Interreligiöser Dialog: Terrorismus missbraucht Märtyrertum

Weinfelden: Am 4. Interreligiösen Gespräch diskutierten Vertreter aus Judentum, Islam und Christentum den Begriff des Märtyrers.

Judith Schuck
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Lebhafte Diskussionen: Teilnehmer an der vierten Auflage des Interreligiösen Dialogs.

Lebhafte Diskussionen: Teilnehmer an der vierten Auflage des Interreligiösen Dialogs.

Judith Schuck

Johannes der Täufer war seit jeher der Patron der katholischen Gemeinde in Weinfelden. Er sei derjenige, der die Menschen zum Glauben bekehrt habe, sagt Armin Ruf, Pfarrer der Gemeinde St. Johannes. Als Märtyrer wird er verehrt, weil er für seinen Glauben einstand und den Tod dafür in Kauf nahm. Der italienische Künstler Caravaggio widmete der Köpfung des Heiligen gleich zwei Gemälde: «Die Enthauptung des Täufers» und «Salome mit dem Kopf Johannes des Täufers». Sein Haupt musste rollen, weil Johannes König Herodes dafür kritisierte, dass er seine erste Frau verstiess, um Herodias zur Frau zu nehmen. Deren Tochter Salome bezirzte Herodes Antipas, König von Galiläa und Peräa, und verlangte von ihm – beeinflusst von ihrer Mutter – Johannes Kopf.

«Als Herodes diesen Wunsch hört, kann er nicht mehr zurück», erläutert Ruf. «Er war sicher nicht glücklich über diesen Befehl, aber zu feige, ihn abzulehnen.» Johannes hingegen sei von seiner Überzeugung bis zur letzten Konsequenz nicht abgewichen. «Sein Lebensplan war sicher nicht, als Märtyrer in die Geschichte einzugehen, er wollte einfach nur ehrlich sein.»

Attentate werden religiös gerechtfertigt

In Zusammenhang mit den Terroranschlägen der letzten Jahrzehnte ist der Begriff des Märtyrers zunehmend negativ besetzt. Attentate wie auf das World Trade Center, die Redaktion der Satirezeitschrift «Charlie Hebdo», aber auch Anschläge auf Synagogen oder gegen Menschen aus der LGBTQ-Szene werden meist mit einem religiösen Hintergrund gerechtfertigt. Doch «diejenigen, die Terrorakte begehen haben mit dem islamischen oder christlichen Glauben nur insofern etwas zu tun, dass sie sich darauf berufen», sagt Michael Loretan, Präsident des Interreligiösen Gesprächs Thurgau. Er lud am Mittwochabend zum Austausch über das Thema «Märtyrer – Zeugen des Glaubens oder verblendete Terroristen?» ein. Nach einer kurzen Führung durch die Johanneskirche, diskutierte der pensionierte Pastoralraumleiter mit Vertretern aus verschiedenen Religionen und Konfessionen darüber, was für sie ein Märtyrer sei.

Wahre Märtyrer sind die, die helfen und lieben

Zur Idee für dieses Gespräch kam Loretan über Rehan Neziri, dem Imam der albanisch-islamischen Gemeinschaft in Kreuzlingen; denn dieser lieferte gerade einen Beitrag zum Thema Märtyrer für die Publikation der Schweizerischen Bischofskonferenz. In seiner Familie sei der Islam nicht sehr ausgeprägt gewesen, «aber ich hatte schon als Kind Interesse daran», erklärt Neziri seinen Werdegang. Das Beten sei während der kommunistischen Zeit in Jugoslawien teils verboten gewesen. «Manchmal mussten wir zu Hause beim Imam versteckt beten.» Der Begriff des Märtyrers sei ihm zunächst wenig begegnet. Erst ab den 1990ern und mit dem Aufkommen des Dschihad oder Al-Kaida habe das Märtyrertum an Bedeutung gewonnen. «Hier kam es zu einer Vermischung, bei der nicht ganz klar ist, was dahintersteht.»

Kämpfen um zu überleben

Der Islam sei in einer Gegend entstanden, in der man kämpfen musste, um zu überleben. Wüstenstämme verteidigten ihre Klans, und für die Frauen sei es mehr ein Trost gewesen, wenn ihre gefallenen Männer als Märtyrer galten. «Doch der Begriff ist im Koran nicht im Detail definiert», so Neziri. «Im frühen Islam gab es kein Leben nach dem Tod.» Die Idee von den 70 Jungfrauen, die im Paradies warten, sei neuer und mehr Rhetorik und Motivation für den Glauben. Diese Vorstellung werde aber längst nicht von allen islamischen Strömungen vertreten. «Der Weg ins Paradies durch Märtyrertum ist nur ein winziger Weg von vielen.» Extremisten stellten ihn aber oft als den Einzigen dar.

Mark Kilchmann, der die Gemeinde der Bahaj-Lehre vertritt, fügt hinzu: «Religion kann pervertiert werden. Der Mensch bläst gerne sein Ego auf.» Doch der Kern der Religion liege in der Zuwendung zu Gott.