Jahresrückblick: Als auf der Schwägalp eine Lawine ins Hotel Säntis donnerte

Jahresrückblick: Als auf der Schwägalp eine Lawine ins Hotel Säntis donnerte

Anfang Januar zerstört eine Lawine das Hotel Säntis. Wie durch ein Wunder wird niemand ernsthaft verletzt. Doch das Unglück auf der Schwägalp bleibt nicht ohne Folgen.

Redaktion Online
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Inhaltsverzeichnis

    Die Meldung und das erste Bild

    Es ist 16.30 Uhr, als am Donnerstag, 10. Januar, in Bruno Vattionis Büro im Bauch der Talstation die Scheiben zittern. Sekunden später klingelt das Telefon des Geschäftsführers der Säntis-Schwebebahn: Es sind die Angestellten von der Rezeption des Hotels Säntis. Eine Lawine, sagen sie, eine Lawine im Hotel.

    Auf Twitter teilt ein User das erste Bild. Geschossen von seinem Vater, der sich zu diesem Zeitpunkt im Restaurant befindet. «Als ich mit meinen Angehörigen telefonierte, um ihnen zu sagen, dass es mir gut geht, kamen mir die Tränen», sagt dieser am Telefon.

    Am 10. Januar sind Schneemassen ins Restaurant beim Hotel auf der Schwägalp eingedrungen.

    Am 10. Januar sind Schneemassen ins Restaurant beim Hotel auf der Schwägalp eingedrungen.

    Bild: Leserbild

    Bruno Vattioni eilt nach draussen. Er sieht überall Schnee, sieht verschüttete Autos und ein Postauto, das durch die Wucht der Lawine weggeschoben wurde. Er sieht die zerstörten Tore der Werkhalle, die eingedrückten Fenster im ersten Stock des Hotels, den Schnee im Speisesaal.

    Bruno Vattioni, Geschäftsführer der Säntis-Schwebebahn AG.

    Bruno Vattioni, Geschäftsführer der Säntis-Schwebebahn AG.

    Bild: Urs Bucher

    Die Tagblatt-Online-Redaktion fragt den Twitter-User an, ob er das Bild zur Verfügung stellt. Er willigt ein. Es wird hundertfach geteilt, die Nachricht verbreitet sich rasend schnell. Der Mann erhält Dutzende Anfragen von Zeitungen und Onlineportalen, auch internationale Fernsehstationen wollen über das Ereignis berichten. Die Ausserrhoder Kantonspolizei teilt mit, dass drei Personen leicht verletzt wurden. Ob sich noch Menschen unter den Schneemassen befinden, ist unklar.

    Die Suche nach Verschütteten

    Es schneit in Massen an diesem Abend. Die Rettungskräfte sind mit einem Grossaufgebot im Einsatz. Feuerwehr, Polizei, Schneeräumung, Rettungswagen. Die Strasse ab der Passhöhe aufwärts ist gesperrt.

    Kurz vor 20 Uhr teilt Kapo-Mediensprecher Anton Sonderegger mit, dass die Suche nach möglichen Verschütteten vorerst eingestellt worden sei. Dunkelheit, der anhaltende Schneefall und die Lawinengefahr machten die Suche unmöglich. Hinweise, dass jemand vermisst werde, sind bis dato nicht eingegangen.

    Ein Postauto wird angefordert, um die Hotelgäste in Sicherheit zu bringen. Über 70 Menschen fahren in dieser Nacht ins Tal. Ein Ferienhaus wird vorsichtshalber evakuiert.

    Die Medienkonferenz am Tag danach

    Mediensprecher Ralph Dietsche (l.) und Geschäftsführer Bruno Vattioni an der Medienkonferenz.

    Mediensprecher Ralph Dietsche (l.) und Geschäftsführer Bruno Vattioni an der Medienkonferenz.

    Bild: Linda Müntener

    Am Freitagmittag nach der Lawine tritt Bruno Vattioni im Restaurant Rossfall in Urnäsch vor die Medien. Das Interesse ist riesig, zahlreiche Journalistinnen und Journalisten haben sich eingefunden, vor dem Restaurant sind alle Parkplätze besetzt. Vattioni sagt:

    «Eine Lawine in diesem Ausmass war nicht voraussehbar und hat es unseres Wissens noch nie gegeben. Wir wurden von den Schneemassen überrascht.»

    Der Geschäftsführer kämpft mit den Tränen, als er den Einsatzkräften und seinen Mitarbeitenden dankt. Die Schwebebahn sowie das Hotel und das Restaurant bleiben bis auf weiteres geschlossen.

    Das grosse Aufräumen

    Die Medienleute werden mit Shuttlebussen auf die Schwägalp gefahren. Jetzt ist das ganze Ausmass der Lawine sichtbar. Auf einer Breite von 300 Metern donnerte sie vom Säntis herab, zerstörte Teile des «Säntis – das Hotel» und verschüttete über ein Dutzend Autos. Der Schneefall hat nachgelassen, es ist bitterkalt.

    (Bild: Urs Bucher)
    45 Bilder
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    (Bild: Linda Müntener)
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    Bild: Linda Müntener
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    (Bild: Urs Bucher)
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    (Bild: Keystone)
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    (Bild: Werner Näf)
    (Bild: Kantonspolizei Appenzell Ausserrhoden)
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    (Bild: Kantonspolizei Appenzell Ausserrhoden)
    (Bild: Kantonspolizei Appenzell Ausserrhoden)
    (Bild: Kantonspolizei Appenzell Ausserrhoden)

    (Bild: Urs Bucher)

    Im Restaurant schaufeln Helfer die Schneemassen aus den Fenstern. Ein Kraftakt. Der Boden ist nass, die Rutschgefahr hoch, der Schnee schwer. Über 180 Einsatzkräfte bringen auf der Schwägalp Ordnung in das Chaos, das die Lawine am Donnerstagnachmittag angerichtet hat. Spezialisten der Alpinen Rettung sondieren das Gebiet. «Wir wissen erst zu 100 Prozent, dass wir mit einem blauen Auge davon gekommen sind, wenn die Schneemassen weggeräumt sind», sagt Bruno Vattioni.

