Viele Spekulationen, null Beweise – weshalb die St.Galler Staatsanwaltschaft die Akte Ylenia nicht wieder öffnen will

Zwölf Jahre nach dem gewaltsamen Tod der fünfjährigen Ylenia haben sich die St.Galler Staatsanwaltschaft und die Kantonspolizei noch einmal zum Fall geäussert. Hintergrund: Ein Buchautor und ein Ex-Polizist behaupteten, dass alles ganz anders gelaufen sei als bisher bekannt. An der Medienkonferenz lieferten die Behörden Fakten, um die medialen Spekulationen zu entkräften.

Stephanie Martina
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Der Medienauflauf ist gross – erstaunlich gross für einen Fall, der eigentlich seit zwölf Jahren abgeschlossen ist. Dafür verantwortlich, dass der Fall Ylenia jetzt wieder an die Oberfläche kam, sind Medienberichte von «Blick» und «TVO». Darin wurden Gerüchte und Spekulationen verbreitet, wonach Urs Hans von Aesch kein Einzeltäter sein konnte, wie die Ermittlungen der Polizei damals ergaben. Zu Wort kam neben einem ehemaligen Polizisten auch der Berner Autor Peter Beutler, der ein Buch über den Kristallhöhlenmord in Kobelwald geschrieben hat und seit Jahren im Fall Ylenia recherchiert. Beide zeigten sich in den Medien überzeugt, dass der Fall Ylenia nicht so abgelaufen sein kann, wie es von Polizei und Justiz kommuniziert worden war. Ihre Nachforschungen und Zeugenaussagen würden darauf hindeuten, dass Urs Hans von Aesch einen Mittäter gehabt haben musste. Beutler und Sutter liefern sogar dessen Namen: Der vor zwei Jahren verstorbene Toggenburger W.F. soll geholfen haben, Ylenia zu entführen und zu ermorden.

Sie nahmen Stellung zum Fall Ylenia: (v.l.) Christoph Ill, Erster St.Galler Staatsanwalt, Mediensprecherin Beatrice Giger und Stefan Kühne, Leiter der Kriminalpolizei. (Bild: Keystone)

Sie nahmen Stellung zum Fall Ylenia: (v.l.) Christoph Ill, Erster St.Galler Staatsanwalt, Mediensprecherin Beatrice Giger und Stefan Kühne, Leiter der Kriminalpolizei. (Bild: Keystone)

Weiter würden ihre Indizien darauf schliessen lassen, dass Urs Hans von Aesch keinen Suizid begangen hatte, sondern im Streit im Wald bei Oberbüren durch W.F. erschossen worden sei. W.F. habe das tote Mädchen danach bei sich versteckt und später im Wald vergaben – an einer Stelle, an der die Polizei zuvor bereits mehrfach gesucht hatte. Beutler und Sutter kritisierten die Behörden in den Medien scharf. Sie sind überzeugt, dass die Polizei damals Fehler gemacht hat, Zeugen nicht ernst genommen und bei den Ermittlungen zu früh aufgegeben hat.

Behörden präsentieren Faktenlage

Nachdem sich Polizei und Staatsanwaltschaft eine Woche lang durch den Aktenberg zum Fall Ylenia gearbeitet hatten, nahmen sie am Donnerstag erstmals ausführlich Stellung zur Berichterstattung von «Blick» und «TVO». Hintergrund: Die Strafverfolgungsbehörden haben den Auftrag, Falschdarstellungen und Gerüchte zu dementieren und richtig zu stellen, hiess es. Und genau das taten der Erste Staatsanwalt Christoph Ill und Stefan Kühne, Leiter der Kriminalpolizei St.Gallen, am Vormittag an einer Medienkonferenz.

Sie legten Fakten vor, um die medialen Spekulationen eine nach der anderen als falsch zu outeten. Etwa die Behauptung, dass Urs Hans von Aesch einen Mittäter gehabt haben muss. Denn im weissen Lieferwagen, auf einer Schaufel, auf Ylenias Rucksack und allen übrigen Sachen, die sie am Tag ihrer Entführung bei sich trug, seien ausschliesslich die DNA-Spuren von Urs Hans von Aesch und Ylenia nachweisbar. Kripo-Chef Kühne fasst zusammen:

«Es ist an keinem einzigen Ort eine Spur vorhanden, welche einer allfälligen unbekannten Drittperson zugeordnet werden könnte.»

