«Jeden Tag regnet es mehrere Tonnen Gestein»

Bis zu 1000 Kilometer kann ein Meteorit sichtbar sein. Mirco Saner, Amateurastronom von der Fachgruppe Meteorastronomie (FMA), erzählt, wie selten sich ein solches Spektakel ereignet und wie wahrscheinlich es ist, Bruchstücke zu finden.

Jana Rutarux
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Mirco Saner Amateurastronom und Medienwissenschafter (Bild: pd)

Mirco Saner Amateurastronom und Medienwissenschafter (Bild: pd)

Herr Saner, die Rede ist von einem faust- bis fussballgrossen Meteor, der den Himmel erleuchtet hat. Was ist der Unterschied zwischen einem Meteor, einem Meteoriten und einem Meteoriden?

Mirco Saner: Alle drei sind Bruchstücke, welche sich von einem Asteroiden gelöst haben. Befindet sich dieses noch im Weltall, spricht man von einem Meteoriden. Die Leuchtspuren, welche beim Eintritt in die Erdatmosphäre entstehen, nennt man Meteor oder auch Sternschnuppe. Erst wenn das Objekt auf dem Erdboden aufgeprallt ist, kann man von einem Meteoriten sprechen. Beim Meteor vom Sonntagabend ist dies nicht mit Sicherheit der Fall.

Der Meteorit oder Meteor wurde in der Ost- und der Zentralschweiz, aber auch in Deutschland und im Tirol gesichtet. Wie weit reichte sein Leuchten?

Saner: Das Leuchten eines Meteors oder Meteoriten dieser Grösse kann theoretisch über eine Distanz von 1000 Kilometern gesehen werden. Gerade darin liegt die Problematik. Er wurde zwar über der Schweiz gesichtet, doch das garantiert noch lange nicht, dass er tatsächlich über die Schweiz flog oder gar in der Schweiz auf die Erde prallte.

Wie finden Sie das nun heraus?

Saner: In der FMA waren am Montag zwei Spezialisten damit beschäftigt, die Laufbahn des Meteors zu berechnen. Dies geschieht mit Hilfe eines Kameranetzwerks, welches Videos und Bilder aus verschiedenen Orten der Schweiz liefert. Letztlich kann so etwa auf einen Quadratkilometer genau eingegrenzt werden, wo der Meteorit aufgeschlagen wäre, wenn er es denn bis dorthin, ohne zu zerfallen, geschafft hätte.

Dann würden Sie im Gebiet nach Splittern des Meteoriten suchen?

Saner: Dafür gibt es sogenannte Meteoritenjäger, die sich auf die Suche machen. Im Wald oder im Gebirge ist das aber sehr mühsam und ein Fund praktisch unmöglich. Besonders ein kleiner Meteor, wie dieser vom Sonntag, würde bei einem Aufprall in noch winzigere Teile zersplittern. Die Bruchstücke wären dann millimeter- bis zentimetergross. Herrscht bei einem Gebiet eine gleichmässige Bodenbeschaffenheit, wie beispielsweise in der Wüste oder der Arktis, dann wären die Chancen besser.

Weshalb hat man den Meteor vom Sonntag nicht vorhergesehen?

Saner: Das war unmöglich. Die Teleskope können das Weltall nicht auf solch kleine Meteoriden überwachen. Ausserdem sind sie dort noch schwarz und unauffällig. Erst wenn ein Objekt mit seiner Geschwindigkeit von 10 bis 70 Kilometern pro Sekunde in die Erdatmosphäre eintritt, entsteht das Leuchten. Dabei wird die Luft durch die Geschwindigkeitsenergie erhitzt.

Am Tag wäre der Meteor also gar nicht erst sichtbar gewesen?

Saner: Das kommt auf die Grösse an. In diesem Fall glaube ich, dass er nur in Einzelfällen gesichtet worden wäre. Sternschnuppen, wie wir sie gewohnt sind, sind bei Tageslicht von blossem Auge nicht erkennbar.

Dementsprechend fällt immer wieder Gestein vom Weltall auf die Erde, ohne dass dies irgendjemand wahrnimmt. Um wie viel handelt es sich?

Saner: Jeden Tag regnet es mehrere Tonnen Gestein auf die Erde. Der Meteor vom Sonntag ist ein seltener Fall, was seine Grösse betrifft. Statistisch gesehen haben wir es in der Schweiz einmal pro Jahr mit einem solchen Meteor zu tun.