Jodlerfest
1,7 Millionen Franken Budget, 45'000 Zuschauerinnen und Zuschauer, 3000 Aktive, 2000 Helfer – ein Jahr vor dem Jodlerfest in Appenzell

Nach langer Corona-Pause wollen auch die Jodler in der Nordostschweiz 2022 in Appenzell endlich wieder feiern dürfen – frei nach dem Motto: «Me nehnd no ees».

Christoph Zweili
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Vorgeschmack auf das Nordostschweizerische Jodlerfest in Appenzell 2022: «Rugguussele» in der Hauptgasse.

Vorgeschmack auf das Nordostschweizerische Jodlerfest in Appenzell 2022: «Rugguussele» in der Hauptgasse.

Bild: Benjamin Manser

«Me nehnd no ees», sagen die Appenzeller, wenn sie noch ein Rugguusseli anstimmen. Andere meinen damit, dass sie noch ein Gläsli zusammen trinken. Die Innerrhödler sagten sich, das eine tun, das andere nicht lassen und machten daraus ein Festmotto: Die sieben Jodelvereine - Öhrli-Chörli Appenzell, Jodlergruppe Hirschberg, Jodelchörli Wildkirchli, Doppelquartett Pfiifestier, Chrobeg-Chörli, Bergwaldchörli, Engel-Chörli – stemmen das 31.Nordostschweizerische Jodelfest vom 1. bis 3.Juli 2022 zusammen mit 2000 Helferinnen und Helfern. Erwartet werden rund 45’000 Zuschauer und 3000 Aktive, die sich ab Ende Jahr in den Disziplinen Jodel, Alphorn und Fahnenschwingen anmelden können.

Nicolas Senn, OK-Mitglied Nordostschweizerisches Jodelfest.

Nicolas Senn, OK-Mitglied Nordostschweizerisches Jodelfest.

Bild: Benjamin Manser

Nach exakt 40 Jahren ist Appenzell am ersten Juli-Wochenende 2022 erneut Gastort für das regionale Jodlerfest. Am Montag orientierte ein Teil des 40-köpfigen Organisationskomitees über den Stand der Vorbereitungen, einen Tag nach dem Wochenende, an dem auch das Eidgenössische Jodlerfest in Basel stattgefunden hätte. Mit dabei ist auch Nicolas Senn, der seit 2012 die preisgekrönte Sendung «Potzmusig» sowie die Live-Gala «Viva Volksmusik» im Schweizer Fernsehen SRF 1 moderiert.

Weil das coronabedingt bereits von 2020 auf 2021 verschobene «Fest der Feste» erneut nicht stattfand, sind jetzt auch verschiedene Unterverbandsfeste unter Druck, bevor das nächste reguläre «Eidgenössische» 2023 in Zug über die Bühne gehen wird. Denn: Wer 2023 in einer der drei Disziplinen am «Eidgenössischen» teilnehmen will, muss zuvor vor einer Fachjury mit einem «sehr gut» oder «gut» qualifiziert und an einem eigenen Unterverbandsfest teilgenommen haben.

OK-Präsident Philipp Haas.

OK-Präsident Philipp Haas.

Bild: Benjamin Manser

OK-Präsident und Aktiv-Jodler Philipp Haas ist unter den Rathausbögen an der Hauptgasse in Appenzell guter Dinge, dass das Jodlerfest in Appenzell stattfinden kann: «Verschärft sich die Coronalage, werden wir das Fest redimensionieren und nur die Wettvorträge durchführen.»

Die Hauptgasse ist das Festzentrum

Der Grossanlass in Appenzell wird am 1.Juli 2022 mit einer feierlichen Zeremonie auf dem Landsgemeindeplatz eröffnet. Für die Aktiven stehen dann die Wettvorträge im Theatersaal des Gymnasiums, im Kapuzinerkloster, in der Pfarrkirche St.Mauritius sowie in der Turnhalle und der Aula Gringel vom Freitagvesper bis Samstagabend auf dem Programm. Die Alphorn- und Büchelauftritte sind im Innenhof des Gymnasiums zu hören und die Fahnenschwingerinnen und -schwinger zeigen ihre Paradeschwünge in der Turnhalle Wühre. Am Sonntag ist ein Festakt mit musikalischen Festgottesdienst geplant – im Mittelpunkt steht die Uraufführung einer neuen Jodlermesse. Als farbiger Abschluss führt ein Festumzug mit 40 Brauchtumsujets durchs Dorf.

OK-Mitglied und Alphornbläserin Corinne Speck braucht kein Bett am Jodlerfest: Sie will bis zur Morgendämmerung durchsingen und -spielen.

OK-Mitglied und Alphornbläserin Corinne Speck braucht kein Bett am Jodlerfest: Sie will bis zur Morgendämmerung durchsingen und -spielen.

Bild: Benjamin Manser

Mittelpunkt des Jodlerfestes ist die Hauptgasse in Appenzell – mit vielen kleinen «höckligen und heimeligen» Festzelten. Das grosse Tanz- und Festzelt sucht man am «Nordostschweizerischen» vergebens. Haas sagt:

«Bei uns stehen Jodeln, Alphornblasen und Fahnenschwingen im Zentrum.»

Gesagt, getan: Sechs Männer und eine Frau, die meisten im OK, stehen in der Gasse im Kreis – völlig auf sich selbst und den Ton konzentriert. Die Hände im Hosensack. Der Jüngste stimmt den mehrstimmigen textlosen Naturjodel an. Einer nach dem anderen intonieren sie die gefühlvoll gesungenen Vokale und Silben, das «Rugguusseli,» mit.

Beliebtes Fotosujet: Das OK machte beste Werbung für das Jodlerfest 2022 in Appenzell.

Beliebtes Fotosujet: Das OK machte beste Werbung für das Jodlerfest 2022 in Appenzell.

Bild: Benjamin Manser

Als hätte sie ein Zauberstab berührt, bleiben Touristen und Einheimische stehen, ergriffen von der schlichten, langsamen Melodie steigen sie vom Velo und greifen zu ihren Handykameras: Ein Vorgeschmack auf das Jodlerfest mitten im Herzen Appenzells à la minute quasi. OK-Mitglied und Alphornbläserin Corinne Speck weiss schon jetzt, dass sie kein Bett brauchen wird: «Am schönsten ist es, wenn jeder mit jedem singt – bis zur Morgendämmerung.»