Interview
«Im Innern lagen noch Aktentaschen und Koffer»: Zwei Thurgauer Freunde tauchen zum abgestürzten Flugzeug im Bodensee

Martin Wassmer und Sven Borchert aus Dozwil sind Profitaucher, normalerweise unterwegs in 120 Metern Tiefe. Kürzlich haben sie sich zum Wrack des abgestürzten Flugzeugs im Bodensee gewagt und Fotos geschossen.

Alain Rutishauser
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Das Flugzeugwrack ist noch gut intakt, wie die beiden Taucher herausgefunden haben. Hier erkundet Martin Wassmer das Innere des Wracks.

Das Flugzeugwrack ist noch gut intakt, wie die beiden Taucher herausgefunden haben. Hier erkundet Martin Wassmer das Innere des Wracks.

Bild: zVg

Wie kam die Idee, nach dem Flugzeugwrack zu suchen?

Martin Wassmer: Der Tauchgang war naheliegend. Wenn schon im Bodensee einmal ein Flugzeug abstürzt, dann machen wir das natürlich. Die Tiefe war gut machbar, deshalb war klar, dass wir uns da mal heranwagen und uns das Flugzeug anschauen.

Wie haben Sie das Flugzeug gefunden?

Martin: Wir sind an einer Stelle abgetaucht, an der wir das Flugzeug vermutet haben und haben da den Anker gesetzt. Damit wir unser Boot wiederfinden, haben wir am Anker eine Leine festgemacht und von dort aus den Grund des Sees nach dem Flugzeug abgesucht. Wir haben es aber relativ schnell gefunden, innerhalb von fünf Minuten.

Sven Borchert: Da unten ist wirklich Mondlandschaft. Da hat man schnell die Orientierung verloren. Deshalb verwenden wir den Anker und die Leine, um zum Boot zurück zu finden.

Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie das Flugzeug gefunden haben?

Martin: Geiles Bild! Einfach nur cool. Wir haben erst einmal einen Blick in das Flugzeug geworfen. Sven hat viele Fotos gemacht. Im Innern lagen noch Aktentaschen und Koffer. Wir haben natürlich nichts angefasst und sind im sicheren Abstand um das Flugzeug getaucht. Es war sehr spannend, weil wir ja die ersten sind, die das Flugzeug in diesem Zustand betrachten konnten.

Sven: Die Spitze steckt rund einen Meter im Schlamm, die Flügel liegen auf dem Schlamm auf, und deshalb kippt das Flugzeug auch nicht um.

Der Tauchgang zum Flugzeugwrack auf 80 Metern Tiefe hat sich gelohnt.
10 Bilder

Der Tauchgang zum Flugzeugwrack auf 80 Metern Tiefe hat sich gelohnt.

Bilder: zVg

Wie lange dauerte der gesamte Tauchgang?

Martin: Die Gesamttauchzeit war etwa 140 Minuten. 35 Minuten «Spass» um das Flugzeug herum und die meiste Zeit fürs Auftauchen.

Sven: Der Rechner gibt vor, auf welcher Stufe man wie lange verweilen muss, das sind sogenannte Dekompressionsstops, um den Druck nicht zu schnell zu entlasten. Ansonsten können sich Gasblasen im Körper bilden. Im schweren Fall verstopfen die Gasblasen Arterien, was zu Lähmungen führen kann bis hin zum Sauerstoffverlust von lebenswichtigen Organen.

Unter Dekompressionszeit versteht man die kontrollierte Verminderung des Drucks zur Verhinderung der sogenannten Dekompressionskrankheit – Verletzungen durch zu schnelle Druckentlastung nach Einwirkung von Überdruck, Bildung von Gasblasen im Körperinneren, verletzte Blutgefässe und eine Unterbrechung der Blutversorgung – passiert beispielsweise, wenn man zu schnell auftaucht und der Aussendruck schneller absinkt als es zur Entsättigung im Blut kommen kann. Der Stickstoff kann sich dann nicht genügend schnell in Lösung umwandeln sondern bildet Blasen. (Anmerkung der Redaktion)

Die Schnauze des Flugzeugs steckt rund einen Meter im Schlamm.

Die Schnauze des Flugzeugs steckt rund einen Meter im Schlamm.

Bild: zVg

Sind Sie bei diesem Tauchgang an Ihre Grenzen gekommen?

Martin: In den Medien hiess es, das Flugzeug sei schwer zu betauchen. Für uns war das eigentlich kein schwerer Tauchgang.

Sven: Wir machen öfters Tauchgänge auf bis zu 120 Metern Tiefe.

Martin: Aber natürlich war es etwas Besonderes. Ein abgestürztes Flugzeug im Bodensee gibt es nicht jeden Tag. Und trotzdem darf man die Komplexität des Tauchgangs nicht unterschätzen. Es braucht viel Erfahrung. Und die haben wir.

Sven: Nach 3500 Tauchgängen können wir das. Ich tauche seit 1997.