Damit entkräftete er auch gleich das nächste Argument von Autor Beutler und Ex-Polizist Sutter: Da auch auf der Schusswaffe keine anderen DNA-Spuren gefunden worden seien als jene von Urs Hans von Aesch liessen die Untersuchungen keinen anderen Schluss als Suizid zu. Auch die nachgewiesenen Schmauchspuren an der Leiche würden zweifelsfrei einen Suizid bestätigen. «Fakt ist auch, dass von Aesch gegenüber seiner Frau mehrfach Suizid durch einen am Mund aufgesetzten Schuss angekündigt hatte – und genau so brachte er sich schliesslich um», erläutert Kühne.

Über 1500 Hinweise geprüft

Auch die in den Medien erhobenen Anschuldigungen, man habe Zeugen nicht ernst genommen oder deren Aussagen falsch gewürdigt, lassen Staatsanwalt Ill und Kripo-Chef Kühne nicht auf sich sitzen. Die Polizei sei mehr als 1500 Hinweisen aus der Bevölkerung nachgegangen. Dabei habe man allerdings feststellen müssen, dass viele davon nicht den Tatsachen entsprechen würden. Das gelte auch für die beiden Zeugen, die vergangene Woche im «Blick» und auf «TVO» zu Wort gekommen sind. Zeugin N.B. schilderte in den Medien, dass sie mit ihrem Auto an einer Kreuzung in Oberbüren neben dem weissen Lieferwagen gestanden und neben von Aesch und Ylenia auch W.F. im Wagen gesehen habe. Staatsanwalt Ill wundert sich, dass die Erinnerungen der Zeugin nach zwölf Jahren konkreter geworden seien als 2007 und weder mit früheren eigenen Aussagen noch mit Aussagen weiterer Zeugen oder der Spurenlage übereinstimmten. N.B. sei von der Polizei zweimal einvernommen worden, ihr Sohn ebenfalls. Ill sagt:

«Nichts, was die Frau sagte, konnte spurenmässig belegt werden.»

Denn die Aussagen der Zeugin seien inkonstant und in sich widersprüchlich gewesen und hätten auch nicht mit jenen ihres Sohnes, der im gleichen Wagen gesessen hatte, übereingestimmt. Die Frau schilderte etwa einen Schuss, den der Sohn aber nicht gehört hatte. Selbst bezüglich der Kreuzung machte N.B. widersprüchliche Angaben.

Und auch was das Datum anbelangt, änderte sie ihre Aussage, gemäss Ill. Zunächst sagte sie, sie habe den Kastenwagen mit Ylenia und ihren Entführern am 2. August 2007 an der Kreuzung gesehen. Gleiches sagte ihr Sohn bei der ersten Einvernahme und erklärte, sie seien auf dem Weg zum Nachmittagsunterricht gewesen, der nur am Donnerstag stattfinde. Dann änderte die Frau ihre Aussage und nannte plötzlich den 31. Juli 2007 als Datum des Aufeinandertreffens. Ihr Sohn beteuerte zunächst, dass es am 2. August gewesen sei, passte seine Aussage jedoch später jener seiner Mutter an. Wegen dieser und weiterer Ungereimtheiten seien die Schilderungen der Zeugin N.B. nicht glaubhaft gewesen. Die Polizei erachtete einzig die erste Aussage des Sohnes zum 2. August als widerspruchsfrei und überzeugend begründet. Ill sagt:

«Fakt ist aber: An diesem Tag war von Aesch bereits tot und der weisse Kastenwagen von der Polizei sichergestellt. Deshalb haben sich alle weiteren Analysen der Aussagen erübrigt.»

Keine Wiederaufnahme im Tötungsdelikt Ylenia

«Der Fall Ylenia wird nicht neu aufgerollt», sagt Ill am Ende seiner Ausführungen. Er wiederholt damit, was die Staatsanwaltschaft bereits vergangene Woche auf eine entsprechende Forderung von Autor Peter Beutler und Ex-Polizist Roger Sutter mitteilte. Eine Wiederaufnahme sei juristisch nicht möglich, zumal keine Wiederaufnahmegründe vorhanden seien, begründet Ill. Auch nach den medialen Spekulationen gebe es keinen begründeten Tatverdacht gegen eine andere Person als gegen Urs Hans von Aesch. Trotzdem nehme die Polizei neue Hinweise aus der Bevölkerung jederzeit entgegen und leite sie zur Beurteilung an die Staatsanwaltschaft weiter.

