Reportage

«Jagen ist für mich Erholung» – ein Tag mit der Jagdgesellschaft Märstetten-Ottoberg im Wald

In diesen Wochen landet auf vielen Tellern ein Stück Rehrücken oder eine Wildschweinkeule. Dafür braucht es Jäger, die das Wild schiessen. 

Florian Beer
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Bevor es losgeht mit der eigentlichen Jagd, wird sie mit zwei Jagdhörnern offiziell angeblasen. (Bild: Reto Martin)

Bevor es losgeht mit der eigentlichen Jagd, wird sie mit zwei Jagdhörnern offiziell angeblasen. (Bild: Reto Martin)

Herbst. Für viele ist es die gemütlichste Jahreszeit. Die Temperaturen sind nicht mehr so heiss wie im Sommer, aber auch noch nicht winterlich kalt, sodass man einige schöne Stunden draussen in der Natur verbringen kann. Die Blätter leuchten in allen Farben, und die Wälder laden zu erholsamen Spaziergängen ein.

Walter Schmid zieht es aber nicht nur im Herbst in den Wald, sondern das ganze Jahr – denn er ist leidenschaftlicher Jäger. «Jagen ist für mich Erholung», sagt Schmid, der hauptberuflich ein Grafikbüro leitet und Präsident des Jagdverbandes Thurgau ist. «Mein Beruf ist sehr anstrengend und ich habe dabei viel Kontakt mit Menschen.» Deshalb geniesse er die Ruhe in der Natur, wenn er auf die Jagd gehe.

«Achtet darauf, wo eure Kollegen stehen»

Es ist ein nass-kalter Tag am Ottenberg. Der Jäger Walter Schmid trifft sich mit fünf Jägerkandidaten um acht Uhr morgens in der Jagdhütte und instruiert sie für die anstehende Treibjagd. Die fünf Männer haben im September mit ihrer Jagdausbildung begonnen und sammeln nun Erfahrungen. Walter Schmid sagt:

«Die Ausbildung zum Jäger ist sehr anspruchsvoll und dauert ein Jahr.»

Die Anforderungen, vor allem beim Schiessen, seien zudem im Kanton Thurgau besonders hoch. Bei der Drückjagd sei es wichtig, dass man in einer Linie laufe, jeweils mit zirka 50 Metern Abstand zueinander, erklärt Schmid den Lernenden. «Achtet darauf, wo eure Kollegen stehen und macht euch mit Rufen bemerkbar.» So wüssten Mensch und Tier immer genau, wo die Treiber seien.

Insgesamt werden vier Triebe ausgeführt, von jeweils einer Stunde. Zwei finden am Vormittag statt und zwei am Nachmittag, jeweils an vier verschiedenen Orten. Doch bevor es mit der eigentlichen Jagd los geht, wird diese mit zwei Jagdhörnern offiziell angeblasen. «Ich schätze es sehr, dass wir hier in der Jagdgesellschaft Märstetten-Ottoberg diese Traditionen pflegen und überhaupt Mitglieder haben, die Horn spielen», sagt Schmid.

Volle Konzentration: Walter Schmid, Präsident des Jagdverbandes Thurgau. (Bild: Reto Martin)

Volle Konzentration: Walter Schmid, Präsident des Jagdverbandes Thurgau. (Bild: Reto Martin)

Jedes Geräusch wird wahrgenommen

Nachdem alle Jäger einander «Waidmannsheil» gewünscht haben, geht es mit insgesamt 22 Personen und drei Jagdhunden um 10 Uhr auf die Treibjagd. Walter Schmid stapft mit dem Gewehr in der Hand durch den Wald und positioniert sich. Als er erzählt, dass er seit 2004 Jäger sei, unterbricht er plötzlich seinen Satz und weist auf einen Baum:

«Was man hier hört, ist ein Schwarzspecht. Ich interessiere mich sehr für die Ornithologie.»

Schmid sagt, er sei deshalb immer stets sehr wachsam und beobachte vieles. Diese genaue Beobachtungsgabe merkt man Schmid an. Auf dem Weg zum Jagdstand zeigt er auf den Boden: «Das ist ein Semmelstoppelpilz. Die schmecken sehr gut.» Während der Jagd steht er aufmerksam auf seiner Position und nimmt jede Regung und jedes Geräusch in der Umgebung wahr.

