Interview
«Baugesuche prüfen, Besuch auf der Grabung in Weinfelden, Texte schreiben»: Hansjörg Brem erzählt von seinem Berufsalltag als Kantonsarchäologe

Der Thurgauer Kantonsarchäologe Hansjörg Brem ist fleissig, ausdauerstark und ein mässiger Autofahrer. Für seinen Beruf pendelt er zwischen dem Büro, Home-Office und Ausgrabungsstellen im Thurgau.

Florian Beer
Merken
Drucken
Teilen
Der Kantonsarchäologe Hansjörg Brem im Lager des Amts für Archäologie Thurgau.

Der Kantonsarchäologe Hansjörg Brem im Lager des Amts für Archäologie Thurgau.

Bild: Andrea Stalder

Was hat Sie letzte Woche besonders beschäftigt?

Beruflich ein Nebenher von vielen verschiedenen Dingen, bei vielem ging es um Fragen der Organisation unserer Arbeit. Und daneben habe ich noch meine Kollegin vertreten. Ansonsten hat sich viel um mein Tagesgeschäft als Archäologe gedreht: Baugesuche prüfen, Besuch auf der Grabung in Weinfelden, Texte schreiben, Anfragen beantworten, Rechnungen visieren, und so weiter und so fort.

Klingt nach einer strengen Woche.

Als Dessert und Belohnung gab es dafür noch die schönen römischen Münzen aus Eschenz zu bearbeiten. Das sind immer ganz besondere Momente in meinem Beruf! Privat waren es die letzten Fahrübungen mit meinem Sohn, der kurz vor seiner Fahrprüfung stand. Als eher mässiger «Mussautofahrer» ist das leider nicht so mein Ding. Mein Sohn hat das aber zum Glück nicht davon abgehalten, seine Fahrprüfung zu bestehen.

Wie sieht ein durchschnittlicher Arbeitstag von Ihnen aus?

Ich bin meistens kurz nach sieben Uhr morgens im Büro oder im Werkhof. Auf diesem Weg sehe ich auch noch diejenigen, die zu Grabungen fahren und habe die Gelegenheit, mich mit ihnen abzusprechen. Es gibt einige Dinge, für die ich im Betrieb hauptsächlich zuständig bin: Planungsgeschäfte, Personalentscheide und finanzielle Angelegenheiten. Daneben steht der Abschluss einiger Projekte und Publikationen auf der Agenda, darunter die Ausgrabungsergebnisse vom Sonnenberg.

Was fasziniert Sie an der Archäologie?

Die Anwendung von technischen und naturwissenschaftlichen Methoden für die Geschichtsforschung. Die Archäologie kombiniert die Handarbeit mit mentalen Anstrengungen. Das begeistert mich jeden Tag aufs Neue!

Welche Geschichten von früher sind in Frauenfeld und allgemein im Thurgau versteckt?

Sie lassen sich am ehesten als «Alltagsgeschichten» beschreiben. Bisher schafften sie es nicht in die grossen Schlagzeilen oder in die Weltgeschichte. Es sind vor allem Geschichten von Menschen und ihrer Arbeit und dem, was sie uns hier im Thurgau hinterlassen haben. Wir finden ihre zahlreichen Spuren überall.

Wie haben Sie die Pandemie bisher verbracht?

Eher ruhig und konzentriert auf das Hier und Jetzt gemeinsam mit meiner Familie. Mit Ausnahme von Konstanz habe ich die Zeit in der Schweiz verbracht. Im beruflichen Alltag hat sich allgemein eher weniger verändert als im privaten Umfeld, dort fehlen mir viele Begegnungen und eigentlich ganz normale Selbstverständlichkeiten. Das merke ich vor allem am Austausch mit meinen Kindern und auch bei meiner Behördentätigkeit. Insgesamt habe ich die Pandemie bisher aber gut überstanden, worüber ich sehr froh bin!

Wie hat sich Ihre Arbeit durch Corona verändert?

Wir pendeln nicht mehr nur zwischen unseren «Baustellen» und dem Büro, sondern haben auch noch Homeoffice. Vor allem in der Öffentlichkeitsarbeit, im Museum und auch sonst gilt es, mehr Regeln zu beachten. Durch Corona hat sich der Aufwand rund um die Organisation vergrössert, weil es darum geht, neue Formate und Arbeitsmethoden zu erproben. Dazu gehört auch der von zwei Mitarbeiterinnen betriebene und mittlerweile sehr erfolgreiche Instagram-Kanal des Amts für Archäologie Thurgau.

Was sind Ihre Stärken?

Beruflich sind das auf jeden Fall mein Erfahrungsschatz und das Vertrauen, dass es für jede noch so technische Fragen immer Leute mit einer guten Lösung gibt. Ansonsten bin ich fleissig, ausdauerstark und habe Freude am Austausch und der Zusammenarbeit mit anderen.

