iPod oder Schallplatte?

Der St. Galler Niklaus Reichle sammelt Kofferplattenspieler. Wenn er doch mal einen weggibt, hält er auf einem Blog alles über den neuen Besitzer und die Geschichte des Modells fest.

Nina Rudnicki
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Ob gelber Triangel-Plattenspieler, einer mit Schiebefach oder ein runder Philips UFO mit rotem Plastikdeckel: Niklaus Reichle besitzt mittlerweile über 60 Kofferplattenspieler. (Bild: Urs Bucher)

Ob gelber Triangel-Plattenspieler, einer mit Schiebefach oder ein runder Philips UFO mit rotem Plastikdeckel: Niklaus Reichle besitzt mittlerweile über 60 Kofferplattenspieler. (Bild: Urs Bucher)

Es sind zu viele. Der Estrich ist bereits voll. Auch in mehreren Zimmern und sogar im Kleiderkasten stapeln sich insgesamt über 60 Kofferplattenspieler. Vor einer Beige steht Niklaus Reichle, der die Plattenspieler sammelt. Auf Flohmärkten, in Brockenhäusern und auf eBay sucht er danach. Manchmal fliegt er auch ans andere Ende der Welt, um sich ein Gerät anzuschauen und nach St. Gallen zu holen. Aus Leidenschaft, wie er sagt, während er einen staubigen Koffer hervorholt, öffnet und den Plattenspieler mit einer Handkurbel aufzieht. Das Gerät funktioniert mechanisch und stammt aus den 1930er-Jahren.

Seelenlos abgespeichert

Sieht so Musikhören in der Zukunft aus? Wie im letzten Jahrhundert, auf nostalgisch anmutenden Plattenspielern? Energiesparend wäre zumindest die mechanische Variante ja, und retro ausserdem. Dass CDs bald der Vergangenheit angehören, daran zweifelt nicht zuletzt wegen der sinkenden Verkaufszahlen wohl kaum noch jemand. Downloads und Musik-Streaming-Dienste im Internet ersetzen den Weg ins Musikfachgeschäft, iPods und iClouds das sperrige CD-Regal. Und da soll jetzt ausgerechnet die Schallplatte wieder ins Spiel kommen? «Von Schallplatten hat man eben einfach mehr als von austauschbaren, gesichtslosen Dateien auf einem Computer», sagt Reichle. «Die Hüllen machen visuell was her. Und die Platten fühlen sich in der Hand viel besser an als CDs. Die wirken doch wie billiger Plastik.» Wenn Reichle von Schallplatten und Plattenspielern spricht, von der warmen Klangfarbe und von Musikern, die während ihrer Konzerte zunehmend wieder fast ausschliesslich Schallplatten verkaufen, beginnen seine Augen zu leuchten und seine Mundwinkel ziehen nach oben.

Mit Plattenspieler in die Wanne

Weggeben möchte Reichle seine Kofferplattenspieler eigentlich nicht. Aber 60 Stück sind selbst für ihn zu viel. Und mit dem Sammeln aufhören kann er irgendwie auch nicht. Darum hat er sich eine Lösung für sein Dilemma einfallen lassen. Ein Kompromiss quasi wie er die Plattenspieler verkaufen, aber doch irgendwie behalten kann, oder zumindest die Erinnerung daran. Jeder, der in seiner Wohnung einen passenden Plattenspieler findet und kauft, muss sich damit für ein Foto ablichten lassen. Das stellt Reichle dann auf seinen Blog, zusammen mit einer kurzen Geschichte über den alten Plattenspieler und seinen neuen Besitzer. Da wäre etwa Hans-Ruedi, der nach etwas Kompaktem und Stabilem suchte, sich für einen Dual P51 entschied und damit in der Badewanne posierte. Oder Rahel, die sich für einen gelben Triangel-Koffer aus den 70ern interessierte, der von Philips als «poppige Hit-Maschine Playsound AF 180» vermarktet wurde. Dann gibt es noch die Marke Mangiadischi. Kurt etwa hält einen solchen Plattenspieler der Kamera entgegen. Es ist ein Plastikmodell mit einem Schlitz, das in den 50er-Jahre vor allem in Italien beliebt war und in Autos eingebaut werden sollte. Ein Versuch, der allerdings schnell wieder aufgegeben worden sei, sagt Reichle, der in seiner Sammlung aber auch einige modernere Plattenspieler aus den 2000er-Jahren mit integriertem USB-Anschluss hat. «Für den einen oder anderen vielleicht die beste Lösung. Damit hat man beides: etwas in der Hand und etwas in der iCloud.»

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