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INTERVIEW: HSG-Rektor: "Die Ostschweiz muss auf ihr Steuerimage achten"

Die Universität St.Gallen wächst weiter. Sie plant neue Studiengänge und treibt Bauprojekte voran. Rektor Thomas Bieger sagt, wie die HSG den Standort Ostschweiz noch stärker fördern will – und warum andere Universitäten im Volk beliebter sind.
Adrian Vögele
«Mit dem guten Ruf der Ostschweiz als Freizeit- und Erholungsraum ist es nicht getan»: HSG-Rektor Thomas Bieger (Bild: Urs Bucher)

«Mit dem guten Ruf der Ostschweiz als Freizeit- und Erholungsraum ist es nicht getan»: HSG-Rektor Thomas Bieger (Bild: Urs Bucher)

Thomas Bieger, die Universität St.Gallen will künftig Studiengänge in Medizin und Informatik anbieten. Hat es die HSG satt, als reine Wirtschaftsuniversität wahrgenommen zu werden?
Bieger:Die HSG ist seit ihrer Gründung eine Wirtschaftsuniversität. Dennoch kann sie ein integratives Bild aktueller Entwicklungen vermitteln – mit ihren Fachbereichen Wirtschafts-, Sozial und Kulturwissenschaften, Recht und Internationale Beziehungen. Das geht weit über die Perspektive einer Business School hinaus. Die jetzt geplanten Erweiterungen haben unterschiedliche Ursachen.

Zum Beispiel?
Dem Joint Medical Master, den wir zusammen mit der Universität Zürich und dem Kantonsspital St.Gallen aufbauen, liegen gesundheitspolitische Überlegungen zugrunde. Der Anteil in der Schweiz ausgebildeter Ärzte soll in der Ostschweiz zunehmen. Die HSG hilft gerne mit, damit dieses Ziel erreicht wird.

Wie verhält es sich bei der Informatik?
Informatik ist seit jeher ein Kernthema von Wirtschaftsuniversitäten. Die HSG hatte Ende der 1970er-Jahre schon einmal eine technische Wirtschaftsinformatik-Ausbildung. Sie wurde später wieder aufgegeben, weil man glaubte, mit dem Aufkommen der Personal Computer (PC) würden grosse Informatiksysteme überflüssig. Heute aber gehört es zur Grundaufgabe einer Wirtschaftsuniversität, sich auch mit der technischen Informatik zu befassen. Darum leistet die Universität St.Gallen – sofern das Volk zustimmt – gerne einen Beitrag zur IT-Bildungsoffensive und baut eine School für Information Science auf. Im Unterschied zum Joint Medical Master sollen in der Informatik auch eigene, neue Lehrstühle geschaffen werden. Damit kann die HSG einen Beitrag zur Bewältigung des Fachkräftemangels im Bereich Informatik und Grundlagen für Wissenstransfer und Unternehmensgründungen leisten.

Bei der Medizin sprechen Sie von einer Hilfeleistung für die Region. Heisst das, die Uni hätte von sich aus kein Bedürfnis, komplett neue Fachbereiche aufzubauen?
Mit ihrem Profil als Wirtschaftsuniversität ist die HSG seit jeher sehr erfolgreich. Sie wurde ja gegen Ende des 19. Jahrhunderts von der Textilindustrie, dem Kanton und der Stadt gegründet. Zur selben Zeit entstanden auch andere Wirtschaftsuniversitäten in Europa – als dritter Typus neben den Volluniversitäten und den technischen Universitäten. Die Universität St.Gallen vertritt eigentlich die Schweiz in diesem dritten Typus. Die Internationalisierung, die wir damit erreicht haben, kommt auch dem Kanton wieder zugute, etwa über Exporteffekte. Das wäre ohne die Spezialisierung der HSG als Wirtschaftsuniversität nicht möglich gewesen.

Dann ist es undenkbar, dass sich die HSG langfristig in Richtung Volluniversität entwickelt?
Damit würde man das gute Profil der Universität gefährden. Das ist wie bei einem Produkt: Wenn beispielsweise ein Auto gleichzeitig Geländefahrzeug, Luxuslimousine und Kleinwagen sein soll, wird es schwierig. Eine Universität, die sich auf dem internationalen Markt behaupten will, braucht ein klares Profil.

