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Junge St.Galler sind nicht stimmfaul

Je jünger, desto stimmfauler – so lautet eine Faustregel. Im Kanton St.Gallen trifft die Regel jedoch nicht überall zu. In zwei Gemeinden gehen die 18- bis 24-Jährigen überdurchschnittlich oft an die Urne.
Marlen Hämmerli
Weil Junge weniger oft abstimmen gehen, werden Entscheide über ihre Köpfe hinweg getroffen. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

Weil Junge weniger oft abstimmen gehen, werden Entscheide über ihre Köpfe hinweg getroffen. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Die 18- bis 24-Jährigen sind stimmfaul – auch im Kanton St.Gallen. Zumindest, wenn die jüngsten Stimmberechtigten mit den über 60-Jährigen verglichen werden. Anders sieht die Sache aber im Vergleich mit der nächstälteren Generation aus.

Das Phänomen

So stimmen in Thal die 18- bis 24-Jährigen häufiger ab als die nächstältere Gruppe der 25- bis 39-Jährigen. Das geht aus Daten der kantonalen Fachstelle Statistik hervor.

Seit Mai 2017 erhebt die St.Galler Fachstelle für Statistik vertiefte Daten zur Stimmbeteiligung. Dazu wertet sie die Stimmzettel von neun Gemeinden (Au, Gos­sau, Mels, Quarten, Schmerikon, St.Gallen, Thal, Uzwil, Wildhaus-Alt St.Johann) nach soziodemografischen Merkmalen aus, etwa dem Alter oder dem Geschlecht. Ausgewertet wurden bisher sieben Abstimmungsdaten.

An den ausgewerteten Abstimmungen beteiligte sich in Thal durchschnittlich jeder dritte der jüngsten Stimmberechtigten. Bei den 25- bis 39-Jährigen war es nur knapp jeder vierte.

Nach Thal nahmen die jüngsten Stimmberechtigten am häufigsten in Wildhaus-Alt St.Johann an Abstimmungen teil. Und auch hier gehen die Jüngsten durchschnittlich häufiger an die Urne (31 Prozent) als die nächstältere Gruppe (30 Prozent).

Keine Ausreisser

Dieses Phänomen sei aussergewöhnlich, sagt Patrick Emmenegger, Professor für Politikwissenschaften an der Universität St. Gallen. «Es gibt keine offensichtlichen Gründe, warum die Stimmbeteiligung nach Altersgruppen regional variieren sollte. Wobei man mit Aussagen vorsichtig sein muss, denn es handelt sich um kleine Gruppen.»

Theo Hutter, Leiter der St.Galler Fachstelle Statistik. (Bild: Michel Canonica)

Theo Hutter, Leiter der St.Galler Fachstelle Statistik. (Bild: Michel Canonica)

Dem stimmt Theo Hutter, Leiter der Fachstelle Statistik, zu. In Thal leben nur rund 430 18- bis 24-Jährige. In Wildhaus-Alt St. Johann sind es rund 160. Dadurch hat eine einzelne Person einen höheren Einfluss auf die Beteiligungsquote der gesamten Altersgruppe. «Allerdings ist den Stimmbeteiligten ihr Einfluss auf die Quote bisher wohl nicht bewusst. Deshalb ist es als Erklärung für eine höhere Stimmbeteiligung nicht stichhaltig.»

Die Zeitreihe zeige zudem, dass die jüngsten Stimmberechtigten in Thal und Wildhaus-Alt St.Johann durchwegs überdurchschnittlich oft an die Urne gehen. Situative Einflüsse – etwa lokale Wahlen – die bei kleinen Gruppen theoretisch schneller für grosse Schwankungen sorgen könnten, scheinen laut Hutter also nicht verantwortlich zu sein.

Der Honeymoon-Effekt

Möglich ist laut Emmenegger ein «kurzer Honeymoon-Effekt»: Das Abstimmen ist für 18-Jährige neu und interessant. Deshalb gehen sie anfangs häufiger an die Urne. «Aber Junge stimmen durchschnittlich trotzdem weniger häufig ab. Mit dem Alter steigt dann die Kurve, erreicht mit etwa 65 Jahren einen Höhepunkt und flacht dann wieder etwas ab», sagt der Politologe.