    Die Bilanz des Unglücks

    Am Freitagabend wird die Suche nach allfälligen verschütteten Personen beendet. Nach wie vor liegen keine Vermisstmeldungen vor. Wie durch ein Wunder ist niemand ernsthaft zu Schaden gekommen. Drei leicht verletzte Personen, ein beschädigtes Hotel und Restaurant, über ein Dutzend zerstörte Autos und 200 Helferinnen und Helfer im Dauereinsatz, so die Bilanz am Tag danach. Einzelne Anlässe, Tagungen und Hotelbuchungen mussten aufgrund des Lawinenereignisses abgesagt werden.

    Am Sonntag, zwei Tage nach der Lawine, sind die Schneeräumungsarbeiten im verschütteten Bereich und im Lawinenkegel abgeschlossen. Es trafen viele Angebote für Unterstützung und Hilfe vor Ort ein, teilt die Säntis-Schwebebahn AG mit. Die Schwägalp macht derweil weltweit Schlagzeilen. Sogar das «Wall Street Journal» zeigt die Aufräumarbeiten auf der Titelseite:

    Das «Wall Street Journal» hat ein Lawinenbild von der Schwägalp abgedruckt.

    Das «Wall Street Journal» hat ein Lawinenbild von der Schwägalp abgedruckt.

    Bild: ZVG

    Am 18. Januar ist auch das Innere des Hotels und des Restaurants aufgeräumt und gereinigt. Die eingedrückten Fensterfronten wurden provisorisch verschlossen. Langsam kehrt im Betrieb wieder Normalität ein.

    Die zweite, die dritte Lawine und die Folgen

    Eine Seilbahnstütze wurde beschädigt.

    Eine Seilbahnstütze wurde beschädigt.

    (Bild: Benjamin Manser)

    Was erst jetzt sichtbar wird: Während der Aufräumarbeiten sind auf der Schwägalp zwei kleinere Lawinen niedergegangen. Die Schneemassen haben die Tragwerkkonstruktion der ersten Seilbahnstütze beschädigt. Der Bahnbetrieb muss eingestellt werden, die Reparatur dauert mehrere Monate. Das Herz des Unternehmens mit seinen 186 Angestellten steht still.

    Am 29. Mai bringt die Bahn erstmals nach dem Unglück wieder Gäste auf den Berg. Vattioni sagt, man sei gut versichert gegen den Erwerbsausfall. Immerhin: Die Situation sei ernst, «aber nicht existenzbedrohlich».

    Behörden und Betreiber entlastet – was nach der Lawine bleibt

    Die Dokumentation, die das Ausserrhoder Amt für Raum und Wald in Auftrag gab, zeigt: Allein innert drei Tagen vor der Lawine verzeichnete die Messstation auf der Schwägalp 74 Zentimeter Neuschnee. Windböen fegten mit 80 Stundenkilometern über die verschneiten Hänge. Die Dokumentation, ausgeführt von der Davoser Firma tur gmbh, die auf Naturgefahren spezialisiert ist, entlastet Behörden und Betreiber.

    Die Neuschneemenge war nicht aussergewöhnlich, genauso wenig die Windböen. Vielmehr handelte es sich laut den Experten um ein unglückliches Zusammenspiel diverser Faktoren, die zur Schwachschicht in der Schneedecke und schliesslich zur Lawine führten. Die Spezialisten rechnen vor, dass sich eine derart folgenschwere Lawine statistisch gesehen nur alle 100 bis 300 Jahre wiederholt.

    Zum selben Schluss kommt eine Untersuchung der Kantonspolizei Ausserrhoden, die ihren Schlussbericht an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet hat. Diese entscheidet, keine Strafuntersuchung einzuleiten, und schliesst die Akte Säntislawine per 9. Juli. Was sich am 10. Januar auf der Schwägalp abspielte, war Naturgewalt.

    Es war Naturgewalt: Die Schwägalp-Lawine verschüttete ein Postauto.

    Es war Naturgewalt: Die Schwägalp-Lawine verschüttete ein Postauto.

    Bild: Urs Bucher

    Auch für den Kanton hat sich die Sache mit dem Schlussbericht vorerst erledigt. Allfällige Massnahmen obliegen den Bahnbetreibern und der Gemeinde Hundwil. Gemeinsam erarbeiten sie ein Massnahmenkonzept. Denkbar sind Verbauungen, Lawinensprengungen oder ein angepasstes Warnkonzept, um beispielsweise den Parkplatz notfalls zu sperren. Auch wenn es in den kommenden 100 Jahren nicht dazu kommen sollte: Die Natur hält sich halt nicht an Wahrscheinlichkeiten.

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    Das grosse Aufräumen nach der Lawine

    Über 180 Einsatzkräfte haben am Freitag auf der Schwägalp geholfen, die Schneemassen zu beseitigen. Die drei leicht verletzten Personen haben das Spital inzwischen verlassen – und sämtliche Gäste das Hotel. Die Aufräumarbeiten nach der Lawine dauern an.
    Katharina Brenner