Jetzt reden die «Gangnam-Girls»

MÜNCHWILEN. Zwei junge Thurgauerinnen wollten Silvester in New York feiern. Stattdessen sassen sie 18 Stunden lang im Gefängnis und wurden von den Medien gejagt. Sie erzählen, wie sie den Vorfall mit dem demolierten Auto erlebt haben.

Ida Sandl
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Fünf vor zwölf fing der Albtraum an. Silvester in New York. Es war eisig kalt, überall Menschen, Absperrungen, Polizei. Zwei Schwestern aus dem Thurgau wollten zum Times Square, wie alle. Sie kamen bis zur Ecke, wo die 42. Strasse sich mit der 9. Avenue kreuzt. Dort stand ein schwarzes Auto am Strassenrand. Die Menschenmasse wälzte sich vorwärts. Sie seien gegen den Wagen gedrängt worden, sagt die eine. Sie waren froh. Das Auto bot Halt.

Dann habe der Wagen angefangen zu schaukeln. Die Schwestern sahen, wie Leute auf dem Autodach herumhüpften. Es ging alles sehr schnell. Zwei Polizisten in Zivil drängten durch die Menge, die Autodach-Randalierer seien getürmt. «Wer hat das getan?», schrien die Polizisten. Dann gingen sie auf die Thurgauerinnen los, warfen sie auf den kalten Asphalt, legten ihnen Handschellen an. «Was haben wir verbrochen?», schrie die eine Schwester. «Maul halten», habe der Polizist gebrüllt.

Zurück in der Heimat

Die beiden Schwestern sitzen im Wohnzimmer. Hübsche Frauen mit dunklen Locken. Glücklich zurück bei ihrer Familie, in der Schweiz, in der Freiheit. Ein halbes Jahr lang dürfen sie jetzt dem amerikanischen Recht nicht in die Quere kommen, dann wird die Anklage gegen sie fallengelassen und der Fall werde von sämtlichen amerikanischen Registern gelöscht. Der Vorwurf: krimineller Unfug, Aufruhr und ordnungswidriges Verhalten. «Wir sind unschuldig», beteuern die Schwestern. Deshalb erzählen sie jetzt, wie sie die Geschichte erlebt haben. Damit nach dem vielen, was über sie geschrieben wurde, die Wahrheit ans Licht komme.

In Handschellen abgeführt

«Schaut, was ihr angerichtet habt», habe der Polizist sie angefahren, als die Schwestern mit Handschellen gefesselt im Polizeiauto sassen und am demolierten Wagen vorbeifuhren. «Das waren wir nicht», beteuerten sie. «Wir haben Videos», beharrte der Polizist.

Zu dieser Zeit glaubten die Frauen noch, dass sich die Verwechslung schnell klären werde. Die Videos würden ihre Unschuld beweisen. Doch die bekamen sie nie zu sehen.

Sie wurden aufs Polizeirevier gebracht: Fotos, Fingerabdrücke, Augenscanner. Sie mussten Handys, Ausweise und Portemonnaies abgeben. Dann wurden sie in eine Zelle gesperrt. Dort sassen eine illegal eingereiste Südamerikanerin und eine Strassenhändlerin ohne Bewilligung.

Einige Polizisten hätten sie sehr rüde behandelt, sagen die Schwestern. «Ah, ihr kommt aus der Schweiz. Dann hat Daddy sicher Geld.» Und: «Jetzt seid ihr mal an der Reihe mit Bezahlen.»

Einzigen Anruf vergeudet

Einen Inland-Anruf hatten die Frauen zugute. Sie wollten ihre Tante in den USA verständigen, doch die Nummer war auf dem Handy und das hatten sie abgeben müssen. Ein freundlicher Officer suchte die Nummer aus dem Internet. Doch der Eintrag war veraltet, der Anruf vergeudet. Nach zehn Stunden ohne Essen wurden die beiden verlegt. In eine andere Zelle, zusammen mit 15 Frauen, die sich wunderten, was diese Küken hier wollen.

Irgendwann seien zwei Männer eingetroffen, die sich als ihre Pflichtverteidiger vorstellten. Beide hätten nicht sonderlich interessiert gewirkt. Sie rieten ihren Mandantinnen, sich schuldig zu bekennen. «Nein, wir sind unschuldig», sagten die Schwestern.

