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Interview

INTERVIEW: «Tödlicher Schatten» - wie der Thurgauer Waffenläufer Mischa Ebner zum Mörder wurde

Der Thurgauer Spitzensportler Mischa Ebner wurde zum Mörder und hielt Polizei und Öffentlichkeit in Atem. Der damalige Berner Polizeisprecher hat mit «Tödlicher Schatten» nun ein Buch über den Fall veröffentlicht.
Larissa Flammer
Die Geschichte von Mischa Ebner wird auch im Kinofilm «Der Läufer» erzählt. Max Hubacher (im Bild) spielt die Hauptrolle. (Bild: Andrea Stalder)

Die Geschichte von Mischa Ebner wird auch im Kinofilm «Der Läufer» erzählt. Max Hubacher (im Bild) spielt die Hauptrolle. (Bild: Andrea Stalder)

In Bern ging in den Jahren 2001 und 2002 ein Serientäter um, der vor allem bei Frauen für Angst sorgte. Er gestand nach seiner Verhaftung 30 Entreissdiebstähle, mehrere Tötungsversuche und ein Tötungsdelikt. Der Täter war der Thurgauer Spitzensportler Mischa Ebner, über dessen Leben bald der Film «Der Läufer» in die Kinos kommt. Ebner nahm sich in der Gefängniszelle das Leben. Jürg ­Mosimann war damals Sprecher der Kantonspolizei Bern. Er hat die Ermittlungen aus der Nähe miterlebt. Nun hat er einen Krimi geschrieben, der stark an die Geschehnisse von damals angelehnt ist.

Jürg Mosimann, Krimiautor. (Bild: PD, Susanne Keller)

Jürg Mosimann, Krimiautor. (Bild: PD, Susanne Keller)

Jürg Mosimann, aus welchem Grund haben Sie den Fall Mischa Ebner als Vorlage für Ihr neustes Buch genommen?

Es gäbe viele Fälle, die ich als Vorlage benutzen könnte. Dieser hatte jedoch das gewisse Etwas. Etwas Besonderes.

Inwiefern?

Es gab die grosse Serie von zum Teil schrecklichen Straftaten und die damit verbundene, gewaltige Arbeit der Polizei. Ungewöhnlich war auch, dass der Täter schriftlich mit der Polizei und auch mit einigen Opfern kommuniziert hat. Nach seinen Entreissdiebstählen hat er einigen Opfern gestohlene Sachen zurückgeschickt oder sich mittels Kärtchen, mit «Sorry» drauf, entschuldigt.

Gab es noch andere Besonderheiten?

Der Katalog der Straftaten reichte vom Entreissdiebstahl über die schwere Körperverletzung bis hin zum Tötungsdelikt. Wir hatten es also mit einer zunehmenden Eskalation von Gewalttaten zu tun, die wir einem einzigen Täter zuordnen konnten. Einem Serientäter, den wir vorerst nicht finden konnten. Wir hatten seine DNA, konnten sie aber niemandem zuordnen.

War dies der grösste Fall, den Sie miterlebt haben?

Er gehörte zu den grösseren, ja. Vor allem in der Öffentlichkeit fand er hohe Beachtung.

Wie nahe waren Sie an den Ermittlungen dran?

Näher ging es nicht. Ich war an verschiedenen Tatorten und nahm an allen Rapporten teil. Nach den Sitzungen sassen wir noch zusammen und diskutierten über zusätzliche Massnahmen. Das hat dazu geführt, dass das ganze Soko-Team richtig zusammengeschweisst wurde.

Können Sie kurz erklären, wie der Fall ablief?

Es begann 2001 mit Entreissdiebstählen. Diese konzentrierten sich auf ein Gebiet im Westen der Stadt Bern. Anfänglich wurden «nur» Handtaschen entrissen. Langsam, aber sicher nahm das Gewaltpotenzial zu. In einigen Fällen spritzte der Täter den Opfern ein Zitronen-Wasser-Gemisch in die Augen. In einem Fall schlug er mit einer Eisenstange auf den Rücken des Opfers. Es gab auch Zeiten, in denen nichts mehr passierte. Im Nachhinein fanden wir heraus, dass der Täter damals in den Ferien war. Danach begann sich die Gewaltspirale immer schneller zu drehen. Zwei Frauen wurden aufs Schlimmste gewürgt. Der schreckliche und zugleich traurige Höhepunkt folgte in der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August 2002. Der Täter stach mit einem Messer wie wild auf eine junge Frau ein und fügte ihr so schwerste Verletzungen zu. Nur eine Stunde später brachte er eine andere Frau um.

