ITTINGEN: Kaum Platz im Klostergarten

In den nächsten Tagen muss der Thurgauer Regierungsrat aufzeigen, wie er die Erweiterung des Kunstmuseums neu aufgleisen will. Der Museumsfachmann Pius Knüsel empfiehlt, den Neubau nicht zu verstecken.

Thomas Wunderlin
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Pius Knüsel Ehemaliger Direktor Pro Helvetia und Museumskritiker (Bild: Ralph Ribi)

Pius Knüsel Ehemaliger Direktor Pro Helvetia und Museumskritiker (Bild: Ralph Ribi)

ITTINGEN. Der Thurgauer Regierungsrat wollte das umstrittene Erweiterungsprojekt des Kunstmuseums Thurgau retten, weil es unter anderem bereits ein Architektenhonorar von 723 000 Franken gekostet hatte. Doch der Bau ist ungünstig plaziert – jedenfalls nach Ansicht des Kenners der Schweizer Museumslandschaft Pius Knüsel. Der ehemalige Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia hatte 2012 im Buch «Der Kulturinfarkt» gefordert, die Hälfte der Schweizer Museen und Theater zu schliessen. Das Thurgauer Kunstmuseum gehört aber nicht dazu, wie Knüsel sagt. «Grundsätzlich kann ich mir keinen Kanton ohne öffentliches Kunstmuseum vorstellen. Das ist man der eigenen Kultur und schöpferischen Tradition schuldig.»

Neubau ausserhalb der Mauern

Pius Knüsel Ehemaliger Direktor Pro Helvetia und Museumskritiker (Bild: Ralph Ribi)

Pius Knüsel Ehemaliger Direktor Pro Helvetia und Museumskritiker (Bild: Ralph Ribi)

Das Museum dürfe sich aber nicht verstecken: «Ein neues Museum, das man nicht sehen darf, erstickt.» Knüsel würde ein neues Museum niemals unterirdisch erstellen. Die Denkmalpflege müsse eventuell Kompromisse machen. «Die Kartause ist ja bereits zweckentfremdet, da keine Mönche mehr darin leben.» Vielleicht sei ein Neubau ausserhalb der Klostermauern die überzeugendste Lösung. Als Beispiel erwähnt Knüsel den Erweiterungsbau der Villa Garbald im bündnerischen Castasegna. Der nackte Betonturm stehe in einem «unglaublich bewegenden Kontrast» zu Gottfried Sempers italienischem Landhaus.

Auch beim Landesmuseum in Zürich sei es gelungen, eine grosszügige Erweiterung zwischen den historisierenden Altbau und den ebenfalls geschützten Platzspitzpark einzufügen. Bei der Erweiterung des Zürcher Kunstmuseums werde eine geschützte Turnhalle nach einem «Riesenkampf mit der Denkmalpflege» geopfert. «Die Moderne braucht auch ein Zeichen», sagt Knüsel, «das Neue muss man sehen.»

Frist läuft am 6. Mai ab

Bis zum 6. Mai muss der Thurgauer Regierungsrat aufzeigen, wie er die vom Bundesgericht gestoppte Kunstmuseum-Erweiterung neu aufgleisen will. Dann endet die Frist, in der er die vor einem Jahr eingereichte überparteiliche Interpellation «Neues Kunstmuseum: Wie weiter?» beantworten muss. Eine verwaltungsinterne Projektgruppe hatte den Auftrag, alle Möglichkeiten von Projektabbruch bis Neuanfang auszuloten. Ihren Bericht lieferte sie bereits Ende 2015 ab; veröffentlicht worden ist er bisher nicht. Laut Bundesgericht müssen die vom Grossen Rat bewilligten 4,6 Millionen Franken für die Sanierung des bestehenden Kunstmuseums dem Volk vorgelegt werden. Da der Architekturauftrag ohne öffentliche Ausschreibung vergeben wurde, drohen weitere Einsprachen. Juristisch ungeklärt ist auch, ob der Regierungsrat die 11,3 Millionen Franken für die Erweiterung des Kunstmuseums dem Lotteriefonds entnehmen dürfte.

Schon 2009 hatte der Regierungsrat erstmals eine Steuerungsgruppe beauftragt, die Möglichkeiten einer Erweiterung oder eines Neubaus des Kunstmuseums auszuloten. Der Think Tank Thurgau hatte vehement einen Neubau in Kreuzlingen gefordert. Der Regierungsrat entschied sich für den bisherigen Standort. Diesen stellt auch Knüsel nicht in Frage: «Klar ist ein Kunstmuseum im urbanen Kontext näher am Publikum.» Aber die Klosteranlage verfüge über eine «aussenräumliche wie innenräumliche Attraktivität», die man in Kreuzlingen oder Romanshorn zuerst einmal schaffen müsste. Die sechs Kilometer von Frauenfeld nach Ittingen seien kein Problem.

Zwischen Mauer und Häuschen

Die Stiftung Kartause Ittingen als Hausherrin liess eine Machbarkeitsstudie ausarbeiten. In Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege entschied sie sich, einen Erweiterungsbau des Kunstmuseums zwischen die Mönchshäuschen und die nördliche Klostermauer zu zwängen. Das von der Architektin Regula Harder erarbeitete Projekt sieht einen 110 Meter langen schlauchartigen Bau vor, der im Innern hohe, helle Ausstellungsräume enthält. Von aussen wäre er fast nur aus der Luft zu erkennen. Begründet wurde die Plazierung mit der Rücksicht auf die geschützte Klosteranlage.

Museumsdirektor Markus Landert kündigte an, mit der Erweiterung werde das Thurgauer Kunstmuseum wieder in der obersten Museumsliga mitspielen. Knüsel hält die Erweiterung für richtig. Das Kunstmuseum Thurgau müsse sich der Konkurrenz in St. Gallen, Konstanz und Zürich stellen. Ein Neubau ermögliche neue Inszenierungen – mit mehr Emotionalität.

Für eine Erweiterung des Thurgauer Kunstmuseums in der Kartause Ittingen ist der Platz innerhalb der Klostermauern beschränkt. (Bild: Donato Caspari)

Für eine Erweiterung des Thurgauer Kunstmuseums in der Kartause Ittingen ist der Platz innerhalb der Klostermauern beschränkt. (Bild: Donato Caspari)

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