Justiz
Nach verjährtem Lehrlingstod: Kantonsgericht soll über Innerrhoder Staatsanwalt richten

Weil er den Tod eines Appenzeller Lehrlings verjähren liess, musste sich der ehemalige Innerrhoder Staatsanwalt Herbert Brogli im August vor Bezirksgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft ficht den Freispruch der ersten Instanz an.

Noemi Heule
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Freispruch, lautete das Urteil des Bezirksgerichts Appenzell. Nun muss das Kantonsgericht über die Bücher.

Freispruch, lautete das Urteil des Bezirksgerichts Appenzell. Nun muss das Kantonsgericht über die Bücher.

Bild: fotolia

Fast zehn Jahre nach dem Unfalltod eines Lehrlings in einer Appenzeller Autogarage sprach das Innerrhoder Bezirksgericht im August einen Freispruch. Dieser galt jedoch nicht dem Lehrmeister oder dem Betriebschef, sondern dem leitenden Staatsanwalt Herbert Brogli. Er musste sich wegen Begünstigung vor Gericht verantworten. Denn der Lehrlingstod verjährte ungeklärt, weil ihn der Staatsanwalt nicht innert Frist vor den Richter gebracht hatte.

Der einstige Vorwurf: fahrlässige Tötung. Denn der Warenlift, in dem der Lehrling tödlich eingeklemmt worden war, war mangelhaft. Auch der Hersteller hätte sich deshalb vor Gericht verantworten müssen. Sieben Jahre vergingen, ohne dass das mutmassliche Tötungsdelikt in einen Schuld- oder Freispruch mündete.

Nun zieht sich der Fall weiter in die Länge. Der Freispruch gegen den säumigen Staatsanwalt ist nicht rechtskräftig geworden; die Staatsanwaltschaft ruft mit dem Kantonsgericht die nächste Instanz auf.

Strafbare Untätigkeit oder Arbeitsüberlastung?

Der ausserordentliche Staatsanwalt aus St.Gallen, der die Anklage gegen seinen ehemaligen Innerrhoder Amtskollegen erhoben hatte, forderte wegen Begünstigung in drei Fällen eine bedingte Freiheitsstrafe von neun Monaten. Er war sich sicher: Brogli hatte die Verjährung mit seiner Untätigkeit bewusst in Kauf genommen und damit eventualvorsätzlich gehandelt.

Der Angeklagte und sein Verteidiger sprachen dagegen von Arbeitsüberlastung des dazumal einzigen Juristen in der Innerrhoder Staatsanwaltschaft. Er habe den Fall zwar verschlampt, aber die Verjährung nicht bewusst geduldet, sagte der Verteidiger. Er forderte: Freispruch.

Systemlosigkeit, mangelnde Organisation und Nachlässigkeit

Das Gericht folgte dieser Argumentation. Der Freispruch heisse nicht, «dass keine Fehler passiert sind», sagte der Richter bereits im August. Auch in der schriftlichen Urteilsbegründung werden die Versäumnisse nochmals aufgezählt. Mehrfach war der Staatsanwalt von der Opferfamilie oder der Kriminalpolizei auf die drohende Verjährung aufmerksam gemacht worden. Er selbst forderte beim Landesfähnrich – dem Innerrhoder Justizdirektor – Unterstützung an. Vergeblich.

«Aufgrund des tragischen Unfalltodes eines jungen Mannes, erscheint es im Nachhinein unverständlich, dass dieser Fall nicht prioritär behandelt wurde.»

In der Urteilsschrift werden dem Beschuldigten zudem Systemlosigkeit, mangelnde Organisation und Nachlässigkeit vorgeworfen.

Sorgfaltswidrig, aber nicht vorsätzlich

Fehler sind also passiert, dennoch wurde Herbert Brogli freigesprochen. Er habe zwar sorgfaltswidrig gehandelt, aber die Verjährung nicht bewusst in Kauf genommen. «Bei bewusstem Untätigbleiben bis zur Verjährung kommt Begünstigung in Frage, nicht aber bei blossem ‹Verschlampen›», so die Begründung des Bezirksgerichts.

Nun muss die nächste Instanz über den Fall richten. Wann Herbert Brogli erneut auf der Anklagebank seiner ehemaligen Wirkungsstätte Platz nimmt, ist unklar. Ein Verhandlungstermin steht noch aus.