Der Anwalt kam zu spät

18 Stunden nach ihrer Verhaftung wurden die Thurgauerinnen der Richterin vorgeführt. Die habe schnell, undeutlich und kurz geredet. Sie verstanden nur, dass sie am 4. Januar wieder vor Gericht erscheinen müssen. Das war der Tag, an dem sie zurückfliegen wollten. Aber daran war ohnehin nicht zu denken. Die Polizei hatte die Pässe zurückbehalten.

Für die Schwestern zählte vor allem, dass sie wieder in Freiheit waren. Sie fuhren zurück zu Onkel und Tante und setzten sich mit der Botschaft in Verbindung.

Zur Verhandlung am 4. Januar kam der Anwalt der einen Schwester zu spät. Die Richterin war sauer: Verhandlung vertagt, neuer Termin 4. April. Im Gerichtssaal war auch eine Journalistin der «New York Post». Sie schoss Fotos und stellte Fragen. «Wieso interessiert Sie das?», wollte die Thurgauerin wissen. Das stand dann auch im Artikel, mit dem Zusatz, sie habe «verärgert gefragt».

Am nächsten Tag sahen die Thurgauerinnen ihr Foto auf Papier und in der Online-Ausgabe der «New York Post». Darunter stand, dass zwei Schweizerinnen wohl etwas ausgeflippt seien am Silvesterabend und auf einem Polizeiauto den Gangnam-Style getanzt hätten. Gangnam-Style? Die eine Frau zuckt die Schultern. «Keine Ahnung, wer das in die Welt gesetzt hat.» Niemand habe getanzt, auch nicht die Typen auf dem Autodach. Psy sei in der Silvesternacht mit seinem Gangnam-Rap zwar auf dem Time Square aufgetreten, doch davon hätten sie nichts mitbekommen.

Von da an waren die Thurgauerinnen nur noch die «Gangnam-Girls». Dass auch die Schweizer Zeitungen ausführlich über sie schrieben, erfuhren sie erst ein paar Tage später von einer aufgeregten Cousine, die fragte, was los sei.

In diesem Moment habe die eine Schwester gedacht, ihr Leben sei zerstört. Im Sommer wird sie ihr Studium abschliessen. Würde sie so einen guten Job finden? Spätestens jetzt war den Frauen klar, dass sie da alleine nicht mehr herausfinden würden. Die Schweizer Botschaft in den USA habe ihnen nicht viel helfen können, sagen die Schwestern.

Eine Schwester telefonierte die New Yorker Anwaltsbüros ab und fand schliesslich Kenneth Russo. Der sagte, dass er den Fall übernehme und dass die Affäre «lächerlich» sei.

20 Anrufe jeden Tag

Inzwischen läutete in Münchwilen das Telefon Sturm, um die 20 Anrufe wimmelten die Eltern täglich ab. Journalisten warteten vor dem Haus, einige riefen sogar am Arbeitsplatz der Mutter und des Bruders an.

Wenige Tage nachdem sich Russo eingeschaltet hatte, bekam die eine Schwester ihren Pass und flog zurück in die Schweiz, um das letzte Studiensemester klarzumachen.

Die andere Schwester musste ein paar Wochen länger bleiben, bis sich die Staatsanwaltschaft mit der Verteidigung geeinigt hatte. Die Anklage wird für ein halbes Jahr ausgesetzt, wenn die Schwestern in dieser Zeit nicht straffällig werden, wird sie fallengelassen. Seit einer knappen Woche ist auch die zweite Thurgauerin wieder daheim.

Um einen Freispruch zu erreichen, hätten die Schwestern am 4. April nochmals vor Gericht erscheinen müssen. Doch dafür haben sie weder die Nerven noch die Zeit. Geld sei keines geflossen, betonen die Thurgauerinnen. Den Anwalt müssen sie aber zahlen. Er sei nicht billig, mehr wollen sie dazu nicht sagen.

Die verlorene Ehre

Letzte Woche kursierte die Meldung, die «Gangnam-Girls» wollten ihre Story verkaufen. Sie sagen, Kollegen hätten ihnen dazu geraten: «Ihr habt so viel durchgemacht, warum schlagt ihr nicht Kapital daraus.» Die Idee hätten sie aber schnell wieder verworfen. «Es geht nicht um Geld», sagt eine Frau. «Wir wollen unsere Ehre zurück.»