«Wenn Kunden kamen, schickte sie mich ich in den Keller» – Friedel Bosshardt arbeitete in Rapperswil jahrelang mit der umstrittenen Adoptionsvermittlerin Alice Honegger zusammen

Bei der Adoption von Kindern aus Sri Lanka in der Schweiz kam es zu verschiedenen Rechtsverstössen. Friedel Bosshard erlebte, wie sich die Nachfrage nach Adoptivkindern in der Nachkriegszeit ins Ausland verlagerte. Vom Kanton St.Gallen ist sie enttäuscht.

Adrian Lemmenmeier
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Entgegen der bürgerlichen Norm, entgegen dem Willen ihrer Eltern: Friedel Bosshardt entschied sich 1956, ihr uneheliches Kind nicht zur Adoption freizugeben.

Entgegen der bürgerlichen Norm, entgegen dem Willen ihrer Eltern: Friedel Bosshardt entschied sich 1956, ihr uneheliches Kind nicht zur Adoption freizugeben. 

Bild: Nik Roth (Rapperswil, 20. März 2020)

Gern hätte Friedel Bosshardt in den letzten Wochen ausführlich Zeitungen gelesen. Denn bevor das Coronavirus den Alltag und die Schlagzeilen eroberte, wurde in den Medien ein Thema verhandelt, dessen Anfänge sie vor einem halben Jahrhundert selber miterlebt hat: die fragwürdigen Adoptionen sri-lankischer Babys in der Schweiz.

Doch Friedel Bosshart kann seit längerem nicht mehr lesen, die Augen der 90-Jährigen sind zu schwach, sie geht am Blindenstock. Die Erinnerungen hinter ihrem milchigen Blick aber sind klar. Es sind Erinnerungen an eine Zeit, als sich ledige Mütter für uneheliche Kinder schämten, man sie anhielt, ihr Neugeborenes in ein Heim oder zur Adoption zu geben. Friedel Bosshardt war eine dieser Mütter. Doch die Sozialarbeiterin vermittelte auch selber uneheliche Kinder an kinderlose Paare und betreute schwangere Frauen, die ihr Kind weggeben sollten, sobald es das Licht der Welt erblickt hatte.

Alice Honegger arbeitete in Sri Lanka mit dubiosen Kindervermittlern zusammen.

Alice Honegger arbeitete in Sri Lanka mit dubiosen Kindervermittlern zusammen. 

Screenshot Rundschau / SON

Bosshardt arbeitete ab 1956 für die «Private Mütter- und Kinderfürsorge» in Rapperswil. Die operativen Geschicke dieses Vereins leitete damals Alice Honegger. Jene Frau, die ab den 1970er-Jahren Hunderte Babys von Sri Lanka in die Schweiz vermittelte. Wie der im Auftrag des Bundes erstellte Bericht der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) zeigt, missachtete Honegger dabei mehrfach Auflagen der Aufsichtsbehörden. In Sri Lanka arbeitete sie ausserdem mit einer Anwältin zusammen, die einem Kinderhändlerring angehörte (siehe Box).

Illegale Adoptionen sri-lankischer Babys: Rechtshistoriker sollen im Kantons St.Gallen die restlichen Fragen klären

Seit Februar ist ein dunkles Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte besser beleuchtet. Der Bericht der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), der im Auftrag des Bundesparlaments entstand, hat bestätigt, was Medienberichte zuvor bereits gezeigt hatten: Die Behörden in der Schweiz wussten seit Beginn der 1980er-Jahre, dass es bei der Vermittlung von Adoptivkindern an europäische Paare in Sri Lanka zu Fällen von Kinderhandel kam. Dennoch erwogen sie keinen Adoptionsstopp für Sri Lanka.

Ebenso bekannt war, dass Kinder auf sogenannten Babyfarmen eigens für die Auslandsadoption gezeugt wurden. Das geschah zum Teil mit Hilfe weisser Männer. Denn Kinder mit hellerer Haut erzielten bei der Vermittlung einen höheren Preis.