Man hat allerdings den Eindruck, die St.Galler seien gegenüber ihrer Universität skeptischer als dies in anderen Städten der Fall ist. Wie erklären Sie sich das?
In einer Stadt mit einer Volluniversität ist die Chance hoch, dass viele Leute, die dort leben und arbeiten, an der örtlichen Uni studiert haben – vom Lehrer über den Arzt bis zum Pfarrer. Damit ist eine Volluniversität besser und breiter in der Bevölkerung verankert als eine spezialisierte Universität. Umgekehrt hat aber eine spezialisierte Universität wie die HSG das Potenzial, dass sie eben auch von aussen Einnahmen, Ressourcen und Fachkräfte in die Region holt.

Das kann eine Volluniversität nicht?
Breite kostet. Ohne ausreichende Finanzierung besteht die Gefahr, dass über viele Fachbereiche hinweg eine Durchschnittsqualität geboten wird. Mit Fokussierung und Unternehmertum – die HSG hat 50 Prozent nichtstaatliche Einnahmen – kann mit weniger Mitteln hohe Qualität gesichert werden. Wir stecken somit in einem Dilemma. Die Universität St.Gallen kann aufgrund ihrer Spezialisierung nie so gut in der Region verankert sein wie eine Volluniversität. Aber sie kann dank ihrer Spezialisierung und Qualität als führende Wirtschaftsuni für die Region viel Nutzen bewirken – in Form von Reputation und indem sie Wissen und Einnahmen in die Region bringt.

Lassen sich die Einnahmen beziffern?
Für jeden Franken, den die HSG vom Kanton St.Gallen bekommt, generiert sie Volkseinkommen von fünf Franken. Positive Effekte entstehen etwa durch die vielen Unternehmensgründungen im Umfeld der Universität, aber auch den Wissenstransfer in Wirtschaft und Gesellschaft. Die HSG ist auch öffentlicher Raum und Teil der Gesellschaft, etwa mit ihrem öffentlichen Programm.

Denken Sie, die neuen Studiengänge werden sich positiv auf das Image der HSG in der Region auswirken?
Auf jeden Fall. Im Bereich Medizin zum Beispiel kann die Uni zusammen mit Institutionen wie den Kantonsspital, Empa und anderen Akteuren im Gesundheitsbereich ein Netzwerk aufbauen, das ein guter Nährboden für Unternehmensgründungen sein wird. Dasselbe gilt für die Informatik. Es ist eine Erweiterung, die bereits vorhandene Aktivitäten in der Region stärkt und zur Standortattraktivität beiträgt.

Es gibt Stimmen, die fordern, die HSG müsse sich offensiver für die Attraktivität und das Wachstum der Region einsetzen. Was sagen Sie dazu?
Wie gesagt bringt die HSG heute schon einen deutlichen Mehrwert für die Region. Die Universität befindet sich derzeit auf einem ausbalancierten Wachstumskurs. Wenn eine Universität zu stark wächst, besteht die Gefahr, dass die Qualität von Lehre und Forschung abnimmt. Das hätte auch zur Folge, dass es längerfristig weniger positive Effekte für die Region gäbe. Mit dem Ausbau in Medizin und Informatik fördert die Universität die Entwicklung des Standorts noch stärker als bisher. Hinzu kommt das Bauprojekt für den Campus Platztor, das nicht nur der Universität dient, sondern eine städtebauliche Entwicklung darstellt und neuen öffentlichen Raum in der Stadt St.Gallen schafft. Mit dem HSG Learning Center, das von der HSG-Stiftung finanziert wird und somit eine Eigenleistung der Uni ist, werden wir einen weitherum wahrnehmbaren Akzent des modernen Lernens im Digitalen Zeitalter schaffen, der als Leuchtturm für die Uni und die Stadt wirken kann.

Als Paradebeispiel für eine Hochschule, die einen Boom in ihrer Region ausgelöst hat, gilt die ETH Lausanne (EPFL). Könnte die HSG eine ähnliche Rolle einnehmen?
Die EPFL ist ein gutes Beispiel dafür, was eine Universität als Nukleus für eine Wirkung erzielen kann. Auch die Universität St.Gallen ist diesbezüglich stark. Was bei uns fehlt, ist jedoch die technische Orientierung. Viele unternehmerische Aktivitäten, die heute im Vordergrund stehen – in der Robotik beispielsweise – brauchen diesen technischen Hintergrund. Den haben wir nicht. In der Westschweiz ist die EPFL auch in einem Netzwerk mit den Universitäten Genf und Lausanne. Wir wollen einen Schritt in diese Richtung machen, indem wir in der Medizin und der Informatik Netzwerke mit anderen Institutionen wie der Universität Zürich oder der Empa aufbauen.