Die Medienkonferenz zum Nachschauen:

Die Medienkonferenz zum Nachlesen:

11:07 Uhr

Beatrice Giger beendet die Medienkonferenz. Wir bedanken uns für Ihr Interesse und beenden an dieser Stelle die Liveberichterstattung.

11:04Uhr

Ein Journalist fragt: Wie könne es sein, dass zwei Personen unabhängig voneinander denselben Mittäter beschreiben, dessen Aussehen dem damals veröffentlichten Phantombild des "Blicks" entspricht? Ill: "Einen mutmasslichen Täter gab es damals nicht und den gibt es auch jetzt nicht. Das Vorzeigen eines Bildes hat zwölf Jahre nach des Vorfalls einen Beweiswert von null."

11:01 Uhr

Ein Journalist erkundigt sich, warum man nicht mit den Nachbarn von Schussopfer W.B. gesprochen habe. Kühne erklärt, dass es dafür keinen Anlass gegeben habe. Nichts hätte in diese Richtung gedeutet. Und Ill ergänzt: Es habe damals einen Zeugenaufruf gegeben. Die Nachbarn hätten darauf nicht reagiert.

10:50 Uhr

Ein Journalist fragt, warum bei der Befragung von A.R. auch Peter Beutler dabei gewesen sei. Kühne: "Das kann ich nicht sagen, warum das damals so war, zumal ich damals nicht in die Befragungen involviert war."

10:45 Uhr

Mediensprecherin Beatrice Giger eröffnet nach den Ausführungen von Christoph Ill die Fragerunde.

10:44 Uhr

Nicht nur bezüglich Datum gebe es Ungereimtheiten, sondern auch in Bezug auf das Aufeinandertreffen mit dem weissen Kastenwagen an einer Kreuzung in Oberbüren würden die Aussagen von Mutter und Sohn nicht überein stimmen.

Ill führt aus, dass das Spurenbild und die Spurenauswertung zu keinem einzigen Anhaltspunkt führen würden, welche die Aussagen der Zeugin belegen würden. Nichts, was sie sagt, könne spurenmässig belegt werden.

10:38 Uhr

Auch bei dieser Zeugin sei es komisch, dass ihre Schilderungen heute, nach über 12 Jahren konkreter seien, als damals, sagt Ill. Sie würden mit ihren ursprünglichen Aussagen nicht übereinstimmen.

Weil die Aussagen der Zeugin in starkem Widerspruch zu jenen ihres Sohnes standen und inkonstant waren, seien sie nicht ansatzweise glaubhaft gewesen, sagt Ill.

10:34 Uhr

Ill schildert weitere Widersprüche zwischen den Aussagen der Zeugin und ihrem Sohn. Unter anderem hätte die Frau einen Schuss gehört, ihr Sohn hatte den Schuss nicht gehört. Zudem beschreibt die Frau, dass sie Ylenia im weissen Kastenwagen an der Kreuzung gesehen habe. Sie habe nach ihrem Mami geschrieben. Der Sohn der Zeugin schildert, dass das Mädchen ganz ruhig gewesen sei.

Weiter schildert der Sohn, dass die Mutter einen allfälligen Beifahrer aus ihrem Blickwinkel gar nicht sehen konnte. Die Mutter behauptete jedoch gegenüber TVO, einen Mittäter im Wagen gesehen zu haben.

10:24 Uhr

Christoph Ill, Erster Staatsanwalt, spricht über die Mutmassungen, die in den vergangenen Tagen in den Medien laut wurden. Er möchte auf die Details der neuen Zeugenaussagen eingehen.

Der Staatsanwaltschaft sei von einer Zeugin im TVO vorgeworfen worden, dass sie nicht befragt worden sei. Das stimme nicht. Sie wurden teils sogar mehrfach befragt. Die Zeugin und ihr Sohn machten jedoch während der Befragungen verschiedene Aussagen zum Datum des Zusammentreffens mit Hans Urs von Aesch. Schliesslich hätten sich die Zeugin und ihr Sohn auf den 2. August 2007 festgelegt.

Laut Ill hätten sich dadurch die weiteren Analysen erübrigt, denn am 2. August war von Aesch bereits tot und der weusse Kastenwagen durch die Polizei sichergestellt.