Drei Erklärungsansätze

Es gibt laut Emmenegger aber verschiedene Erklärungsansätze. Einer ist jener der Ressourcen: Junge sind weniger stark in Netzwerke und Organisationen integriert, die die politische Teilhabe fördern. Ein zweiter Ansatz ist jener der Übersättigung: In der Schweiz finden zu viele Abstimmungen und Wahlen statt. «Möglich ist, dass dieser Effekt bei Jungen mehr spielt als bei Älteren», sagt Emmenegger. Die dritte Erklärung lautet: In der Schweiz wird nicht genug gemacht, um die Jungen zu mobilisieren. «In Deutschland organisieren die Parteien umfangreiche Jugendprogramme. Sie verfügen wegen der Parteienfinanzierung aber auch über mehr Geld.» Deshalb fragt sich Emmenegger, ob hierzulande die Parteien genug tun, um die Jungen zu mobilisieren.

Patrick Emmenegger, Professor für Politikwissenschaften an der HSG. (Bild: PD)

Patrick Emmenegger, Professor für Politikwissenschaften an der HSG. (Bild: PD)

Inzwischen gebe es zwar von jeder der etablierten Parteien auch eine Jungpartei. «Wenn eine junge Person sieht, wie Gleichaltrige über ein politisches Thema diskutieren, fühlt sie sich eher angesprochen, als wenn da ältere Politiker stehen.» Wichtig sei es auch, für die Ansprache Kanäle zu wählen, die die Jungen erreichen.

Wie Junge stimmen

Die Universität Bern hat eine Studie über das Stimmverhalten der Stadtsanktgaller erarbeitet. Diese ergab, dass das Vorurteil «ein grosser Teil der Jungen stimmt nie ab» nicht zutrifft. Stattdessen zeigte sich: Im Zeitraum von vier Jahren gingen knapp vier von fünf Stadtsanktgallern zwischen 18 und 25 Jahren mindestens einmal an die Urne. Ein grosser Teil der Jungen nimmt also selektiv an Abstimmungen teil, wodurch sie sich an der Urne abwechseln.

Dieses Phänomen ist Patrick Emmenegger bekannt. «Das selektive Abstimmen betrifft aber die meisten Bevölkerungsgruppen.» Deswegen sei es wohl keine Erklärung für die durchschnittlich tiefe Beteiligung der Jungen.

Die Folgen

Die tiefe Beteiligung hat direkte Folgen; Entscheide werden über ihre Köpfe hinweg getroffen: «Was heute entschieden wird, betrifft die Jungen in der Regel deutlich stärker, denn mit den Folgen müssen sie noch mindestens 50 Jahre leben», sagt Emmenegger. In den Parlamenten bräuchte es deshalb nicht nur mehr Frauen, sondern auch mehr Junge: «Diese haben andere Anliegen und Bedürfnisse. Jemand muss diese benennen.»

Ein Beispiel sei der Vaterschaftsurlaub. «50- oder 60-jährige Politiker haben die Familienplanung abgeschlossen. Für sie ist dieses Anliegen weit weg.» Positiv an den Klimastreiks sei deshalb, dass sich Junge politisch engagieren. «Das weckt die Hoffnung, dass sie dies später auch in anderen Fragen tun.»

Die Zukunft

Am 19. Mai kommt der AHV-Steuer-Deal an die Urne, eine Vorlage, die die Jungen stark betrifft. So sieht die Vorlage vor, dass pro Jahr zwei Milliarden zusätzlich in die AHV fliessen. Einen Teil davon sollen Arbeitgeber und Arbeitnehmer finanzieren, indem sie je 0,15 Prozentpunkte mehr an die AHV zahlen, also 1.50 Franken auf 1000 Franken Lohn. Junge, die eben ins Berufsleben starten oder gestartet sind, trifft dies stärker als jene, die kurz vor der Pension stehen. Ob aber deswegen die Jungen vermehrt abstimmen gehen, ist fraglich. Laut Emmenegger ist es aufwendig und schwierig, diese Altersgruppe zu mobilisieren.

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