KOLUMNE
Justizgeschichten: Die Versammlung der Alpendohlen

Vögel verklagen, weil diese die wochenendliche Erholung in den Flumserbergen stören – ist das legitim? Ja, fand eine Zürcher Unterländerin und zog gegen die Vögel und ihre Anhängerschar mit einem Nachbarschaftsstreit der etwas anderen Art vor Gericht.

Rolf Vetterli
Drucken
So hübsch, so klug, zu lästig: die Alpendohle als unerwünschter Gast.

So hübsch, so klug, zu lästig: die Alpendohle als unerwünschter Gast.

Bild: Severin Bigler
Alt Kantonsrichter Rolf Vetterli.

Alt Kantonsrichter Rolf Vetterli.

Bild: Hanspeter Schiess

Eine Zürcherin besitzt ein gemütliches Chalet in den Flumserbergen. Seit einiger Zeit machten ihr die Wochenendbesuche aber keine rechte Freude mehr. Auf dem Dach ihres Ferienheims hockten nämlich im Winter zahlreiche Alpendohlen und warteten geduldig, bis sie von einem älteren Ehepaar in der Nachbarschaft gefüttert wurden. Die Unterländerin beschwerte sich, dass die Vögel fortwährend lärmten und das Haus beschmutzten. Sie reichte beim Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland eine Klage ein, in der sie verlangte, den Anrainern die Vogelfütterung zu verbieten, und zugleich Schadersatz forderte.

Die Vögel mit dem glänzend schwarzen Gefieder, dem gelben Schnabel und den roten Beinen sind ebenso kluge wie gesellige Tiere. Auch im Winter finden sie immer etwas zu fressen, zumal sie nicht besonders heikel sind. Sie können sich untereinander gut verständigen: So bedeutet der Laut «griig» etwa «komm her!». Als die ersten Dohlen den reich gedeckten Tisch entdeckten, riefen sie sogleich ihren Artgenossen. Die kamen in Scharen und blieben bis zum Sonnenuntergang. Fortan hielten sich täglich zwei- bis dreihundert Vögel in der Umgebung des klägerischen Hauses auf. Sie klopften und hämmerten auf das Dach, womit angeblich die Zimmer im oberen Stock nicht mehr bewohnbar waren. Sie liessen auch ganz ungeniert ihren Kot fallen, wonach anscheinend die Hauswände überall weiss gesprenkelt waren.

Naturereignis oder menschliches Tun?

Das Zivilgesetzbuch schreibt den Grundeigentümern vor, nicht im Übermass auf das Besitztum der Nachbarn einzuwirken, und zählt beispielhaft auf, was zu vermeiden ist – nämlich Rauch und Staub, übler Geruch, Lärm, Erschütterung, Strahlung oder Entzug von Tageslicht. Die Klägerin machte geltend, auch eine exzessive Vogelfütterung könne übermässige Wirkungen haben. Die Beklagten wandten dagegen ein, eine Überschreitung der Eigentumsrechte dürfe nur angenommen werden, wenn die Belästigung vom Grundbesitzer ausgehe. Das Verhalten der Vögel sei aber ein Naturereignis. Die Einzelrichterin befand jedoch, die Immissionen seien durch menschliches Tun verursacht und nach durchschnittlichem Empfinden nicht mehr zumutbar. Deshalb sprach sie ein totales Verbot der Fütterung von Wildvögeln aus und drohte für den Fall der Widerhandlung eine Busse an.

Zu prüfen blieb noch der Schadenersatz. Dazu gab die Klägerin an, der durch eine eingeschränkte Nutzung der Dachkammern entstandene Verlust betrage 2'400 Franken und der Aufwand für die Reinigung in mühsamer Handarbeit belaufe sich auf rund 12'000 Franken. Die Beklagten erwiderten, das Dachgeschoss sei auch schon früher leer gestanden und der Unterhalt des Hauses sei seit Jahrzehnten vernachlässigt worden. In diesem Punkt gab ihnen die Richterin recht. Der Schaden sei mit der reinen Behauptung entgangener Nutzungsmöglichkeiten und der blossen Vorlage einer Offerte für die Renovation nicht dargetan.

Beklagten wollen nicht auf Fütterung verzichten

Die Beklagten wollten auf den unterhaltsamen Umgang mit den zutraulichen Vögeln nicht verzichten und legten Berufung ein. Auch das Kantonsgericht St.Gallen kam allerdings zum Schluss, dass zwischen der Fütterung auf dem Grundstück der Beklagten und der Versammlung der Alpendohlen auf dem Grundbesitz der Klägerin ein «adäquater Kausalzusammenhang» bestehe. Es bestätigte zudem, dass die Immissionen nicht zu rechtfertigen seien. Dabei verliess es sich auf die Zeugenaussage des örtlichen Wildhüters. Dieser erklärte, er betrachte das Füttern von Bergdohlen als eine Liebhaberei, die zwar grundsätzlich erlaubt, aber keineswegs erwünscht sei, und habe den Beklagten vergeblich geraten, das Futter wenigstens nur einmal am Tag und in kleineren Mengen auszustreuen.

In einem Eventualbegehren brachten die Beklagten vor, ein umfassendes Fütterungsverbot gehe viel zu weit. Es wäre ihnen künftig verwehrt, auch nur ein Vogelhäuschen aufzustellen. Mehr noch – sie müssten sogar dann mit einer Busse rechnen, wenn sie einen Komposthaufen im Garten anlegen, einen Fressnapf für den Hund vor der Tür platzieren oder einen Abfallsack am Strassenrand deponieren würden. Diese Einrede überzeugte das Gericht zumindest teilweise. Die Anordnung sei unverhältnismässig, weil nie behauptet wurde, auch andere Vögel hätten Lärm und Dreck produziert. So steht nun Folgendes im Urteil: Den Beklagten wird untersagt, auf ihrer Parzelle Alpendohlen zu füttern oder füttern zu lassen. Damit ist fast alles geklärt. Nur eine kleine Frage bleibt noch offen: Wie bringt man den Dohlen bei, dass die Hanfsamen und Sonnenblumenkerne nicht für sie bestimmt sind?