10:20 Uhr

Fakt sei auch, dass die Polizei 2007 Hinweisen nachgegangen sei, wonach sich das Schussopfer W.B. und von Aesch gekannt haben sollen Sämtlich Abklärungen hätten ergeben, dass keinerlei Hinweise auf eine Bekanntschaft existierten.

10:16 Uhr

Zu A.R. Aussagen sei festzuhalten: Das seine heutigen Aussagen nicht jenen von 2007 entsprechen. A.R. sagte 2003 folgendes aus: "Irgendwie kam oder kommt mir der Name Von Aesch irgendwie bekannt vor. Ich weiss nicht ob ich mal für einen Von Aesch eine Autolackierarbeit durchgeführt hatte und/oder W.F. und Von Aesch sich allenfalls gekannt hatten."

Und, so Kühne, bei der Befragung von A.R. sei damals auch Autor Peter Beutler beteiligt gewesen, der heute gegenüber den Medien Zweifel äussere.

10:12 Uhr

Kühne begründet weiter, dass sich von Aesch und W.F. nicht gekannt haben konnten, wie dies A.R. schildert.

10:12 Uhr

Stefan Kühne, Leiter der Kriminalpolizei geht auf den Beitrag von TVO ein und die Schilderungen von Zeuge A.R, der von einem Mittäter (W.F.) spricht. Die Ermittlungen würden jedoch keinen anderen Schluss zu lassen, als diejenige des Suizid des mutmasslichen Täters Hans Urs von Aesch. Auf der Hand von von Aesch sind Schmauchspuren nachweisbar. Auf der Tatwaffe befinden sich lediglich die Fingerabdrücke von von Aesch.

Auch im Lieferwagen seien nur die DNA-Spuren von Ylenia und Hans Urs von Aesch gefunden worden. Dasselbe gelte für das Kickboard und Ylenias anderen Gegenständen.

Nicht eine Spur sei zurückzuführen auf eine Drittperson.

10:05 Uhr

Giger betont, dass die Polizei auch heute noch jederzeit neue Beweise aus der Bevölkerung entgegennehme.

10:03 Uhr

Die Strafverfolgungsbehörden hätten damals alles Wesentliche untersucht und akribisch gearbeitet, betont Giger. Alle bekannten Zeugen seien damals befragt worden. Die Polizei sei mehr als 1500 Beweisen nachgegangen - viele davon seinen nicht zielführend gewesen.

09:59 Uhr

Giger schildert noch einmal den Fall Ylenia. Dann erklärt sie den Grund für die heutige MK: Die Medien hätten ein falsches Bild vermittelt. Diese wolle man heute richtigstellen. Dies sei ein prozessualer Auftrag der Strafverfolgungsbehörden. Man werde auf die medial erhobenen Behauptungen eingehen und anhand Fakten darlegen, warum der Fall nicht neu aufgerollt werde.

10:00 Uhr

Beatrice Giger, Mediensprecherin der Staatsanwaltschaft St.Gallen, eröffnet die Medienkonferenz in Sachen mediale Berichterstattung im Fall Ylenia. Die Staatsanwaltschaft und die Polizei wollen in der nächsten Stunde die Falschdarstellungen und Gerüchte dementieren und richtig stellen.

09:51 Uhr

Das Medieninteresse am Fall Ylenia ist gross. Rund zwei Dutzend Journalisten haben sich bereits im St.Galler Verwaltungsgebäude eingefunden.

09:50 Uhr
Christoph Ill (Bild: Ralph Ribi)

Christoph Ill (Bild: Ralph Ribi)

Bislang hielten sich die Behörden also mit einer Stellungnahme zurück. Wegen des wachsenden Drucks aus der Öffentlichkeit und der Politik wollen Staatsanwaltschaft und Kantonspolizei an der heutigen Medienkonferenz jedoch begründen, warum die jüngsten publizierten Zeugenaussagen und Rechercheergebnisse von Autor Peter Beutler und Ex-Polizist Roger Sutter nicht zu einer Wiederaufnahme der Strafuntersuchung führen.

Stefan Kühne (Bild: Urs Bucher)

Stefan Kühne (Bild: Urs Bucher)

Der Erste Staatsanwalt Christoph ILL und der Leiter der Kriminalpolizei Stefan Kühne werden an der Medienkonferenz Stellung nehmen.

