JUBILÄUM: Erfolge, Kämpfe und Debakel

Der Abstimmungskampf zum EWR vor 25 Jahren war die Geburtsstunde der St. Galler SVP. Niemand glaubte damals, dass die Kantonalpartei in kürzester Zeit national Aufsehen erregen würde.

Andri Rostetter
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Andri Rostetter

andri.rostetter@tagblatt.ch

Knapp 60 Leute trafen sich am 23. November 1992 im Saal des Restaurants Sonne in Gossau. Eingeladen hatte Albert Schwarzmann, ehemaliges FDP-Mitglied und vehementer Gegner des EWR-Beitritts. Schwarzmann wollte eine neue Partei gründen im Kanton St. Gallen – jene Partei, die den EWR als einzige bekämpfte. Im Saal sass auch der damalige Thurgauer Ständerat und Präsident der SVP Schweiz, Hans Uhlmann. Er gab das Ziel vor: Zehn Prozent Wähleranteil müsse die St. Galler Sektion in zehn Jahren erreichen. So richtig glaubte daran allerdings niemand, die Kräfteverhältnisse im Kanton schienen klar. Hinzu kam, dass die Partei in St. Gallen schon zweimal gescheitert war. In den 1960er- und 1970er-Jahren tauchten an Nationalratswahlen viermal SVP-Listen auf, die jedoch nie einen Sitz holten. Zweimal kam es zur Gründung einer St. Galler SVP-Sektion, 1975 und 1983. «Wir suchen im Kanton St. Gallen kein politisches Abenteuer, wir suchen den politischen Erfolg», sagte Max Friedli bei der Neugründung 1983. Friedli, späterer Direktor des Bundesamtes für Verkehr, war Generalsekretär der SVP Schweiz und eine der treibenden Kräfte der Partei. Die junge St. Galler SVP schielte damals auf den Thurgau. Dort hatte die Partei in den Nationalratswahlen 1979 den Spitzenplatz geholt, vor CVP, SP und FDP. Im Kanton St. Gallen blieb der SVP der Durchbruch nach wie vor verwehrt.

Die Wiederbelebung der Partei 1992 stand unter einem besseren Stern. Der hart geführte Abstimmungskampf um den EWR verlieh der SVP landesweit ungeahnten Schub. Nur ein halbes Jahr nach der Neugründung organisierte die St. Galler Sektion in ­Ebnat-Kappel ihre erste Churfirsten-Tagung, gedacht als Ostschweizer Pendant zur Zürcher Albisgüetli-Tagung. OK-Chef war der damals 18-jährige Toni Brunner, Toggenburger Bauernsohn und Parteimitglied der ersten Stunde. Schon im Alter von 17 Jahren hatte Brunner einen Brief an das Generalsekretariat der SVP Schweiz geschrieben, mit der Forderung, im Kanton St. Gallen doch bitte die Gründung einer SVP-Sektion voranzutreiben.

Der Anruf des Parteipräsidenten

Vor den eidgenössischen Wahlen 1995 blieb die Liste der St. Galler SVP so lange unvollständig, bis es selbst Parteivater Hans Uhlmann zu bunt wurde. Er griff eigenhändig zum Hörer und telefonierte sich quer durch den Kanton. Auch bei der Familie Brunner in Ebnat-Kappel rief er an. Er überredete den 21-jährigen Toni Brunner, auf der Nationalratsliste der SVP zu kandidieren. Es gehe weniger darum, einen Sitz zu holen, als vielmehr um das Sammeln von Erfahrungen. Dass es Brunner sein würde, der den ersten Nationalratssitz in der Geschichte der St. Galler SVP holen sollte, daran dachte Uhlmann damals nicht im Traum.

Bald setzte der Siegeszug der Partei auch im Kanton ein. Im Frühjahr 1996 nahm die Partei die Pfalz ins Visier und holte auf Anhieb 14 Sitze. 1999 traten die Kantonsräte der vor der Auflösung stehenden Autopartei der SVP bei, die Fraktion wuchs auf 19 Vertreter. In den kantonalen Wahlen im Jahr 2000 holte die Partei 42 Sitze. Das entsprach einem Anteil von 23,4 Prozent – über 13 Prozent mehr, als Uhlmann bei der Gründung gefordert hatte. Auch auf nationaler Ebene setzte die Partei ihren Siegeszug fort. Bereits 1999 holte die St. Galler SVP drei Nationalratssitze; neben Brunner sassen nun neu Theophil Pfister und Elmar Bigger in der grossen Kammer. 2003 gewann die Partei mit Jasmin Hutter erneut einen Sitz hinzu, 2007 holte Lukas Reimann den fünften.

Von fünf auf vier und wieder auf fünf Sitze

Einen Rückschlag erlitt die St. Galler Sektion 2011: Der für Jasmin Hutter nachgerückte Roland Rino Büchel konnte seinen Sitz zwar verteidigen, auch der Rorschacher Stadtpräsident Thomas Müller, 2011 von der CVP zur SVP übergetreten, wurde wiedergewählt. Dafür konnte der zurückgetretene Pfister nicht ersetzt werden, und Bigger verlor sein Mandat. 2015 machte die Partei diesen Verlust wieder wett und holte mit Barbara Keller-­Inhelder den fünften Sitz zurück.

Weniger Glück hatte die St. Galler SVP, wenn es um Exekutivämter ging. Im Jahr 2000 trat sie erstmals zu den Regierungsratswahlen an, 2004 zum zweiten Mal. Beide Versuche blieben erfolglos. Erst im dritten Anlauf klappte es: 2008, die SVP war inzwischen stärkste Partei im Kanton, schaffte Stefan Kölliker, Treuhänder aus Bronschhofen, im zweiten Wahlgang den Sprung in die Regierung. Kölliker ist bis heute der einzige Vertreter der SVP in der Pfalz. 2010 kandidierte Herbert Huser erfolglos, 2012 Michael Götte, 2016 wiederum Huser. Husers zweite Kandidatur wurde zum Debakel, er holte nicht einmal die Stimmen der SVP-Basis. Die Partei baute darauf aus dem Nichts eine neue Kandidatur auf: Für den zweiten Wahlgang wurde Toni Brunners Lebenspartnerin Esther Friedli auf den Schild gehoben. Sie musste sich FDP-Mann Marc Mächler geschlagen geben.

Am Samstag hat die Partei in Mels mit 500 Gästen ihr Jubiläum gefeiert. Festredner war einer, der die St. Galler Sektion zumindest im Hintergrund mitgeprägt hat: Christoph Blocher.