«Irgendwann wird man wohl genötigt, umzustellen»: Unterirdische Kehricht-Sammelstellen florieren in der Ostschweiz – doch sie passen nicht allen

Unterflurbehälter sind beliebt. Die Bevölkerung kann ihren Kehricht darin entsorgen, wann sie will. Doch nicht jede Ostschweizer Gemeinde will den Abfall im Boden versenken – und andere bauen mehr Container, als sie brauchen.

Katharina Brenner
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In zahlreichen Ostschweizer Gemeinden haben sich die Unterflurcontainer etabliert - wie hier in der Stadt St.Gallen. (Bild: Urs Bucher/TAGBLATT)

In zahlreichen Ostschweizer Gemeinden haben sich die Unterflurcontainer etabliert - wie hier in der Stadt St.Gallen. (Bild: Urs Bucher/TAGBLATT)

Der Abfall muss oben bleiben. Das finden zwei Drittel der Homburger Bevölkerung. Sie haben sich vergangenen Sommer in einer Umfrage gegen die Einführung von Unterflurbehältern ausgesprochen. Die Gemeinde sei zu weitläufig, die Wege zum nächsten Behälter für ältere Personen zu lang und mit dem Auto zum Unterflurbehälter zu fahren aus ökologischer Sicht schlecht, sagt ­Gemeindepräsident Thomas Wiget. So hält Homburg am System mit Gebührensäcken und wöchentlicher Abholung fest. Wiget sagt aber auch:

«Irgendwann wird man wohl genötigt, umzustellen.»

Denn Abfallsysteme sind zwar Gemeindesache, aber die Sammellogistik übernehmen Verbände wie der KVA Thurgau. 70 Gemeinden gehören dem Verband an; Homburg ist eine davon.

In Unterflurbehältern verschwindet Abfall zwei Meter unter der Erde und unter einem Deckel. Verbände und Gemeinden loben die Vorteile des Modells: Es sei sauberer und hygienischer; weniger Gestank und Tierverbisse. Beliebt ist es auch wegen der flexiblen Entsorgung: Jederzeit kann die Bevölkerung ihren Kehricht einwerfen. Dementsprechend schreitet die «Unterflurisierung» der Ostschweiz voran. Über 800 Unterflurbehälter stehen mittlerweile im Einzugsgebiet der KVA Thurgau, «praktisch in allen Gemeinden», sagt Geschäftsleiter Peter Steiner. «Unser Ziel ist es, sie flächendeckend einzuführen.»

Kosten von 10'000 Franken pro Standort

Der Zweckverband Abfallverwertung Bazenheid (ZAB) hat vor kurzem in Gossau seinen 800. Unterflurbehälter in Betrieb genommen. Damit steht jetzt die Hälfte der «konzeptionell vorgesehenen» Behälter in den 35 Verbandsgemeinden. Eine flächendeckende Einführung wäre «natürlich wünschenswert», sagt Geschäftsleiter Claudio Bianculli. Im Herbst 2016 hatte der ZAB beschlossen, von der Kehrichtstrassensammlung auf die unterirdische Lösung umzusteigen. Seitdem hat der Verband 8 Millionen Franken in die Behälter investiert, pro Standort 10000 Franken.

Neben den Routen für die Unterflurbehälter müsse man parallel «die konventionellen Sammelrouten» befahren, so Bianculli. Der Aufwand sei dadurch im Moment tendenziell höher. Das Gleiche gilt für den KVA Thurgau. Die Strassensammlung könnte dann reduziert werden, «wenn die Unterflurbehälter noch mehr genutzt werden».

Hier kommt der wirtschaftliche ­Aspekt ins Spiel. Christian Helbig, Bereichsleiter Abfalllogistik und Deponie bei der Stadt St.Gallen, sagt:

«Wenn die Nutzung von Unterflurbehältern zunimmt, brauchen wir längerfristig weniger Personal. Das ist auch ein Grund, war­um das System eingeführt wurde.»

In der Stadt existiert es seit dem Pilotprojekt im Linsebühl-Quartier vor 14 Jahren. Inzwischen sind es 355 Behälter, das Ziel 400. Gemäss Helbig wird es in zwei, drei Jahren erreicht.

Bei Touren, bei denen lediglich Unterflurbehälter geleert werden, brauche es einen Chauffeur und einen Belader. Bei den Touren, bei denen zusätzlich Container geleert und Sperrgut und Kehrichtsäcke gesammelt werden, drei: einen Chauffeur und zwei Belader. Für die Homburger Bevölkerung war dies ein weiteres Argument, die Behälter nicht einzuführen. Gemeindepräsident Wiget fragt:

«Was passiert mit dem zweiten qualifizierten Mann?»

Zu Entlassungen von Kehrichtmännern ist es bisher nicht gekommen, weder in der Stadt noch bei den angefragten Verbänden. Dass Kehrichtmänner ihren Job verlieren, sei «auch künftig nicht vorgesehen», sagt ZAB-Chef Bianculli. «Längerfristig könnte das der Fall sein», meint Peter Steiner von der KVA Thurgau, «aber das Ausmass wäre gering. Wir reden hier von ein, zwei Personen in den nächsten zehn Jahren.» Barbara Gysi, Präsidentin des St. Galler
Gewerkschaftsbunds, münzt die Entwicklung gar positiv:

«Vielleicht ermöglichen diese Unterflurbehälter ja den Mitarbeitenden der Kehrichtabfuhr eine etwas angenehmere Arbeit zu übernehmen innerhalb der Werkdienste.»

Uzwil ist eine der Gemeinden, die derzeit den Aufbau eines Unterflurbehälternetzes plant. Bisher stehen erste Behälter, über 100 sollen es werden. Innerhalb eines Zweckverbandes könne es auf Dauer nicht verschiedene Einzellösungen geben, sagt der Uzwiler Verwaltungsleiter Thomas Stricker. Die Suche nach Standorten sei aber aufwendig. «Selber haben wir kaum Grundeigentum am gewünschten Ort. Wir brauchen die Zusammenarbeit mit Privaten.»

Dieses Problem kennt auch die Stadt St. Gallen:. Helbig sagt:

«Kaum ein Eigentümer stimmt zu, dass ein Unterflurbehälter auf seinem privaten Boden aufgestellt wird.»

In Quartieren mit vielen Einfamilienhäusern sei es schwierig, Standorte zu finden.

Lange Wege und Abfalltouristen

Die Stadt legt Wert auf eine Gehdistanz von maximal 150 bis 200 Meter. Für ältere Personen könne aber schon das zu weit sein, so Helbig. Beim ZAB wird eine Distanz von bis zu 300 Meter «rechtlich als zumutbar» bewertet. In Egnach, Gossau und weiteren Gemeinden beschwerten sich Bewohner, dass sie mit dem Auto zum Behälter fahren müssten, weil dieser zu weit weg sei.

Steckborn hat sein Netz in den vergangenen Jahren deutlich erweitert. Der Grund war aber ein anderer: Abfalltouristen von ausserhalb entsorgten ihre Kehrichtsäcke unter der Steckborner Erde. 30 Unterflurbehälter an 22 Standorten zählt der Ort am Untersee heute. «Recht viele für eine Gemeinde dieser Grösse», meint Bauamtsleiter Franz Weibel. Dafür habe sich die Situation entspannt.

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