KALTBRUNN: Reklamationen wegen Helikopterflügen

Seit 2007 hat sich die Anzahl der Helikopterflüge im Linthgebiet fast verdoppelt. Besonders im Schutzgebiet Kaltbrunner Riet ist das ein Problem. Nun hat das kantonale Amt für Natur, Jagd und Fischerei bei den Helikopterunternehmen interveniert.

Urs Schnider
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Der Helikopterverkehr über dem Linthgebiet nimmt zu. (Bild: Urs Schwizer)

Der Helikopterverkehr über dem Linthgebiet nimmt zu. (Bild: Urs Schwizer)

KALTBRUNN. Der Helikopter kreist über dem Autobahndreieck bei Reichenburg. Er setzt zur Landung auf der Wiese neben der Fahrbahn an – ein Graureiher fliegt aufgeschreckt davon. Der Helikopter landet, lässt den Motor laufen, um nach wenigen Sekunden wieder abzuheben. Auf der A3 bremsen Autos ab, die Insassen schauen zum Heli hinüber. Er fliegt weg. Wenige Kilometer weiter, im Kaltbrunner Riet, schwebt er in der Luft, und verharrt dann ein, zwei Minuten rund 20 Meter über Boden.

Solche Szenen sind in der Linthebene in jüngster Zeit vermehrt zu beobachten. Immer mehr Helikopter fliegen über das Linthgebiet hinweg. Die Zahlen des Bundesamtes für Zivilluftfahrt (Bazl) belegen das: Für den nahegelegenen Flugplatz Mollis registrierte das Bazl im Jahr 2007 rund 1700 Bewegungen (Starts und Landungen zählen als je eine Bewegung). 2015 erfasste das Bazl bereits 3262 Bewegungen – beinahe doppelt so viele.

Der Präsident des Flugplatzes Mollis, Beat Oswald, sagt auf Anfrage zwar, dass die Anzahl der dortigen Helikopterflugbewegungen «recht stabil sei». Was für die letzten drei Jahre tatsächlich zutrifft. Im 2012 gab es einen Ausschlag nach oben. Dies dürfte gemäss Oswald mit dem Bau des Pumpspeicherwerks Limmern im Glarnerland zusammenhängen. Für das rund zwei Milliarden teure Bauwerk musste einiges an Material verschoben werden.

Reservat wurde vergrössert

Der langfristige Trend der Helikopterbewegungen beim Flugplatz Mollis zeigt aber steil nach oben. Dies im Gegensatz zur nationalen Entwicklung. Gemäss Oswald gibt es jedoch verschiedene Firmen, und zwar nicht nur aus Mollis, die Flüge in der Linthebene durchführen – insbesondere für Schulungen.

Die vielen Flüge führten beim kantonalen Amt für Natur, Jagd und Fischerei (Anjf) in jüngster Zeit vermehrt zu Beschwerden: «Es gab Reklamationen wegen der zahlreichen Helikopterflüge über und um die Schutzgebiete», bestätigt der Amtsleiter des Anjf, Dominik Thiel. Deswegen intervenierte er bei den Helikopter-Unternehmen der Region: nicht zuletzt, weil im Juli 2015 der Schutz des Wasser- und Zugvogelreservats im Benkner-, Burger- und Kaltbrunner Riet rechtskräftig vergrössert wurde. Das Riet zählt zu den Wasser- und Zugvogelreservaten von nationaler Bedeutung.

«Durch die Erweiterung der Schutzzone können die dort rastenden oder brütenden Vögel noch effizienter geschützt werden», hält Thiel fest. «Das Starten und Landen ist verboten.» Einschränkungen in der Nutzung des Luftraums über dem Schutzgebiet seien jedoch nicht geregelt. Deshalb gelangte Thiel Ende April in einem Schreiben an die Helikopterunternehmen: «Bitte verzichten Sie zum Schutz der Vögel auf tiefe Überflüge über dem Benkner-, Burger- und Kaltbrunner Riet», hiess es darin.

«Störungen sind massiv»

Klaus Robin, Biologe aus Uznach, der unter anderem Direktor des Schweizerischen Nationalparks und Dozent an Universitäten und Hochschulen war, sagt dazu: «Offenbar besteht eine Gesetzeslücke, aufgrund derer die Schutzgebiete von nationaler Bedeutung vor Flugbeeinträchtigungen zu wenig geschützt sind.» Weil die Überflughöhe nicht geregelt sei, seien die Störungen massiv: «Vögel fliehen in Panik aus diesen Gebieten. Genau dort, wo sie von Gesetzes wegen vollständigen Schutz geniessen sollten, werden sie aufs unerträglichste gestört.»

Sperrzone gefordert

Markus Schwizer, Gemeindepräsident von Kaltbrunn, sagt, es habe zwar vor einigen Jahren eine Firma ab und zu Übungsflüge im Bereich des Kaltbrunner Riets durchgeführt. «Nach der Intervention durch die Schutzgebietskommission und die Gemeinde hat sich die Situation aber verbessert», so Schwizer. In jüngster Zeit seien diesbezüglich keine Reklamationen mehr eingegangen. Schwizer selbst zeigt eine liberale Haltung: Wenn in Mollis, das zum Kompetenzzentrum für Helikopter werden soll, eine erfolgreiche Firma angesiedelt werde, sei das «für die ganze Region von Vorteil».

Aus Klaus Robins Sicht ist dagegen der Lärmdruck für die Natur «unhaltbar». Deshalb müsste aus seiner Sicht als «Sofortmassnahme eine Überflugsperrzone über den Schutzgebieten» eingeführt werden.