Welcher war Ihr erster Traumjob und warum wurde daraus nichts?

So konkret war es zuerst einmal Bauingenieur. Anschliessend konnte ich mir gut etwas im Sozialbereich vorstellen. Allerdings haben mir Menschen, mit denen ich in Praktika zusammengearbeitet habe, davon abgeraten. Zum Glück, sonst wäre ich ja nie Archäologe geworden!

Zur Person

Hansjörg Brem wurde am 21. Mai 1960 in Zürich geboren. Er studierte klassische Archäologie, Ur- und Frühgeschichte sowie mittelalterliche Geschichte bis hin zur Promotion in Zürich. Anschliessend war er bei der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie bei verschiedenen archäologischen Projekten im In- und Ausland tätig. Seit 2008 leitet er das Amt für Archäologie des Kantons Thurgau in Frauenfeld, wo er seit 1996 tätig ist. Er ist verheiratet, Vater von zwei erwachsenen Kindern und lebt in Frauenfeld. (fbe)

Hansjörg Brem hat klassische Archäologie, Ur- und Frühgeschichte sowie mittelalterliche Geschichte in Zürich studiert.

Hansjörg Brem hat klassische Archäologie, Ur- und Frühgeschichte sowie mittelalterliche Geschichte in Zürich studiert.

Bild: Andrea Stalder

In welchem Beruf wären Sie eine Fehlbesetzung?

Ich wäre ein ganz mieser Profisportler geworden – ganz egal in welcher Disziplin. Dafür bin ich ein sehr guter Sofasportler und verfolge den Sport aus einer gesunden Distanz.

Wenn Sie den Thurgau verlassen müssten, wohin würden Sie ziehen und warum?

Ich hoffe, dass ich nie mit einem solchen Szenario konfrontiert werde, denn das möchte ich überhaupt nicht! Wenn es aber wirklich sein müsste, dann würde ich wohl oder übel zurück in meine alte Heimat in den Kanton Zürich ziehen – da bin ich nämlich aufgewachsen. Als Alternative könnte ich mir aber auch den Kanton Jura als Hort der Freiheit und der republikanischen Tugenden vorstellen. Meine Heimat bleibt aber hoffentlich immer der Thurgau!

Was steht alles auf Ihrer Bucket-List?

Beruflich ist es wohl die Revision der gesetzlichen Grundlagen unserer Arbeit auf kantonaler Ebene, die langsam aber sicher in die Jahre gekommen sind. Insgesamt möchte ich auch sehr gerne die gute und erfolgreiche Fortsetzung unserer ständigen Arbeit und die Förderung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nennen. Das ist mir sehr wichtig!

Und privat?

Privat gibt es – Stichwort Corona – sehr viele Begegnungen nachzuholen und Besuche im In- und Ausland zu erleben. Hier steht besonders ein Besuch in Erfurt bei einer Kollegin von mir auf dem Programm, die sich dort um die Mittelalterarchäologie kümmert und einen wichtigen Schatz hütet. Ich hoffe, dass diese Freiheiten bald wieder zurückkommen werden.

Welche waren die bisherigen Highlights in Ihrer Laufbahn?

Während der Fussballweltmeisterschaft 1990 in Italien hatte ich die Möglichkeit, ein Studienjahr am Schweizer Institut in Rom zu verbringen. Das war eine grossartige Erfahrung. Zudem geniesse ich es immer sehr, wenn man allgemein die Möglichkeiten erhält, im Ausland berufliche Erfahrungen zu sammeln. Rückblickend kann ich aber glücklicherweise sagen, dass die 25 Jahre, die ich nun bereits hier im Thurgau erleben durfte, das grösste Highlight meiner Karriere waren.

Haben Sie ein Morgenritual?

Meine erste morgendliche Amtshandlung besteht darin, die Zeitung zu holen. Anschliessend gibt es zur Lektüre Brot, Käse und Kaffee. So starte ich gut informiert und gesättigt in den neuen Tag.

Wo ist Ihr liebster Rückzugsort, wenn es Ihnen überall zu viel wird?

Auf einer Wanderung oder Tour in den Bergen, wo es wenig andere Menschen hat. Oder im Bett lesend. Da kann ich herrlich abschalten.

Auf was freuen Sie sich am meisten an einem freien Wochenende?

Auf den Wochenmarkt in Frauenfeld und einen Abstecher in die Kantonsbibliothek. Und auch auf einen Match einer Lieblingsmannschaft, dem FC Frauenfeld.

Stellen Sie sich vor, Ihr Leben wird verfilmt. Wie lautet der Filmtitel und wer übernimmt Ihren Part und warum?

Der Film würde den Namen «Der Lauf der Dinge» tragen. Und den Part des Hansjörg Brem würde Mike Müller übernehmen, weil er eine positive Ausstrahlung hat, aufrichtig und manchmal auch etwas frech ist.