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Prozess um Bluttat im Herzen St.Gallens: Todesschütze entschuldigt sich bei der Mutter des Opfers

Im Morgengrauen des 12. Mai 2016 hat ein heute 61-jähriger Mann an der Webergasse in St.Gallen seinen Cousin erschossen. Er vermutete, der Verwandte habe ein Verhältnis mit seiner Frau gehabt. Vor Gericht sagte der Mann, er habe nie gedacht, dass so etwas in seinem Leben passieren könne. Er machte Notwehr geltend - die Anklage sprach von einer regelrechten Hinrichtung.
Daniel Walt
Der Tatort: die Webergasse mitten in der Stadt St.Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Der Tatort: die Webergasse mitten in der Stadt St.Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Früher Morgen des Donnerstag, 12. Mai 2016: Ein Mann tritt aus einem Hauseingang an der Webergasse im Herzen St.Gallens. Nach wenigen Metern wird er aus nächster Nähe von einem Kopfschuss getroffen und stirbt. Der Täter - ein Verwandter, wie sich später herausstellen wird - ergreift die Flucht: Mit einem Taxi fährt er nach Gossau und nimmt dort den Zug nach Sirnach. Dort, an seinem Wohnort, war er wenige Stunden zuvor bewaffnet in Richtung St.Gallen aufgebrochen. Die Waffe hatte er 2012 illegal aus seinen Kosovo-Ferien in die Schweiz mitgenommen.

Der Todesschütze, ein heute 61-jähriger Mann aus dem Kosovo, seit langen Jahren in der Schweiz wohnhaft, wurde wenig später verhaftet. Er leugnete zunächst, etwas mit der Tat zu tun zu haben - schliesslich musste er aufgrund von Videoaufnahmen einer Überwachungskamera an der Webergasse und DNA-Spuren aber zugeben, seinen Cousin umgebracht zu haben. Er machte als Motiv geltend, dieser habe ein Verhältnis mit seiner zum Tatzeitpunkt bereits verstorbenen Frau gehabt. Ob möglicherweise auch finanzielle Streitigkeiten zwischen dem Täter und seinem Opfer zur Tat beitrugen, ist bis zum heutigen Tag ungeklärt.

Angeklagter will in Notwehr gehandelt haben

Der Angeklagte wurde in Fussfesseln in den Gerichtssaal geführt. Neben ihm nahm ein Dolmetscher Platz. Das Leben im Gefängnis sei nicht leicht, sagte der vierfache Vater zunächst. Er ist in einer Einzelzelle der Strafanstalt Pöschwies untergebracht, arbeitet unter der Woche und treibt soweit wie möglich Sport. Zukunftspläne hat der Mann nach eigenem Bekunden nicht - er sagte einzig, er wolle nach Verbüssung seiner Strafe weiter in der Schweiz leben.

Bei der Befragung des Angeklagten beharrte dieser in der immerselben, monotonen Stimmlage auf der Darstellung, er habe seine geladene Waffe bloss nach St.Gallen mitgenommen, weil er seinen Cousin habe zur Rede stellen wollen und Angst vor ihm gehabt habe. Prompt habe dieser dann zu einem Stuhl einer Aussenwirtschaft gegriffen, nachdem er ihn angesprochen habe. In Notwehr habe er ihn schliesslich erschossen. Bloss: Die Videoüberwachung einer Überwachungskamera zeigt nichts dergleichen - zu sehen ist, wie der Angeklagte zunächst von hinten auf seinen Cousin zielt, als dieser aus dem Hauseingang an der Webergasse getreten ist und sich entfernt. Weil der Schuss nicht losgeht, lädt er nach und trifft den Mann aus nächster Nähe am Kopf.

Der Angeklagte beharrte vor Gericht auch auf seiner Überzeugung, dass sein Cousin ein Verhältnis mit seiner Frau gehabt habe - «das werde ich bis an mein Lebensende sagen», so der Mann. Dies, obwohl es dafür gemäss der Anklageschrift und auch nach Aussagen der vier Kinder des Paars keine Anhaltspunkte gab. Keine Belege gibt es auch für seine Aussage, er habe zuvor immer wieder erfolglos versucht, mit seinem Cousin ein klärendes Gespräch zu führen.

