Junge Spezialisten sollen nach dem Studium in der Region bleiben können

Wenn die Schweiz ausländische Fachkräfte ausbildet, müssen sie danach ohne viel Bürokratie hier arbeiten können: Das fordert FDP-Nationalrat Marcel Dobler. Auch die IHK St.Gallen-Appenzell sieht ein Problem.

Adrian Vögele
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An den Schweizer Hochschulen studieren viele Talente aus aussereuropäischen Ländern – die meisten arbeiten später im Ausland. (Bild: Getty)

An den Schweizer Hochschulen studieren viele Talente aus aussereuropäischen Ländern – die meisten arbeiten später im Ausland. (Bild: Getty)

Ob Chemikerinnen aus Fernost, Ingenieure aus den USA oder Informatiker aus Indien: Für Fachkräfte aus Drittstaaten – also Ländern ausserhalb Europas – ist der Zugang zum Schweizer Arbeitsmarkt mit Kontingenten geregelt. Das gilt auch dann, wenn sie hierzulande studiert haben, beispielsweise an der ETH. Dem St.Galler FDP-Nationalrat Marcel Dobler ist das ein Dorn im Auge. «Wir haben in der Schweiz jährlich 1700 Hochschulabgänger aus Drittstaaten. Aber nur 10 Prozent können bleiben und hier arbeiten.» Über 1000 dieser Absolventen seien Spezialisten aus Bereichen, in denen in der Schweiz ein ausgewiesener Mangel herrsche. «Es kann nicht sein, dass wir solchen Leuten die Ausbildung finanzieren, ohne dass der Schweizer Arbeitsmarkt danach in jedem Fall von ihnen profitieren kann.»

Marcel Dobler, St.Galler FDP-Nationalrat.

Marcel Dobler, St.Galler FDP-Nationalrat.

Zwar hat der Bund die Kontingente etwas erhöht, für dieses Jahr sind es insgesamt 8500. Laut Dobler liegt das Problem aber nicht nur bei der zahlenmässigen Einschränkung, sondern auch in übertriebener Bürokratie: «Die Prozesse sind heute unzumutbar. Vor allem Start-ups und KMU ­haben oft gar nicht das nötige Wissen und die Kapazität, um sich um Bewilligungen für solche Spezialisten aus Drittstaaten zu kümmern.»

Dobler verlangt deshalb per Motion, dass Personen aus Drittstaaten, die in der Schweiz in ­Bereichen mit Fachkräftemangel studiert haben, ganz von den Kontingenten ausgenommen werden.

Ostschweiz soll profitieren – wie Kanada und die USA

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) St.Gallen-Appenzell unterstützt Doblers Anliegen. Die Schwierigkeiten beträfen auch Ostschweizer Unternehmen, sagt der stellvertretende Direktor ­Robert Stadler auf Anfrage. «Die Kontingente selbst sind das eine Problem, das andere ist der Prozess dahinter.» Die Kontingen­tierung verursache beachtlichen Aufwand und führe zu Unsicherheit. KMU seien mangels Erfahrung stärker betroffen als Grossunternehmen. In der Ostschweiz seien Fachkräfte aus Drittstaaten vor allem für die Präzisions- und Maschinenindustrie sowie die ­Informatikbranche ein Thema.

Eine einfachere Regelung für ausländische Hochschulabsolventen sieht die IHK als Chance für die Ostschweiz. «In den USA, Kanada oder Australien leisten die ausländischen Abgänger der lokalen Universitäten eine wichtige Rolle am Arbeitsmarkt», so Stadler. Gerade im naturwissenschaftlich-technischen Bereich hätten diese Länder ein zusätzliches Angebot an Spezialisten, das sie sonst nie bekommen würden. «Diese Studenten kennen zudem bereits das Land und haben die nötigen Sprachkenntnisse.» Auch das Silicon Valley gehöre zu den Profiteuren dieser Zuwanderung. «Für die Ostschweiz wäre eine solche Möglichkeit sehr wichtig, gerade auch mit Blick auf die ­Informatikbranche.»

Keine Freude an derlei Vorstössen hat der Bundesrat: Im Herbst kritisierte die damalige Justizministerin Simonetta Sommaruga im Nationalrat, es sei «ein bisschen schizophren», wenn das Parlament einerseits die Beschränkung der Zuwanderung verlange, dann aber doch wieder Ausnahmen fordere. Zudem wies sie darauf hin, dass Hochschulabsolventen aus Drittstaaten, die in Branchen mit Fachkräftemangel tätig sein können, heute immerhin schon vom Inländervorrang ausgenommen seien. Das heisst: Ein Unternehmen, das etwa einen ETH-Chemiker aus Asien einstellen will, muss nicht zuerst nachweisen, dass es in der Schweiz und in Europa vergeblich nach Kandidaten für diesen Job gesucht hat. Der Nationalrat jedoch hatte für Sommarugas Einwände kein Gehör. Doblers Vorstoss wurde mit grosser Mehrheit angenommen, einzig die SVP stimmte dagegen. Vor kurzem hat sich auch die Staatspolitische Kommission des Ständerats deutlich für die Änderung ausgesprochen. Damit stehen die Chancen gut, dass auch die kleine Kammer der Motion zustimmt: Das Geschäft ist in der kommenden Frühjahrssession traktandiert.

Derzeit kein Engpass im Kanton St.Gallen

Einen Notstand bei der Zulassung von Spezialisten aus Drittstaaten, wie ihn etwa die Kantone Zürich und Basel-Stadt schon beklagt haben, gibt es in St.Gallen nicht: Aus Sicht des Amts für Wirtschaft und Arbeit reichen die Kontingente grundsätzlich aus. Dennoch begrüsst der Kanton, dass der Bund die Kontingente für die Aufenthaltsbewilligung B um 1000 Einheiten erhöht hat. Vor allem in der Industrie gebe es eine erhöhte Nachfrage nach Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aus Drittstaaten, sagt Amtsleiterin Karin Jung. Zur Motion von Marcel Dobler nimmt das Amt keine Stellung, so lange der politische Prozess noch läuft.