09:47 Uhr

Trotz happiger Vorwürfe sagte Beatrice Giger, Mediensprecherin der Staatsanwaltschaft des Kantons St.Gallen, vergangene Woche gegenüber den Medien, dass der Fall Ylenia abgeschlossen sei. Es gebe keinen Grund, die Ermittlungen wiederaufzunehmen. Ihre Begründung: «Die damalige Strafuntersuchung wurde sehr akribisch durchgeführt, und alle plausiblen Spuren wurden überprüft. Die Kritik von Herrn Beutler ist daher unbegründet.» Weiter teilt die Staatsanwaltschaft mit, dass sie allfälligen Vorwürfen gelassen entgegen sehe.

09:44 Uhr

Jetzt sorgt der Fall Ylenia erneut für Gesprächsstoff. Knapp zwölf Jahre nach dem Mord an der fünfjährigen Ylenia spekulieren verschiedene Medien, dass Urs Hans von Aesch, gemäss den Ermittlungsbehörden Ylenias Entführer und Mörder, allenfalls kein Einzeltäter gewesen sein könnte.

In Berichten von «TVO» und «Blick» kommen der Berner Schriftsteller Peter Beutler, der ein Buch über den Kristallhöhlenmord in Kobelwald geschrieben hat und seit Jahren im Fall Ylenia recherchiert, und der Ex-Polizist Roger Sutter zu Wort. Beide sind überzeugt, dass der Fall Ylenia nicht so abgelaufen sein kann, wie es von Polizei und Justiz kommuniziert wurde. Sutter sagt: «Ich vermute, dass der Fall für die Justiz klar war, als Urs Hans von Aesch tot aufgefunden wurde. Danach wurde nicht weiter recherchiert, obwohl Personen da waren, die noch ausgesagt hätten.»

Ihre Kritik an den Behörden und deren Arbeit stützen sie auf eigene Recherchen und auf Aussagen von Zeugen, die sich in den vergangenen Jahre mit ihnen in Verbindung gesetzt haben. Alles deute darauf hin, dass Urs Hans von Aesch kein Einzeltäter gewesen sei, sondern mindestens einen Komplizen gehabt haben müsse. Gegenüber den Medien äussern Beutler und Sutter einen konkreten Verdacht: Der vor zwei Jahren verstorbene Toggenburger W.F. soll geholfen haben, Ylenia zu entführen und zu ermorden.

TVO-Bericht: Neue Zeugen im Fall Ylenia

Eine Zeugin sagte gegenüber «TVO», dass sie Ylenia am 31. Juli 2007 gemeinsam mit ihren Entführern gesehen habe. Sie habe mit ihrem Auto gleich neben dem weissen Kastenwagen an einer Kreuzung in Oberbüren gestanden. Ylenia und zwei – vielleicht drei – Männer seien im Wagen gesessen. Als der Zeugin im TV-Beitrag ein Foto von W.F. gezeigt wird, glaubt die Frau, den Mann wiederzuerkennen. Er sei einer der Männer im Kleinbus gewesen.

Gegenüber «TVO» kritisiert die Frau die Polizei und die Justiz scharf. Sie sei nicht ernst genommen worden, und ihre Schilderungen von mehreren Mittätern seien nicht weiterverfolgt worden.

Ein weiterer Zeuge, ein ehemaliger Freund von W.F., sagt, dass er an diesem Tag mit W.F. im Auto unterwegs gewesen sei und sich dieser bereits am Vormittag seltsam verhalten habe. Konkret erinnerte sich der Zeuge im «TVO»-Bericht daran, dass ihnen der weisse Kastenwagen mit spanischem Nummernschild am 31. Juli in Mogelsberg entgegengekommen sei und W.F. eine Vollbremsung gemacht hätte. Am Nachmittag sei W.F. dann für mehrere Stunden verschwunden. Als er später wieder auftauchte, sei er «richtig besoffen» gewesen. Doch erst Tage später, als in den Medien der weisse Kastenwagen in Zusammenhang mit Ylenias Verschwinden erwähnt wurde, kam dem Zeugen ein schlimmer Verdacht. Aus Angst vor Konsequenzen meldete sich der Zeuge jedoch erst nach dem Tod von W.F. bei Autor Peter Beutler.

