Kolumne

Justizgeschichten: Sie wollte ihren Sohn beschützen und wurde dafür verurteilt

Der siebenjährige Levin lebt bei seiner Mutter. Die regelmässigen Besuche beim Vater gestalten sich wiederholt schwierig. Sie werde bedroht und beschimpft, sagt die Mutter. Deshalb entzieht sie ihrem ehemaligen Partner den gemeinsamen Sohn und wird dafür verurteilt. Jetzt versucht sie, ihr Verhalten vor Gericht zu entschuldigen.

Rolf Vetterli
Drucken
Teilen
Alt Kantonsrichter Rolf Vetterli

Alt Kantonsrichter Rolf Vetterli

Bild: PD

Levin, ein munterer Erstklässler, feierte seinen siebten Geburtstag. Kurz zuvor trafen sich die Eltern – aber nicht zur gemeinsamen Vorbereitung der Festivitäten, sondern bei einem gegnerischen Auftritt im Strafgericht. Der Vater warf der Mutter vor, sie habe ihm das Besuchsrecht böswillig verweigert. Er wurde sekundiert vom Lebensgefährten der Grossmutter, welcher behauptete, die Frau sei unbefugt in das Haus eingedrungen. Darauf verurteilte ein eifriger Staatsanwalt sie wegen Entziehung eines Minderjährigen und Hausfriedensbruchs zu einer bedingten Geldstrafe von dreissig Tagessätzen. Nun versucht die Mutter, ihr Verhalten vor dem Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland zu entschuldigen. In der Befragung verweist sie auf ein ziemlich chaotisches Familienleben.

Beschimpft und bedroht vom Vater

Die nicht verheirateten Eltern trennten sich bald nach der Geburt des Kindes und schlossen eine Vereinbarung ab. Der kleine Sohn sollte fortan bei der Mutter leben und den Vater regelmässig besuchen. Die Mutter beklagte sich ständig, dass der ehemalige Partner sie beschimpfe und bedrohe. Sie liess sich bei der Kindesübergabe sogar von einem Bodyguard begleiten.

Am Ende der Sommerferien wartete sie beim Treffpunkt in St.Gallen vergeblich auf das Kind und erfuhr schliesslich, dass es sich bei der Grossmutter im Rheintal aufhalte. Diese beschied ihr bei der Ankunft, der Bub müsse noch sein Joghurt aufessen und komme dann. Die Mutter wurde draussen stehen gelassen und läutete Sturm.

Als man ihr widerstrebend öffnete, hörte sie das Kind weinen und schob den Fuss in die Tür. Danach wurde die Polizei gerufen. Diese schlichtete den Streit und sorgte dafür, dass die Mutter den Sohn mitnehmen konnte. Im nächsten Winter fand die überfürsorgliche Mama, das Kind sei nach den Besuchen beim Papa jeweils ganz durcheinander und brauche dringend Ruhe. Sie verlangte eine Sistierung des Kontakts.

In einer Vorwegnahme des erhofften Entscheids gab sie den Bub einige Monate lang nicht mehr heraus. Die Besuchsordnung wurde aber gerichtlich bestätigt, worauf die Mutter das Kind wieder gehen liess. Der Vater meinte, sie sei dazu nur unter Druck bereit gewesen, und hielt an seinem Strafantrag fest.

Bekanntes Konfliktmuster

Nach Auflösung der Familiengemeinschaft bekommt das Kind oft eine «Werktagsmutter» und einen «Sonntagsvater». Hinterher sind die Eltern mit dieser selbst gewählten Rollenverteilung manchmal unzufrieden und ändern die vereinbarten Regeln eigenmächtig ab. Etwa jede dritte Mutter erschwert als «Gate-Keeper» den Zugang zum Kind und fast jeder zweite Vater zieht sich zurück. Die daraus entstehenden Konflikte beschäftigen auch die Behörden und Gerichte.

Auf die Idee, einen solchen Kampf mit strafrechtlichen Mitteln auszutragen, ist man aber bisher glücklicherweise nicht gekommen. Eine Strafandrohung für die Vereitelung des Besuchsrechts wurde ausdrücklich abgelehnt, weil darunter indirekt auch das Kind zu leiden hätte. Die Einzelrichterin kann es sich also einfach machen: Sie verweist auf den klaren gesetzgeberischen Willen und spricht die Beschuldigte in diesem Punkt frei.

Wohl des Kindes wichtiger als die Privatsphäre

Übrig bleibt der kleinliche Vorhalt eines Hausfriedensbruchs. Dazu gibt es tatsächlich ein einschlägiges Urteil. Eine ältere Dame, die den passenden Namen Übelhart trug, zankte sich mit einem Nachbarn. Als der sie abwimmelte, klemmte sie den Schuh zwischen Tür und Schwelle. Damit habe sie, entschied das Bundesgericht vor sechzig Jahren, den Anspruch des Wohnungsinhabers auf Freiheit vor fremden Eingriffen verletzt, auch wenn sie sich nicht mit dem ganzen Körper in der Wohnung befand.

Dieser Fall liege jedoch anders, erläutert die Richterin. Die Beschuldigte habe keine Störung des Hausrechts beabsichtigt. Sie habe nur daran gedacht, ihren Sohn aus einer ungemütlichen Lage zu erlösen. Vielleicht hätte man stattdessen einen übergesetzlichen Rechtfertigungsgrund anrufen und eine «Wahrnehmung berechtigter Interessen» annehmen sollen. Die Frau handelte ja durchaus vorsätzlich, wollte aber vor allem das Wohl des Kindes schützen, und das war zweifellos wichtiger als die Achtung der gross­elterlichen Privatsphäre. Die Richterin verzichtet auf einen solchen juristischen Kunstgriff; ihr genügt für einmal der gesunde Menschenverstand.

Nach der Eröffnung des Urteilsspruchs gehen die Eltern grusslos auseinander. Hoffentlich entdecken sie noch vor dem nächsten Geburtstag, was ihr Kind sich am meisten wünscht: Es möchte, dass sie sich endlich wieder wie richtige Erwachsene benehmen.

Mehr zum Thema
Kolumne

Zwist am Zebrastreifen

Eine munteres Partyvölklein in einer Stretchlimousine erregt den Zorn eines Familienvaters. Nach einer Verfolgungsjagd und einem Fausthieb endet die Sache vor Gericht.
Rolf Vetterli

Der Raub eines Sixpacks

Ein Paar überfällt einen Pizzalieferanten, weil es plötzlich Durst hat. Vor Gericht ersucht es einen Freispruch mit haarspalterischer Begründung.
Rolf Vetterli