Dienstleistung und regulierende Funktion

Die Jagd in freier Wildbahn gewinnt immer mehr Anhänger, doch gleichzeitig wächst auch die Kritik an dem Abschiessen von Wildtieren. Für Schmid ist die Jagd eine Dienstleistung und habe eine regulierende Funktion. «Hier am Ottenberg gibt es viele Weinreben, die jedes Jahr von Rehen beschädigt werden.» Dabei entstünden Schäden in teils fünfstelligen Bereichen, die nicht vom Kanton getragen werden. Deshalb müsse man die Reben schützen.

«Durch die regulierende Funktion der Jagd können wir die Artenvielfalt sowie die Lebensräume unserer Wildtiere erhalten und sorgen so für ein optimales Zusammenleben zwischen Mensch und Tier.» Zudem gebe es am Ottenberg verhältnismässig viele Wildtiere – etwa 250 Rehe leben hier im Wald, deren Bestand reguliert werden muss.

Mit Schrot oder Kugel

Dass die Baujagd, bei der die Jagdhunde in Bauten und unter dem Boden nach Tieren suchen, 2017 verboten wurde, bedauert Walter Schmid nicht. «Es war eine sehr gefährliche Jagdtradition für Hunde, die dafür zudem speziell ausgebildet werden müssen.» Einen Hund, der bei vielen als festes Familienmitglied gelte, bei einer solchen Jagd zu verlieren, wäre tragisch.

Der erste Anlauf endet ohne Schuss. (Bild: Reto Martin)

Der erste Anlauf endet ohne Schuss. (Bild: Reto Martin)

Der erste Trieb endet schusslos. Die Treiber und Jäger treffen sich wieder und planen den zweiten Anlauf. Auf dem Weg zum zweiten Jagdpunkt meint Schmid:

«Ich glaube nicht, dass wir heute Erfolg haben werden. Der Regen wird immer stärker, da bleiben die Tiere lieber im Dickicht.»

Trotz dieser pessimistischen Einstellung kontrolliert er sein dreiläufiges Gewehr. Es ist geladen mit zwei Schrotpatronen und einer Kugel. Mit einem Schalter kann er das Geschoss ändern. «Mit Schrot schiesse ich bei kürzeren Distanzen, denn es tötet effizient und schnell», erklärt der Jäger. Die Kugel sei dagegen besser geeignet bei grösseren Distanzen, also 50 bis 60 Meter, und wenn das Wild vor einem festen Trefferhintergrund stehe.

«Dieser Anstand gehört sich einfach so»

Peng! Ein Schuss aus Schmids Gewehr durchschneidet plötzlich die Ruhe im Wald. Der Jäger hat ein junges Reh etwa 20 Meter entfernt vorbeihuschen gesehen, hat ohne zu Zögern das Gewehr hochgenommen, gezielt und abgedrückt. Das Tier fällt sofort um und ist tot. Ein satter Treffer zwischen Hals und Kopf. Schmid kommentiert:

«Wer zögert, verliert das Wild.»

Man schiesse ausserdem nur, wenn man zu 100 Prozent sicher sei, dass man mit dem Schuss das Tier auch töte. Er geht zum Reh, trägt es an den Waldrand, legt es schön zurecht, streicht ihm über das Fell und steckt ihm einen Tannenzweig ins Maul. «Man nennt dies den letzten Bissen», erklärt Schmid. Als Jäger nehme man sich einen Moment Ruhe, würdige das Tier und sei für die Beute dankbar. «Dieser Anstand gehört sich einfach so.»

Hunde spielen bei der Treibjagd eine wichtige Rolle. (Bild: Reto Martin)

Hunde spielen bei der Treibjagd eine wichtige Rolle. (Bild: Reto Martin)

Nach dem zweiten Trieb geht es zum Mittagessen in die Jagdhütte. Es gibt ein Gulasch, vom Präsidenten des Thurgauer Jagdverbandes höchstpersönlich zubereitet. Es schmeckt köstlich. Am Nachmittag folgen zwei weitere Triebe.

Am Ende des Tages lautet die Beute: zwei Rehe und zwei Füchse. In Gedenken an die Tiere blasen die Hornspieler jeweils ein Stück für die Rehe und eines für die Füchse. Anschliessend wird die Jagd um 17 Uhr offiziell verblasen. Für die nassen Wetterbedingungen sei es ein erfolgreicher Tag gewesen. Waidmannsdank.

GESETZESREVISION: Mehrheit lehnt die Baujagd ab

Der Grosse Rat hat sich gestern deutlich für ein Verbot der Fuchsjagd mit Hunden ausgesprochen. Ausnahmebewilligungen sollen aber möglich bleiben. Zahlreiche Jäger weibelten vergebens für die Baujagd.
Silvan Meile