Beutler und der ehemalige Polizist Roger Sutter zeigen sich gegenüber den Medien überzeugt: W.F. ist in den Fall Ylenia verstrickt. Ihre Indizien würden darauf schliessen lassen, dass Urs Hans von Aesch keinen Suizid begangen hatte, sondern im Streit im Wald bei Oberbüren durch W.F. erschossen worden sei. W.F. habe das tote Mädchen danach bei sich versteckt und später im Wald vergaben – an einer Stelle, an der die Polizei zuvor bereits mehrfach gesucht hatte.

Beutler und Sutter fordern, dass der Fall Ylenia aufgrund neuer Zeugenaussagen und Erkenntnissen neu aufgerollt wird. Doch die Staatsanwaltschaft winkt ab.

09:32 Uhr

Rückblick: Der Fall Ylenia

Mit diesem Foto suchte die Polizei 2007 nach Ylenia. (Bild: Kantonspolizei Appenzell Innerrhoden)

Mit diesem Foto suchte die Polizei 2007 nach Ylenia. (Bild: Kantonspolizei Appenzell Innerrhoden)

Vor knapp zwölf Jahren verschwand Ylenia. Das damals fünfjährige Mädchen wollte am 31. Juli 2007 im Hallenbad in Appenzell seine Shampooflasche holen, die es am Tag zuvor dort vergessen hatte. Ylenia kehrte jedoch nicht mehr nach Hause zurück und wurde sofort als vermisst gemeldet.

Am selben Tag erhielt die Polizei einen Notruf aus dem Hartmannswald bei Oberbüren. Ein damals 46-jähriger Mann wurde angeschossen. Einige Kilometer entfernt, beim Billwilerwald, wurde ein weisser Kleinbus gefunden. Es stellte sich heraus, dass der weisse Wagen mit spanischem Nummernschild auch bei der Schiesserei im Wald gesehen worden war. Nicht weit vom Kleinbus entfernt, entdeckte die Polizei am Tag darauf die Leiche des Fahrzeugbesitzers, der laut den Ermittlern Suizid begangen hatte. Es handelte sich um den 67-jährigen Urs Hans von Aesch. Da der Kleinbus auch vor dem Hallenbad in Appenzell gesehen worden war, brachten die Ermittler von Aesch mit Ylenias Verschwinden in Verbindung.

Ganz in der Nähe fand eine Anwohnerin am 1. August 2007 das Kickboard, den Velohelm und den Rucksack von Ylenia – darin befanden sich ihre Kleider. An den Gegenständen wurden DNA-Spuren von Urs Hans von Aesch sichergestellt. Weiter ergaben die Ermittlungen, dass der 46-jährige Mann im Hartmannswald von Urs Hans von Aesch angeschossen worden war.

Hunderte Hilfskräfte suchten sechs Wochen lang die Region nach der verschwundenen Ylenia ab – ohne Erfolg. Der Fall wurde in der Sendung «Aktenzeichen XY ungelöst» ausgestrahlt, ebenso wurde eine Belohnung ausgesetzt. Mitte September fand schliesslich ein freiwilliger Helfer aus Winterthur die Leiche des Mädchens im Hartmannswald bei Oberbüren.

Die Untersuchungen des Instituts für Rechtsmedizin in St.Gallen ergaben, dass Ylenia von ihrem Entführer mit Nitroverdünner vergiftet worden war. Weiter teilte die Polizei damals mit, dass Urs Hans von Aesch wahrscheinlich pädophil war. Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch fand die Polizei allerdings nicht.

09:20 Uhr

Herzlich willkommen zum Liveticker aus dem St.Galler Verwaltungsgebäude. Nachdem verschiedene Medien den Fall Ylenia wieder zum Thema gemacht haben, nehmen heute die Staatsanwaltschaft des Kantons St.Gallen und die Kantonspolizei Stellung. Die Behörden möchten aufzeigen, weshalb die Strafuntersuchung – trotz entsprechender Forderungen – nicht neu aufgerollt wird.

SCHICKSALSSCHLAG: «Wir hatten viel zu wenig Zeit»

Am 31. Juli 2007 verschwand die fünfjährige Ylenia für immer aus dem Leben von Charlotte Lenhard. Halt gaben der 53-Jährigen in den zehn Jahren nach dem Tod ihrer Tochter die beiden Pflegekinder.
Maya Schmid-Egert