Kampfwahl bei den Katholiken: Der Katholische Konfessionsteil eröffnet den Wahlherbst

Am 8. September wählen die Katholiken im Kanton St.Gallen ihr Parlament. Welche Aufgaben erfüllt es? Und wer darf wählen? Zeit für ein paar Fragen.

Katharina Brenner
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Zweimal jährlich tagt das Katholische Kollegium im St.Galler Kantonsratssaal. (Bild: PD, 18. Juni 2019)

Zweimal jährlich tagt das Katholische Kollegium im St.Galler Kantonsratssaal. (Bild: PD, 18. Juni 2019)

Die Katholiken im Kanton St.Gallen haben einen Bischof und zudem den Papst. Warum haben sie auch ein Parlament?

Um ihre Finanzen und Gebäude zu verwalten, um Bauvorhaben und Dekrete zu beschliessen. Das Katholische Kollegium ist die Legislative des Katholischen Konfessionsteils des Kantons St.Gallen. Dieser ist Träger der Kantonssekundarschule Flade, betreibt die Stiftsbibliothek und ist, mit dem Kanton, Eigentümer und Betreiber des Stiftsarchivs. Neben Immobilien besitzt er auch 320 Hektar Wald. Das Katholische Kollegium wirkt bei der Wahl des Bischofs mit, es setzt den Steuerfuss fest und genehmigt die Jahresrechnung.

Wer sitzt im Parlament?

180 Personen, die Kollegienräte. Sie sind im Schnitt 55 Jahre alt. Je nach Anzahl Katholiken in den Wahlkreisen ergibt sich die Anzahl Mitglieder im Parlament.

Sind auch Frauen im Katholischen Kollegium?

Ja. Der Frauenanteil beträgt 28 Prozent. Im St.Galler Kantonsrat liegt er nur bei 18 Prozent.

Die Katholiken machen den Auftakt im Wahlherbst. Worum geht es bei den Wahlen am 8. September?

Die Katholiken im Kanton St.Gallen wählen die 180 Mitglieder des Katholischen Kollegiums. Zwei Drittel der bisherigen Mitglieder stellen sich zur Wiederwahl. Die Parlamentswahlen sind aber bei weitem nicht die einzigen am 8. September: Zusätzlich wählen die Katholiken in den 97 Kirchgemeinden des Kantons jeweils die
Mitglieder des Kirchenverwaltungsrats und der Geschäftsprüfungskommission. In der Stadt St.Gallen wählen sie neben den Mitgliedern und dem Präsidenten des Kirchenverwaltungsrats auch die 30 Mitglieder des städtischen Kirchgemeindeparlaments.

Wie sieht Wahlkampf bei den Katholiken aus?

Viele Kirchgemeinden im Kanton haben Mühe, überhaupt Kandidaten zu finden. Grosse Ausnahme ist die Stadt St.Gallen. Dort bewerben sich auf die fünf Sitze im Kirchenverwaltungsrat, der Exekutive, acht Personen – drei Frauen und fünf Männer. Kampfwahl bei den Katholiken, aber kein Wahlkampf à la weltlicher Politik. Keine Flyer, keine Plakate. Dafür eine Podiumsdiskussion Ende August mit allen Kandidaten und Kandidatinnen. Und einige von ihnen weibeln im Freundes- und Bekanntenkreis in eigener Sache. In der Stadt St.Gallen sind Kampfwahlen für den Kirchenverwaltungsrat die Regel. Ohne Gegenkandidat bleibt Präsident Armin Bossart.

Wer darf die Mitglieder der Kirchgemeinden und des Parlaments wählen?

185000 Personen – mehr als ein Drittel der St.Galler Bevölkerung. Wahl- und stimmberechtigt sind alle katholischen Einwohnerinnen und Einwohner ab 18 Jahren, egal, ob Schweizer oder nicht. 2006 hat der Katholische Konfessionsteil das Ausländerstimmrecht eingeführt, aktiv wie passiv. Personen, die keinen Schweizer Pass haben, dürfen nicht nur wählen, sie dürfen sich auch zur Wahl stellen.

Machen ausländische Staatsangehörige Gebrauch von diesem Recht?

Zahlen dazu kennt Thomas Franck, Verwaltungsdirektor des Katholischen Konfessionsteils des Kantons St. Gallen, nicht. Er geht aber davon aus, dass Personen mit ausländischem Pass deutlich untervertreten sind im Parlament. Auch die Wahlbeteiligung habe sich seit Einführung des Ausländerstimmrechts nicht erhöht. «Viele kennen dieses System aus ihren Heimatländern nicht.» In grossen Kirchgemeinden verschickt das Stimmbüro die Wahlanleitung auf Deutsch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und Kroatisch.

Wie steht es um die Wahlbeteiligung im Katholischen Konfessionsteil?

Sie ist konstant tief. 2015 und 2011 lag sie jeweils bei rund 15 Prozent. Zum Vergleich: Bei der Erneuerungswahl des Nationalrats im Kanton St.Gallen lag die Wahlbeteiligung 2015 und 2011 jeweils bei rund 46 Prozent.

Seit wann ist die katholische Kirche im Kanton St.Gallen auf diese Art organisiert?

Die Struktur ist fast so alt wie der Kanton. 1805, zwei Jahre nach der Kantonsgründung, beschloss der Grosse Rat die Aufhebung des Klosters. Der Kanton übergab den Katholiken Stiftskirche, Katholische Kantonsschule, Stiftsbibliothek, andere Klostergebäude und Wald. 1816 erhielt der Katholische Konfessionsteil seine erste Verfassung. In den meisten Kantonen ist die katholische Kirche ähnlich organisiert wie in St.Gallen.

Wie oft tagt das Katholische Kollegium?

Es kommt zweimal im Jahr zusammen, im Sommer und Winter – und wie das Kantonsparlament im Kantonsratssaal.

Wenn es ein katholisches Parlament gibt, wer stellt dann die Regierung?

Der siebenköpfige Administrationsrat. Er wird alle vier Jahre vom Katholischen Kollegium gewählt. Aktueller Administrationsratspräsident ist Martin Gehrer. Für den St.Galler Alt­regierungsrat ist der Platz im Kantonsratssaal ein vertrauter. Auch die Administrationsratsmitglieder Margrit Stadler-Egli, Schulpräsidentin Flade, und Raphael Kühne, zuständig für die Kirchgemeinden, kennen den Kantonsratssaal aus ihrer Zeit als CVP-Kantonsräte. Für Gehrer war die Kollegiumssitzung im Juni die letzte: Er tritt bei der Wahl für den Administrationsrat im November nicht mehr an.

Wie hitzig sind die Debatten im katholischen Parlament?

«Am meisten Diskussionen entstehen bei emotionalen Themen», sagt Thomas Franck, Verwaltungsdirektor des Katholischen Konfessionsteils. Als Beispiel nennt er das Personaldekret, das die Anstellungsbedingungen für Mitarbeitende der katholischen Kirche regelt: «Stichwort Vaterschaftsurlaub und Besoldungssystem.» Hier sind Kanton St.Gallen und katholische Kirche gleichauf, beide gewähren frischgebackenen Vätern fünf freie Tage.

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