Wo muss der Standort Ostschweiz aus Ihrer Sicht dringend ansetzen, um attraktiver zu werden?
Mit dem guten Ruf der Ostschweiz als Freizeit- und Erholungsraum ist es nicht getan. Wenn wir mehr junge Fachkräfte und kreative Köpfe anziehen wollen, braucht es Begegnungszonen von urbaner Qualität, wo Meinungen und Wissen ausgetauscht werden. In Zürich hat man jeden Tag die Möglichkeit, an fachspezifischen Treffen teilzunehmen, zu diskutieren, sich weiterzubilden. Es ist wichtig, dass sich die grösseren und kleineren Zentren der Ostschweiz optimal vernetzen, etwa mit guten Verkehrsverbindungen, um diesen Austausch zu ermöglichen. Die HSG leistet hier ihren Beitrag, indem sie Weiterbildung, öffentliche Vorlesungen und gesellschaftliche Plattformen bietet.

Müssen die Steuern im Kanton sinken, damit mehr Arbeitskräfte hierherziehen?
Die Steuerentwicklung muss man sicher im Auge behalten. Wichtig sind Kippeffekte und Bandbreiten. Wenn die Steuern in der Stadt St.Gallen plötzlich höher wären als in der Stadt Zürich, würde es schwierig. Ebenso wichtig wie die tatsächliche Steuerbelastung ist auch das Image, das eine Region punkto Steuern hat. Man muss vorsichtig sein, dass man durch intensive Diskussionen nicht beim Rest der Schweiz den Anschein erweckt, steuerlich nicht attraktiv zu sein. Die Ostschweiz sollte hier auf ihren Tugenden aufbauen und auch auf den soliden Zustand der Staatsfinanzen hinweisen.

In der Stadt St.Gallen prägt die Universität heute bereits ein ganzes Quartier und erweitert sich nun in Richtung Zentrum. Wird ihr die Stadt irgendwann zu klein?
Man sieht auf der ganzen Welt, dass gerade mittelgrosse Standorte als Universitätsstandorte eine besondere Qualität haben. So sind beispielsweise in St.Gallen die Wege kurz, es ist für Studierende einfach, sich zu treffen – das ist positiv. Mit dem neuen Universitätsstandort am Platztor wird wiederum das Quartier Rotmonten entlastet. Seit 120 Jahren entwickeln sich die Stadt und die HSG in einer Symbiose. In einzelnen Perioden ist die Stadt rascher gewachsen, in anderen die Universität. Insgesamt ergab sich eine synergetische und ausbalancierte Entwicklung.

Kommentar: Region und Uni müssen am selben Strick ziehen

Die Ostschweiz hat ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Universität. Die HSG, das ist die global ausgerichtete Kaderschmiede für Grosskonzerne, nur schon durch ihre erhöhte Position auf dem Rosenberg schön abgehoben von der Region und dem Durchschnittsbürger – so lautet das Klischee. Im städtischen Publikum hätten manche lieber eine Volluniversität mit fachlicher Breite statt einer Wirtschaftsuni. An den Stamm­tischen auf dem Land herrscht derweil vielerorts die Meinung, es gebe ohnehin schon viel zu viele Akademiker, egal von welchem Fach.

Die Skepsis gegenüber der HSG stellt deren Leistungen für die Ostschweiz leider oft in den Schatten. Dass die Spezialisierung der HSG auf Wirtschaft auch für die Region von Vorteil ist, zeigen die vielen Firmengründungen – mit Arbeitsplätzen für alle Bildungsstufen, nicht nur für Akademiker. Und so reizvoll die Vorstellung von einer Volluniversität in St. Gallen auch scheinen mag: Sie ist nur schon deshalb nicht sinnvoll, weil Zürich und Konstanz nur eine Stunde entfernt sind.

Dass die HSG punktuell fachliches Neuland betritt, ist hingegen eine Chance: Mit den Studiengängen in Medizin und Informatik kann die Uni beweisen, dass sie bereit ist, sich an der Förderung des Standorts Ostschweiz noch stärker als bisher zu beteiligen. HSG-Rektor Thomas Bieger weist jedoch zu Recht darauf hin, dass es mehr braucht als neue Studienangebote, um kreative Köpfe in die Ostschweiz zu holen – zum Beispiel gut vernetzte, urbane Begegnungszonen für den Austausch von Wissen und Ideen. Dafür muss die Region als Ganzes Anstrengungen unternehmen, über Kantonsgrenzen und Bildungsstufen hinweg. Wenn Region und Uni am selben Strick ziehen, profitieren alle.

Adrian Vögele
adrian.voegele@tagblatt.ch

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