Martin: Ich kann immerhin 700 Tauchgänge vorweisen. Ich habe vor rund sechs Jahren mit dem Tauchen begonnen. Ich gehe unheimlich gerne mit Sven tauchen, weil ich sehr von seiner Erfahrung profitieren kann. Mittlerweile sind wir dadurch auch richtig gute Kollegen geworden.

Haben Sie spezielle Ausrüstung für diese extremen Tiefen?

Sven: Wir tauchen mit sogenannten CCR-Geräten, einem Closed Circuit Rebreather oder Kreislauftauchgerät. Der grosse Vorteil dabei ist, dass wir das Gas sozusagen recyclen. Wir atmen direkt in das Gerät ein und aus. Wichtig ist dabei natürlich das optimale Gemisch, weil der Sauerstoffgehalt je nach Tauchtiefe variiert.

Martin: Wir bestimmen das Gemisch selbst. Das CCR-Gerät hat einerseits Sauerstoff, der zugeführt wird und einen sogenannten Diluent, also Verdünnungsgas. Sauerstoff ist ab sechs Metern Tiefe nicht mehr atembar. Das heisst, ich muss ab dieser Tiefe meinen Sauerstoff verdünnen um ein atembares Gemisch zu bekommen.

Sven: Auf 80 Metern Tiefe ist das Gemisch in etwa 12 bis 15 Prozent Sauerstoff und zwischen 55 und 70 Prozent Helium.

Dieses Gemisch würde an Land wohl zu einer Hypoxie führen – Sauerstoffmangel, Ohnmacht, blaue Haut, angeschwollene Finger – wohingegen ein reines Sauerstoffgemisch auf 84 Metern Tiefe giftig ist. (Anmerkung der Redaktion)

Martin Wassmer beim Erkunden des Flugzeugwracks.

Martin Wassmer beim Erkunden des Flugzeugwracks.

Bild: zVg

Können solche CCR-Geräte auch ausfallen?

Sven: Ja. Wichtig zu verstehen ist, dass wir Notflaschen, sogenannte Dekostages, dabei haben müssen. Wenn also unser CCR-Gerät aussteigt, müssen wir ohne das Gerät in der Lage sein, an die Wasseroberfläche zu kommen. Ein Tiefengas, dieses Gas ist in der Tiefe atembar, 2 Dekompressionsgase, wobei das letzte Gas reiner Sauerstoff ist und ab 6 m geatmet wird. So ist dafür gesorgt, dass wir auch ohne das CCR-Gerät sicher wieder nach oben kommen.

Martin: Es ist glücklicherweise aber noch nie passiert, dass unser CCR-Gerät komplett ausgestiegen ist.

Waren noch mehr Leute am Tauchgang beteiligt?

Martin: Die Frau von Sven und mein Sohn haben uns vom Boot aus unterstützt, das war sehr angenehm.

Sven: Genau, also der Support ist sehr wichtig. Nach zweieinhalb Stunden im kalten Wasser ist man froh, wenn jemand die Flaschen abnimmt oder beim Ausziehen der Flossen hilft.

Wie kommunizieren Sie im äussersten Notfall mit dem Bootsteam?

Sven: Wir sind ausgebildet, nahezu alle Notfälle im Wasser selbst zu lösen. Für den Fall, dass wir ein Problem unter Wasser nicht lösen können, haben wir verschieden farbige Bojen dabei, die wir aufblasen können. Eine rote Boje heisst «Alles in Ordnung», eine gelbe Boje könnte heissen, dass ein Problem besteht. Das muss aber mit dem Bootsteam abgesprochen sein, das ist nicht generell so. Zusätzlich haben wir sogenannte «Wet Notes», ein wasserdichter Schreibblock mit Stift, auf dem wir eine Botschaft hinterlassen und den wir an die Boje anheften können.

Auf dem Grund ist es stockdunkel. Wie haben Sie sich orientiert?

Sven: Wir haben Tauchlampen, die wir direkt am Arm tragen können, damit wir die Hände frei haben und arbeiten können. Für die Bilder haben wir eine Spiegelreflexkamera verwendet mit einem Unterwassergehäuse, das speziell für die Kamera angefertigt wurde, um trotzdem alle Funktionen bedienen zu können. Es ist bis auf 120 Meter wasserdicht, so dass wir es auf alle Tauchgänge mitnehmen können.

Haben Sie Leuten den genauen Standpunkt des Wracks verraten?

Sven: Wir hatten natürlich eine Menge Anfragen, wo denn das Wrack nun genau sei und wie man da hinkomme. Wir geben den genauen Standort aber nicht preis. Das haben wir der Polizei gegenüber auch versichert. Wir wollen verhindern, dass jemandem etwas passiert. Nehmen wir an, jemand mit einer 10-Liter-Flasche geht da runter. Das überlebt man dann wahrscheinlich nicht, weil man nicht mehr rechtzeitig an die Oberfläche kommt.

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