Im Kanton St. Gallen wurden zwischen 1979 und 1997 85 Kinder aus Sri Lanka adoptiert. Das ist nach Zürich (201) schweizweit die zweithöchste Zahl. Die Forscherinnen der ZHAW untersuchten 28 St. Galler Adoptionsdossiers und stellten diverse Gesetzesverstösse fest.

Alice Honegger, die ab 1964 in Bollingen (heute Rapperswil-Jona) eine eigene Vermittlungsstelle betrieb, war schweizweit eine der zentralen Figuren in der Vermittlung von Kindern aus Sri Lanka. Gemäss ZHAW-Bericht war sie mit der Anwältin Rukmani Thavanesan-Fernando, die einem Kinderhändlernetz angehörte, in Sri Lanka in missbräuchliche Vorgänge involviert. Ob von Honegger vermittelte Babys direkt Opfer von Kinderhandel waren, ist dem Bericht zufolge offen. Es gebe aber Hinweise darauf.

Der Kanton St. Gallen setzt die Aufarbeitung fort. Derzeit sei man auf der Suche nach Rechtshistorikern, die sämtliche 85 Dossiers auf ihre Rechtmässigkeit gemäss damaligen Gesetzen prüfen sollen, heisst es beim Amt für Soziales auf Anfrage. Erste Resultate der Untersuchung werden im Frühjahr 2021 erwartet. (al)

An Weihnachten spazierte man nicht am See

Zum ersten Mal begegneten sich Friedel Bosshardt und Alice Honegger 1955 im Kinderheim Brugg, im Kanton Aargau. Bosshardt, damals 25-jährig, arbeitete dort als sogenannte Hausschwangere. Sie betreute Kinder und sollte ihr eigenes, uneheliches Kind nach der Geburt zur Adoption freigeben. Honegger kam wegen der Vermittlung eines Waisenkindes ins Heim, machte sich mit der Hausschwangeren bekannt – und bot ihr ein halbes Jahr später Job als Sekretärin an.

Inzwischen war Bosshardts Tochter Christa auf die Welt gekommen. Entgegen der gesellschaftlichen Norm entschied sich Bosshardt, das Kind zu behalten und selber grosszuziehen. Ein Entscheid, den ihre Eltern nie goutierten. «Für meine Mutter ist damals eine Welt zusammengebrochen», erinnert sich Bosshardt.

In Rorschach, wo sie aufgewachsen war, erfreute sich die Familie besten Ansehens. Der Vater war Direktor im Elektrizitätswerk; ein uneheliches Kind passte nicht ins bürgerliche Familienbild.

«Ich durfte jahrelang nur an Weihnachten mit meiner Tochter nach Hause kommen.»

Denn an Weihnachten blieben die Familien in ihren eigenen vier Wänden. Man spazierte nicht an der Seepromenade.

Wegen Schikanen gekündigt

Bosshardt trat die Stelle bei Alice Honegger an. Da sie eine Ausbildung als Sozialarbeiterin hatte, begann sie bald selber mit der Adoptionsvermittlung. «Zu Beginn waren Alice Honegger und ich ein gutes Team», sagt Bosshardt. Honegger sei eine gescheite Frau gewesen, geschult und vielsprachig. «Sie war kontaktfreudig und konnte sehr gut Leute überzeugen.»

Doch mit der Zeit habe sich Honegger immer weniger um die Vermittlungsstelle gekümmert. «Sie war oft für lange Zeit im Ausland, hat mich in Rapperswil die Arbeit machen lassen und dabei den vollen Lohn kassiert», sagt Bosshardt. Dazu seien Schikanen gekommen. Honegger habe sie persönlich angegriffen, gedemütigt und ihr Informationen vorenthalten. 

«Wenn Kunden kamen oder wenn sie telefonierte, schickte sie mich in den Keller.»

