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Lehrling, Tornadofan und einer der besten seines Fachs in Österreich

Die Berufslehre hat in Vorarlberg eine Sonderstellung. Kaum eine Gegend in Europa hat eine derart hohe Lehrlingsquote. Der 17-jährige Fabio Egger zählt zu den Besten seines Fachs.
Andri Rostetter
«Eine feine Sache»: Fabio Egger, Koch- und Servicelehrling. (Bild: Ralph Ribi, 29. Mai 2018)

«Eine feine Sache»: Fabio Egger, Koch- und Servicelehrling. (Bild: Ralph Ribi, 29. Mai 2018)

Kurz nach 8 Uhr im Hotel Hirschen in Dornbirn. Ein Gast betritt den Frühstückssaal, nimmt sich die Lokalzeitung und beginnt zu lesen. Sofort steht Fabio Egger neben ihm, in der Hand zwei weitere Zeitungen. «Wollen Sie die auch noch?» Der Gast blickt erfreut auf und nimmt die beiden Blätter dankend entgegen. Fabio Egger ist im zweiten Lehrjahr als Gastronomiefachmann, eine Doppelausbildung zum Koch und Service-Fachmann. «Ich wusste schon mit 14, dass ich ins Gastgewerbe will. Ich liebe es, die glücklichen Gesichter der Gäste zu sehen, wenn man das Essen an den Tisch bringt.»

11 Uhr, Fabio Egger hat Pause bis 18 Uhr. Er setzt sich an den Tisch und beginnt entspannt zu erzählen. Schnell merkt man: Egger ist ein Gastronomie-Enthu­siast, der sich für das Patisserie-Experiment in der Küche genauso begeistern kann wie für den Small-Talk mit dem Gast aus der Ostschweiz über den einheimischen Rotwein. Der Umgang mit der täglich wechselnden Kundschaft im Hotel liegt ihm, wie er selber feststellt. «Ich halte nichts davon, Tische abzufertigen. Man muss auf die Gäste offen zugehen, mit ihnen reden. Dann fühlen sie sich wohl.» Nur vier Themen sind für Egger tabu, wenn er sich mit Hotelgästen unterhält: Religion, Politik, Geld und Privates. «Und auf Diskussionen darf man sich ebenfalls nicht ein­lassen, egal zu welchem Thema. Der Gast hat recht, auch wenn er falsch liegt», sagt Egger und schmunzelt. «Im Gastgewerbe heisst es: Der Kunde ist König – aber der Gastgeber ist der Kaiser. Das heisst, wir haben die Kontrolle über das Geschehen.»

Mehr Geld für die Berufsbildung

Fabio Egger ist einer von rund 7000 Lehrlingen in Vorarlberg. Das Bundesland hat die höchste Lehrlingsquote in ganz Österreich. Rund die Hälfte aller Jugendlichen entscheiden sich für eine Lehre. Das kommt nicht von ungefähr: Die Berufsbildung hat in Österreich generell einen hohen Stellenwert, das Land investiert erheblich mehr pro Schüler in berufsbildenden Schulen als in allgemeinbildenden Schulen. Das schlägt sich auch im internationalen Vergleich nieder: Auf der Sekundarstufe II besuchen ­Schüler häufiger berufsbildende Schulen als im Durchschnitt der OECD-Länder. Doch die Vorherrschaft bröckelt: Landesweit ist die Zahl betrieblicher Lehrstellen zwischen 2008 und 2017 um fast 31000 zurückgegangen, wie die «Vorarlberger Nachrichten» vor wenigen Tagen berichteten. In Vorarlberg gingen knapp über 1000 Lehrstellen verloren. Auch die Zahl der Ausbildungsbetriebe schrumpft. Heute gibt es rund 560 Lehrbetriebe weniger als noch 2008; statt 2435 sind es noch 1874.

Auch im Gastgewerbe ist die Zahl der Lehrlinge in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Nach dem Höchststand von 2007 mit knapp 900 Lehrlingen sind es heute noch 490. Für die Betriebe ist es schwieriger geworden, gute Lehrlinge zu finden. Solche wie Fabio Egger erst recht. Vor kurzem wurde der 17-Jährige in seiner Branche zum «besten Lehrling Österreichs» gewählt: Gastronomie-Experten besuchten inkognito Eggers Lehrbetrieb, bewerteten seine Arbeit – und waren begeistert. «Ich lerne sehr gern, wenn es um Gastronomie geht», sagt Egger. Die Berufsschule besucht er blockweise, nächstens wieder im Oktober für acht Wochen. Er wird die gesamte Zeit im Internat verbringen – nicht nur, weil er sich so das Pendeln sparen kann. «Es ist viel Stoff, die Tage sind anstrengend. Wenn ich im Internat bin, kann ich mich ganz auf das Lernen konzentrieren.» In diesen Wochen muss er sich nicht einmal um pünktliches Aufwachen ­bemühen: Die Lehrlinge werden jeden Morgen von der Internatsleitung geweckt, damit sie zeitig zum Unterricht erscheinen – für Fabio Egger «eine feine Sache». Ohnehin gefällt es ihm im Internat fast so gut wie im Betrieb. Vor allem die Getränkekunde hat es ihm angetan. Woraus besteht ein Fruchtsaft? Woher kommt der Zweigelt? Wie wird er gekeltert? Diese Fragen faszinieren ihn. Umso überraschender ist sein Lieblingsgetränk: «Red Bull – immer schön zwei pro Tag.» Das Getränk sei ideal in diesem Job. «Eins ahikippa und scho isch ma wider wach», sagt er in seinem breiten Dornbirner Dialekt.

«Naturkatastrophen faszinieren mich»

Fast wäre der junge Vorarlberger in einer komplett anderen Branche gelandet – in der Meteorologie. Besonders aussergewöhnliche Wetterphänomene haben es ihm angetan. «Es tönt vielleicht seltsam, aber Naturkatastrophen faszinieren mich.» Irgendwann will er nach Oklahoma. Nirgendwo auf dem Kontinent entstehen so viele Tornados wie in dem US-Bundesstaat. Egger weiss exakt, wie ein solcher Tornado entsteht, welche Kräfte er entwickeln kann. Aber mit eigenen Augen hat er noch nie einen gesehen. Vorderhand beschränkt er sich noch auf das gemässigte Vorarlberger Klima – zumindest bis zum Ende der Lehrzeit in zwei Jahren. Vielleicht schiebt er dann die USA-Reise nochmals hinaus, zu Gunsten seines anderen grossen Traums: ein eigenes Gasthaus, am liebsten etwas abseits von Dornbirn, am Fuss des Hausbergs Karren. «Das wäre fein.»

Es ist kurz vor 12 Uhr, noch sechs Stunden, dann steht Fabio Egger wieder im Einsatz, Abendschicht bis 21 Uhr. Dazwischen erholt er sich vor dem Computer mit Onlinespielen, «League of Legends». Kein Wunder, zählt er auch dort längst zur landesweiten Elite.

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