JUSTIZ: Panik vor dem Briefe-Öffnen

Vor Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland musste sich ein Mann verantworten, weil er den Zivildienst geschwänzt hatte.

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Eigentlich hätte der 32-Jährige im vergangenen Sommer auf einem Bauernhof im Raum Sargans antraben sollen, um dort einen vierwöchigen Hilfseinsatz zu leisten. Doch er erschien weder zum behördlich verfügten Vorstellungstermin noch zum Einsatz selbst – in beiden Fällen unentschuldigt. Als der Säumige auch am letzten Tag des Einsatzes nicht auftauchte, reichte die Zivildienst-Vollzugsstelle Strafanzeige ein.

Das Untersuchungsamt in Uznach erliess vier Monate ­später einen Strafbefehl. Darin forderte es eine unbedingte Geldstrafe von 40 Tagessätzen à 30 Franken, also insgesamt 1200 Franken wegen des Zivildienstversäumnisses. Zudem sollte eine zwei Jahre zuvor bedingt ausgesprochene Geldstrafe über 20 Tagessätze à 120 Franken, also weitere 2400 Franken, vollstreckt werden. Dies, weil der Mann schon einmal den ­Zivildienst versäumt hatte, bedingt bestraft wurde und nun in der Probezeit erneut straffällig geworden sei. Weil der Beschuldigte Einspruch erhob, kam es zur Verhandlung.

Wer nun einen aufmüpfigen Systemverweigerer erwartet hatte, sah sich getäuscht. Der Beschuldigte präsentierte sich leise, zurückhaltend, angepasst. Er gab sein Versäumnis zu und bestritt lediglich den Vorsatz. Er leide an einer ­Depression und in deren Folge unter einer «Brieföffnungs­phobie». Darum sei er seit vier Jahren nicht mehr arbeits­fähig, habe sich zu Hause ver­krochen und ­keine Briefe mehr geöffnet. «Es wurde zur Gewohnheit, zu einem Automatismus.» Um die Mutter, bei der wohnte, zu täuschen, habe er jeweils am Nach­mittag das Haus verlassen. Kurz nachdem die Mutter von der Arbeit kam, sei er jeweils zurückgekehrt und habe den Eindruck erweckt, alles sei in Ordnung und er käme gerade vom Job.

Ein Klosterbesuch brachte alles ans Licht

Briefe hätte er vormittags abgefangen und versteckt, auch alle Rechnungen, Mahnungen und schliesslich Betreibungen. «Ich konnte nicht zu meiner Krankheit stehen und habe mich immer stärker geschämt», sagt er. Erst durch einen Klosterbesuch vor einem Jahr kam alles ans Licht. «Seitdem bin ich in Therapie und lerne mich mitzuteilen und mich meinen Auf­gaben zu stellen.» Darum habe er auch bereits den versäumten Dienst nachgeholt und zwar ohne Anstände. «Ich wollte ihn ja nie schwänzen.»

Die Verteidigung forderte zwar einen Schuldspruch, aber lediglich wegen fahrlässigen Zivildienst-Versäumnisses. Dafür hielt sie eine Strafe von 30 Tagessätzen à 10 Franken für angemessen, bedingt auf vier Jahre. Zudem solle die Vorstrafe nicht vollzogen ­werden. Dies mit Blick auf die grossen Fortschritte, nicht zuletzt im Bemühen, wieder Arbeit zu finden. «Die Prognose ist günstig.»

Dienst anstandslos abgegolten

Das Gericht schloss sich dem nicht an und verurteilte den Angeklagten wegen vorsätzlichem Zivildienstversäumnis. Dies, weil eine mögliche Einschränkung der Urteilsfähigkeit im fraglichen Zeitraum nicht belegt sei. «Die psychische Belastung kann bei der individuellen Strafzumessung berücksichtigt werden, nicht jedoch im Schuldspruch», hiess es dazu. Tatsächlich liess das Gericht auch im Blick auf die Strafe Milde walten. So wurde eine bedingte Geldstrafe über 300 Franken ausgesprochen und die Vorstrafe nicht für vollziehbar erklärt. Stattdessen liess man es bei einer Verwarnung ­bewenden. Verschulden und Strafbedürfnis seien nicht gerade ­riesig, zumal der Dienst ja in­zwischen anstandslos geleistet worden sei.

Reinhold Meier

ostschweiz@tagblatt.ch

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