Jagdgesetz
«Wölfe dürfen die Scheu vor dem Menschen nicht verlieren»: St.Galler Nationalrat Nicolo Paganini startet Initiative für Abschüsse in Problemfällen

Die Konflikte mit Wölfen nehmen zu. Im Bundesparlament verlangen Bürgerliche nun eine Senkung der Schwelle für Abschüsse erwachsener Wölfe, die ein problematisches Verhalten zeigen.

Adrian Vögele aus Bern 1 Kommentar
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Wölfe, die dem Menschen hinterherlaufen, sollen abgeschossen werden können: Dies verlangt Nationalrat Nicolo Paganini mit einer parlamentarischen Initiative.

Wölfe, die dem Menschen hinterherlaufen, sollen abgeschossen werden können: Dies verlangt Nationalrat Nicolo Paganini mit einer parlamentarischen Initiative.

Bild: Benjamin Manser

Der Sommer neigt sich dem Ende zu, und einmal mehr ist die Aufregung rund um die Wölfe in den Berggebieten gross. Im Kanton St.Gallen wurde in diesem Sommer erstmals ein Rind angegriffen. In Graubünden ist das Beverinrudel inzwischen berüchtigt: Obwohl es mehrmals mittels Abschüssen von Jungwölfen reguliert wurde, scheint sich die Situation nicht zu beruhigen. Berichtet wird von Begegnungen der Raubtiere mit Hirten und Touristen, wobei Wölfe teils keine Scheu gezeigt hätten und den Personen nachgelaufen seien. Der Kanton Graubünden beantragte vor kurzem den Abschuss des Leitwolfs, die Bundesbehörden lehnten dies aber ab – bewilligt wurde wiederum der Abschuss von Jungwölfen.

Elterntiere sollen weniger geschont werden

Jetzt zeichnet sich ab, dass das Bundesparlament reagieren wird. Nicolo Paganini, St.Galler Mitte-Nationalrat und Präsident des Schweizer Tourismusverbands, reicht heute Dienstag eine parlamentarische Initiative ein, die verlangt, dass die Regulierung der Wölfe ausgeweitet wird. Die Änderung soll den Bestand der Wolfspopulation nicht gefährden, aber verstärkt präventive «Massnahmen zur Verhütung von Schäden und Abwendung der Gefährdung von Menschen» ermöglichen. Vor allem sollen die Rudelregulierung und der Abschuss von Einzeltieren auch bei «problematischem Verhalten» möglich sein. Paganini sagt:

Nicolo Paganini, St.Galler Mitte-Nationalrat.

Nicolo Paganini, St.Galler Mitte-Nationalrat.

Alessandro Della Valle/Keystone
«Die Wölfe dürfen die Scheu vor dem Menschen nicht verlieren. Gerade bei erwachsenen Tieren zeigt sich, dass sie ihr nicht scheues Verhalten auch an den Nachwuchs weitergeben.»

Darum genüge es nicht mehr, nur Abschüsse von Jungtieren zu bewilligen, wenn sich ein Rudel problematisch verhalte. Das Beispiel des Beverinrudels beweise dies. Elterntiere dürfen heute gemäss Jagdverordnung erst dann geschossen werden, wenn sie über mehrere Jahre hinweg viele Nutztiere gerissen haben – sie müssen jeweils mindestens zwei Drittel des Schadens im Wolfsrevier verursacht haben. «Das nachzuweisen, ist fast nicht möglich», sagt Paganini.

«Die heutigen Instrumente genügen nicht»

Der Mitte-Nationalrat weist darauf hin, dass die Wolfspopulation in der Schweiz exponentiell wachse. In der parlamentarischen Initiative heisst es: «Die Chance ist gross, dass sich die Wölfe vermehrt auch in Gebieten in der Nähe des Mittellandes ansiedeln werden. Kommt es dort zu Zwischenfällen mit Wölfen, die die Scheu vor dem Menschen verloren haben, und verfügt die Wildhut auch künftig nicht über die Rechtsgrundlagen, um rechtzeitig eingreifen zu können, so ist absehbar, dass die Akzeptanz für die Anwesenheit des Grossraubtieres Wolf in der Schweiz rasch sinken wird.»

Zwar hat das Volk das neue Jagdgesetz knapp abgelehnt und damit auch eine Ausweitung der Abschussregelung beim Wolf. «Die Ablehnung lag auch darin begründet, dass man die Bewilligungskompetenz für Abschüsse stärker vom Bund zu den Kantonen verschieben wollte. Aber darum geht es mir nicht», sagt Paganini. «Es zeigt sich einfach, dass die Instrumente, welche die Wildhut heute hat, um Konflikten mit dem Wolf vorzubeugen, nicht ausreichen.» Darum müsse das Parlament das Gesetz nun zügig anpassen. Dies auch mit Blick auf die Entwicklung der Wolfsthematik in anderen Ländern wie beispielsweise Frankreich.

Unterstützung aus FDP und SVP

In der Tourismusbranche halten sich die Sorgen wegen des Wolfs aktuell zwar in Grenzen, wie Paganini sagt. «Aber es ist auch aus Sicht des Tourismus nicht wünschenswert, dass die Konflikte weiter zunehmen.»

Die Initiative dürfte nach den intensiven Diskussionen in diesem Sommer gute Chancen haben. Vor allem von FDP, SVP und Mitte habe er bereits zahlreiche Unterschriften, sagt Paganini. Er betont, dass es sich um einen Kompromiss handle. Die Wolfspopulation solle grundsätzlich erhalten bleiben, und nicht etwa zur Jagd freigegeben werden.

Falls National- und Ständerat dem Vorstoss in der ersten Phase zustimmen, folgt die Ausarbeitung der Gesetzesänderung. Weil es sich um eine parlamentarische Initiative handelt, wäre für die Ausarbeitung nicht der Bundesrat zuständig, sondern eine Kommission des Parlaments, also voraussichtlich die Umweltkommission des Nationalrats.

1 Kommentar
Heidi Müller

Mich nimmt hier vor allem wunder, wer Verantwortlich ist und auch bestraft werden kann wenn wir den ersten Angriff auf einen Menschen haben. Oder verstecken sich wieder alle Politiker hinter ihrer Immunität? Wieviel ist unseren Politikern ein Leben Wert?

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