Alice Honegger hat damals begonnen, Verbindungen zu Sri Lanka aufzubauen. «Sie verkaufte zuerst Souvenirs aus Sri Lanka in Rapperswil. Später begann sie, Kinder zu vermitteln.»

In den 1960er-Jahren wurde es in der Schweiz üblich, Kinder aus der sogenannten Dritten Welt zu adoptieren. Neben die Idee, Babys aus der Armut zu retten, trat bald die Tatsache, dass in der Schweiz immer weniger Kinder zur Adoption vergeben wurden. «Der wachsende Wohlstand hatte dazu geführt, dass weniger Frauen ihre Kinder weggeben mussten», erinnert sich Bosshardt, die von einem eigentlichen «Kindermangel» spricht. Wegen der Antibabypille gab es ausserdem bald weniger ungewollte Schwangerschaften. Die Nachfrage nach Adoptivkindern aber blieb gleich. Und verlagerte sich ins Ausland.

1964 hielt Friedel Bosshardt das Arbeitsklima bei der «Privaten Mütter- und Kinderfürsorge» nicht mehr aus. Sie reichte die Kündigung ein. Als der Vereinsvorstand nach den Gründen fragte, erzählte sie von den Demütigungen durch ihre Chefin. Daraufhin habe der Vorstand gehandelt. «Er hat Alice Honegger fristlos entlassen.» Friedel Bosshardt übernahm danach auf Bitten des Vorstandes die Leitung der Vermittlungsstelle. Und führte sie bis zu ihrer Pensionierung in den 1990er-Jahren.

In Jona war man von Beginn an skeptisch

Der Bericht der Historikerin Sabine Bitter über die Vermittlerin Alice Honegger, den der Kanton St.Gallen 2019 publizierte, nennt noch einen anderen Grund für die Entlassung Alice Honeggers aus dem Verein «Private Mütter- und Kinderfürsorge». Beim Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement waren damals Klagen aus den Niederlanden eingegangen. Demnach seien Vermittlungen von Kindern aus der Schweiz ohne Zustimmung der Behörden erfolgt.

Es folgte eine Reihe anderer Beschwerden über Alice Honegger, die nach ihrer Entlassung eine eigene Vermittlungsstelle im nahe gelegenen Bollingen eröffnete. Sie reichten von «undurchsichtiger Geschäftsführung», Schikanen gegenüber schwangeren Frauen bis hin zu Erpressung. Die Vormundschaftsbehörde Jona empfahl dem St.Galler Regierungsrat 1973 schliesslich, Alice Honeggers Antrag für eine Bewilligung zur Vermittlung von Kindern aus dem Ausland abzulehnen. Diese Bewilligung war mit der damals in Kraft getretenen Adoptionsverordnung nötig geworden.

SP-Regierungsrat Florian Schlegel sah über diese Empfehlung hinweg, zumal andere Stellen Honegger nicht kritisierten. Ebenso über die Tatsache, dass die Vermittlerin einen grossen Teil der geforderten Nachweise zu ihrer Arbeit und ihrer Qualifikation nicht erbringen konnte. 1973 erteilte der Kanton Alice Honegger für ein Jahr die Bewilligung für die zwischenstaatliche Vermittlung von Kindern. Trotz weiterer Beschwerden wurde diese bis zum Tod Honeggers 1997 immer wieder verlängert. Der Bericht der ZHAW kommt deshalb zum Schluss, dass die kantonale Aufsicht versagt hat. Friedel Bosshardt drückt ihre Enttäuschung so aus: «In St.Gallen wusste man, dass etwas nicht stimmte. Aber man hat jahrelang die Augen zugemacht.»

Illegale Adoptionen aus Sri Lanka - Schweizer Behörden sahen weg

Die Behörden von Bund und Kantonen haben systematisch weggesehen, als fast 900 Kinder aus Sri Lanka zum grossen Teil illegal in die Schweiz adoptiert wurden. Eine Studie bringt das gesamte Ausmass des Missbrauchs von den 1970er bis in die -90er Jahre ans Tageslicht.