Frage mit Verweis auf die laufende Strafverfahren gegen den Jugendlichen nicht beantwortet. «Wir können zum Fall keine weiteren Auskünfte geben», sagt Direktor Wettach. Grundsätzlich könne die Anmeldung aber nicht die Kriseninterventionsgruppe selbst machen, dies sei Sache der Eltern respektive der Sorgeberechtigten. «Wir haben die Anmeldung aber begleitet», sagt Wettach. Wo der 17-Jährige zur Abklärung angemeldet war, kann Wettach wegen des laufenden Verfahrens ebenfalls nicht sagen.

In Frage kommen dafür die Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste St. Gallen (KJPD), die in Sargans – zehn Autominuten von Flums entfernt – eine Regionalstelle betreiben. Wie Mediensprecherin Miriam Lambek jedoch auf Anfrage sagt, hatten die KJPD «keinen konkreten Auftrag zur Begutachtung» des jungen Letten.

Lambek betont, dass bei den KJPD «grundsätzlich jede Anmeldung umgehend bearbeitet wird». Dabei werde die Dringlichkeit durch eine Fachperson eingeschätzt – im Rahmen eines Telefonats mit den Eltern. «Bei Anmeldungen mit Notfallstatus, zum Beispiel bei Suizidalität oder Aggressivität, erhalten die Betroffenen einen Termin am selben Tag», sagt Lambek. Bei dringlichen Fällen erfolge ein erstes Gespräch innert Tagen. Handelt es sich nicht um einen dringlichen, sondern um einen regulären Fall, «kann es aufgrund der steigenden Patientenzahlen zu Wartezeiten kommen», sagt Lambek. Wie lange diese dauere, lasse sich nicht sagen. «Der Zeitpunkt des Erstgesprächs wird mit den Betroffenen abgesprochen entsprechend dem, was aus psychiatrischer Sicht vertretbar ist.»

Zahl der Anmeldungen führt zu Verzögerungen

«Generell ist es leider üblich, dass es zwischen Anmeldung und Abklärung längere Wartezeiten gibt», sagt die Uzwiler Kinder- und Jugendpsychiaterin Monika Diethelm-Knoepfel. Solche Verzögerungen gebe es vor allem deshalb, weil die Zahl der Anmeldungen ständig steige, während die Anzahl Fachärzte nur wenig zunehme. Zu Verzögerungen könne es aber auch kommen, wenn die Eltern, die mit einbezogen werden, im Hinblick auf einen Termin wenig flexibel seien oder der Wunsch bestehe, dass der Patient nicht in der Schule oder am Arbeitsplatz fehle.

Laut Diethelm-Knoepfel werden auch bei frei praktizierenden Therapeuten besonders aggressive oder suizidäre Kinder und Jugendliche prioritär abgeklärt – «sofern Kapazitäten dafür bestehen». Falls nicht, würden insbesondere suizidgefährdete Patienten an den Notfalldienst des KJPD verwiesen. Ob der Flumser Amokläufer nach dem damaligen Wissensstand besonders rasch hätte abgeklärt werden müssen, darüber möchte sich Diethelm-Knoepfel kein Urteil anmassen. «Gerade bei aggressiven Patienten müssen genügend Informationen vorhanden sein, um zu erkennen, dass ein Fall sehr dringlich ist.»

Therapieplätze sind schwer zu finden

Eine psychiatrische Abklärung ist laut Diethelm-Knoepfel vor allem bei komplexen Problemen zeitlich aufwendig. «Sie beinhaltet oft mehrere Gespräche mit dem Jugendlichen und den Eltern sowie den Kontakt zu Lehrpersonen, Haus- oder Kinderärzten und anderen involvierten Fachleuten.» Das zeigt sich auch bei den KJPD St. Gallen: Dort folgen bei regulären Fällen nach einem Erstgespräch durchschnittlich bis zu sechs weitere Termine, bei denen eine Diagnose gestellt wird, wie Miriam Lambek ausführt. «Die abschliessende Beurteilung ist Grundlage für allfällige weitere Schritte.»

Handelt es sich bei diesen weiteren Schritten um eine ambulante oder stationäre Behandlung, heisst das allerdings nicht, dass eine solche auch gleich begonnen werden kann. «Plätze für intensivere Psychotherapien, die eine wöchentliche oder zweiwöchentliche Sitzung erfordern, sind schwer zu finden», sagt Diethelm-Knoepfel. Auf ausserkantonale Angebote könnten St. Galler Patienten kaum ausweichen. «Die kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung ist in den Nachbarkantonen eher noch schlechter.»