«Es war eine Hinrichtung»

Die Staatsanwältin warf dem Angeklagten in ihrem Plädoyer vor, unglaubwürdig zu sein. Er habe immer nur so viel zugegeben, wie man ihm habe nachweisen können. «Es war eine Hinrichtung, eine hinterhältige Bluttat», sagte sie zum Tatablauf. Die Videoaufnahmen der Überwachungskamera seien so brutal, dass sie den Anwesenden nicht zugemutet werden könnten. Für die Staatsanwältin ist klar: Der Angeklagte hat seine Tat geplant und sie dann kalt und rücksichtslos umgesetzt - auszugehen sei vom Straftatbestand Mord.

Der Mann habe sich gekränkt, gedemütigt und in seiner Ehre verletzt gefühlt, weil er der festen Überzeugung gewesen sei, dass sein Cousin ein Verhältnis mit seiner Frau gehabt habe, sagte die Staatsanwältin weiter. Sie benutzte auch Worte wie «Kaltblütigkeit», «Rachedenken» und «Gefühlskälte» in ihrem Plädoyer. Dass der Angeklagte wegen Drohung vorbestraft sei, wirke leicht straferhöhend.

Das Plädoyer des Verteidigers

Nach der Mittagspause hatte der Verteidiger des Angeklagten das Wort. Er sprach von einer fraglos schweren Tat, die sich ereignet habe und die an einen TV-Krimi erinnere. Trotzdem: Es sei vielleicht nicht alles so einfach, wie es im ersten Moment scheine.

Der Verteidiger betonte, sein Mandant sei wirklich der Überzeugung gewesen, dass sein Cousin ein Verhältnis mit seiner Frau gehabt habe - diese Überzeugung sei entscheidend für die Beurteilung des Gerichts. Subjektiv gefühlte Kränkung sei für den Mann als Motiv handlungsleitend gewesen. Gefühlskälte und Skrupellosigkeit vermöge er nicht zu erkennen, so der Verteidiger - es liege weder Habgier noch ein besonderer Egoismus und auch nicht Mordlust vor, sondern eine grosse seelische Belastung.

Der Verteidiger sprach sich deshalb gegen eine Verurteilung wegen Mordes aus - die Tat sei im Affekt geschehen. So habe die Taxifahrerin, welche den Mann nach Gossau gebracht habe, in der Befragung beispielsweise zu Protokoll gegeben, der Mann sei sehr aufgewühlt gewesen. Die Tat war laut dem Verteidiger auch nicht im Detail geplant - der Mann habe nicht einmal genug Geld gehabt, um das Taxi zu bezahlen, er habe in Gossau zuerst Geld an einem Automaten beziehen müssen, um die Taxifahrt zu bezahlen.

Für den Verteidiger standen als Straftatbestand der Totschlag, allenfalls die vorsätzliche Tötung im Vordergrund. Er beantragte eine Freiheitsstrafe von nicht über 14 Jahren bei einer Qualifizierung als Mord beziehungsweise eine tiefere Strafe bei einer anderen Qualifikation. Der Beschuldigte wolle zudem eine Genugtuung von 5000 statt wie beantragt 15'000 Franken für den Bruder des Getöteten anerkennen. Zudem anerkenne er für die Mutter seines Cousins eine Genugtuung von 10'000 Franken, obwohl eine solche Forderung gar nicht gestellt worden sei.

Die Entschuldigung des Angeklagten

«Ich habe niemals in meinem Leben gedacht, dass so etwas geschehen könnte», sagte der Angeklagte in seinem Schlusswort. Er entschuldige sich bei der Familie des Getöteten und spreche ihr sein Beileid aus - vor allem der Mutter seines Cousins. Diese befand sich im Gerichtssaal. Eine Entschuldigung sprach der Todesschütze auch an die Adresse seiner Kinder aus.

Das Urteil wird in den nächsten Tagen schriftlich eröffnet.

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