Wie lange dauerte es, bis Sie den Täter hatten?

Drei Wochen nach dem Mord konnten wir ihn festnehmen. Die Zeit dazwischen war ganz schlimm. Wir hatten gross angelegte Überwachungen aufgezogen, die Patrouillentätigkeiten massiv erhöht, rigorose Kontrollen durchgeführt – nichts. Wir mussten stündlich damit rechnen, dass er wieder zuschlägt. Aber wo? Und wann?

Wann hat die Polizei bemerkt, dass der Serientäter ein in Sportlerkreisen bekannter Läufer war?

Erst bei der Festnahme. Das hatte aber keine Auswirkungen auf die Arbeit der Polizei. Bei den Medien war diese Tatsache aber von Bedeutung. Die Medien haben sowieso eine nicht ganz unwesentliche Rolle gespielt bei diesem Fall.

Inwiefern?

Wir wussten, dass der Täter die Berichterstattung genau verfolgt. Als wir die Beschreibung eines Opfers veröffentlichten, welche ihm unter anderem einen unreinen Teint attestierte, hat er uns in einem anonymen Brief mit offensichtlich verstellter Schrift mitgeteilt, dass ihn das schon ein wenig gekränkt habe. Das zeigte uns, dass wir es mit einer eitlen Person zu tun haben.

Welchen Einfluss hatte das auf die Ermittlungen?

Wir mussten genau darauf achten, was wir gegen aussen kommunizieren. Dennoch: Die Medien waren für uns ein wichtiger Faktor, um mit unseren Bedürfnissen an die Öffentlichkeit zu gelangen. Ich denke dabei an Hinweise oder Zeugenaufrufe. Insgesamt bekamen wir etwa 800 Hinweise aus der Bevölkerung.

Was war sonst noch speziell an den Ermittlungen?

Wir haben recht früh den weltbekannten Kriminalpsychologen Thomas Müller aus Wien beigezogen. Mit seinen Einschätzungen und Analysen konnte er uns neue Ermittlungsansätze liefern. So erhielten wir beispielsweise Hinweise auf den Charakter des Täters. Das eigentliche Tatmotiv ist aber noch heute unklar.

Welche wahren Begebenheiten haben Sie ins Buch aufgenommen?

Alle Begebenheiten, die den Fall betreffen, sind wahr. Es ist die Geschichte, so wie sie passiert ist. Einzig die Figuren, deren Eigenheiten und private Aktivitäten sind fiktiv. Obwohl, einige Sachen durfte ich nicht sagen, weil das Amtsgeheimnis für mich immer noch gilt. Einiges habe ich aus taktischen Gründen weggelassen. Trotzdem stehen viele Dinge im Buch, die noch nie öffentlich wurden. Etwa was die Polizei damals alles unternommen hat. Auch Journalisten, die damals darüber berichteten, sagten mir, sie hätten nicht alles gewusst.

Haben Sie das Buch auch geschrieben, um das Erlebte zu verarbeiten?

Nein, das war kein Grund.

Ihr letztes Buch handelt von einem ermordeten Mädchen, mit dessen Familie Sie in Kontakt standen. Hatten Sie dieses Mal, da Sie über einen Täter geschrieben haben, auch Kontakt mit dessen Familie?

Nein. Im Fall des Mädchens kam ich als Journalist in Kontakt mit den Eltern. In meiner Funktion als Mediensprecher der Polizei gab es keinen Grund, mit der Familie des Täters in Kontakt zu treten.

Film «Der Läufer»

Filmproduzent Stefan Eichenberger will mit «Der Läufer» eine «fiktionalisierte, eigene Interpretation des realen Falls» schaffen. Das Schicksal von Mischa Ebner bewegte ihn. Eichenberger sagt: «Unser Fokus liegt auf einer möglichst wahrhaftigen Abbildung der emotionalen Entwicklung der Hauptfigur.» Vergangenen November drehte das Team am Frauenfelder Waffenlauf, den Ebner 1998 gewann. «Der Läufer» soll im kommenden Februar in die Kinos kommen. Die Hauptrolle – im Film ein junger Mann namens Jonas Widmer – wird von Max Hubacher gespielt. (lsf)

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