Jodeln – urchig und modern

Im Rahmen des Naturstimmenfestivals hat am Samstag das erste Internationale Jodelsymposium stattgefunden. Klangwelt-Initiant Peter Roth plädierte für den Erhalt des Naturjodels.

Michael Hug
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Jodeln verschieden: Christine Lauterburg und Nadja Räss in der Kirche in Alt St. Johann. (Bild: Michael Hug)

Jodeln verschieden: Christine Lauterburg und Nadja Räss in der Kirche in Alt St. Johann. (Bild: Michael Hug)

Alt sT. Johann. Peter Roth, Initiant der Klangwelt Toggenburg und des Naturstimmenfestivals, rief in seinem Auftaktreferat zum Jodelsymposium dazu auf, den Naturjodel zu erhalten. Sein Plädoyer «Wider die Zähmung des Naturjodels» richtete er unter anderem an die Präsidentin des Eidgenössischen Jodlerverbands, Karin Niederberger: «Bewertet an Jodlerfesten urchige Naturjodel und gepflegte Jodellieder nicht mit gleichen Kriterien – sie entstammen zwei verschiedenen Kulturen.

» Seit 1708 die temperierte Stimmung erfunden worden sei, lebe man in Europa mit zwei unterschiedlichen musikalischen Systemen, so der Komponist und Chorleiter.

Wunsch an den Verband

Es sei alarmierend, wenn die Kriterien des temperierten Systems die schrägen Intervalle und urchigen Klangfarben des Naturjodels verdrängen, so Roth.

Dies passiere schleichend an Jodelfesten; immer mehr «Kampfrichter» hätten Konservatorien absolviert, die naturtönig mit falsch und urchig mit ungepflegt gleichsetzen. Roth empfahl dem Eidgenössischen Jodlerverband, sich zum 100. Geburtstag ins Stammbuch zu schreiben: «Misst urwüchsige Stimmen nicht am klassischen Stimmideal und verlangt von den Naturjodelinterpreten weder Partituren noch feststehende Tonarten.»

Traditionell und progressiv

Die Einsiedler Jodlerin Nadja Räss, Initiantin des Jodelsymposiums, führte durch das Programm. Das Jodelkonzert am Vorabend hatte Interpreten aus verschiedenen Landesgegenden und Stilen auf die Bühne gebracht. Die Auftritte von Marie-Theres von Gunten, die das traditionelle Jodellied vertrat, der Geschwister Schönbächler, Vertreterinnen des Muothataler Naturjutz, eines gemischten Toggenburger-Appenzeller Ad-hoc-Chores und von Christine Lauterburg,

Interpretin eines progressiven Stils, zeigten dem Publikum in der ausverkauften Pfarrkirche von Alt St. Johann die Eigenheiten der in der Schweiz gepflegten Jodelstile.

«Lautes, schreckliches Singen»

Wie der Jodel im Alpenraum entstanden war und gepflegt wird, erklärte die Wiener Volksmusik-Forscherin Evelyn Fink-Mennel: «Erste Aufzeichnungen aus dem vierten Jahrhundert bezeichneten den Naturjodel noch als lautes, wortloses und schreckliches Singen der Hirten.

» Auch wenn der Jauchzer bis ins 21. Jahrhundert immer weiterentwickelt worden sei, so liege im wortlosen Artikulieren noch immer ein therapeutisches Potenzial, meinte Fink – nicht ohne Schalk. Ebenso humorvoll und mit aufschlussreichen Bildern aus jodelnden Kehlköpfen führte der deutsche Musikmediziner Matthias Echternach in die Physiologie des beim Jodeln typischen Kelhkopfschlages ein.

In der abschliessenden Podiumsdiskussion konterte Verbandspräsidentin Karin Niederberger Peter Roths Aufruf: «Eine Änderung des Bewertungssystems müsste von den Mitgliedern beantragt werden. Ich glaube aber: Die Mehrheit will das nicht.»