INTERNET: Sex-Erpresser werden immer dreister

Die Erpressungsmethode «Sextortion» ist weiter auf dem Vormarsch. Gerade in der Ostschweiz tappen viele junge Männer in diese virtuelle Falle. Weil Lust und Scham im Spiel sind, rechnen die Fachleute mit einer hohen Dunkelziffer.

Sebastian Keller
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Sextortion-Opfer gehen aus Scham über das Vorgefallene nicht immer zur Polizei. (Bild: PeskyMonkey (Vetta))

Sextortion-Opfer gehen aus Scham über das Vorgefallene nicht immer zur Polizei. (Bild: PeskyMonkey (Vetta))

Diese Geschichten enden selten so. Am Freitag vor einer Woche verhaftete die Kantonspolizei Zürich eine Frau und ihren mutmasslichen Komplizen. Ihnen wird vorgeworfen, einen 69-jährigen Mann aus dem Kanton St.Gallen erpresst zu haben. Die Frau drohte dem Mann, dass sie ein Video mit ihm als Darsteller an sein Umfeld senden werde. Der Film zeige den Mann «bei sexuellen Handlungen», heisst es in der Meldung der Kantonspolizei Zürich. Zahle der Mann mehrere tausend Franken, drücke sie den Sendeknopf nicht. Der Mann zahlte nicht und meldete sich bei der Polizei. Diese konnte die 35-jährige Schweizerin und einen 47-jährigen Landsmann im Zürcher Oberland verhaften. Die Frau ist geständig.

Am Anfang ist es ein harmloser Flirt
Diese Art von Erpressung macht seit einigen Jahren unter dem Begriff Sextortion Karriere – auch in der Schweiz. Die Wortneuschöpfung setzt sich aus dem Wort «Sex» und dem englischen Begriff für Erpressung (Extortion) zusammen. «Die Masche ist ziemlich erfolgreich», sagt Chantal Billaud, stellvertretende Geschäftsleiterin der Schweizerischen Kriminalprävention. «In den vergangenen Jahren gab es eine stetige Zunahme solcher Fälle.» Gerade in der Ostschweiz tappen vor allem junge Männer in diese Falle.

Sie wird häufig nach einem ähnlichen Muster gestellt. Ein Mann wird von einer Frau, meist jung und attraktiv, auf einem sozialen Netzwerk wie Facebook angesprochen. Harmlos. Nett. So, wie ein Flirt beginnt. Dann lockt die Frau den Mann auf eine Videochat-Plattform wie Skype. Die Frau entblösst ihre Brüste oder zieht sich ganz aus. Sie animiert ihr Gegenüber, sich ebenfalls zu entkleiden. Dann fordert sie den Mann auf, bei sich Hand anzulegen. Wenn er sich ziert, berührt sie sich selber an intimen Stellen, um ihn zu stimulieren. Die Frau sucht aber kein sexuelles Abenteuer. Sie will Geld. Deshalb filmt sie den Mann bei seiner autoerotischen Handlung. Mit dem Video erpresst sie ihn, droht mit der Veröffentlichung im Internet und damit, den Link mit seinem Umfeld zu teilen. Sie bietet ihm zwar einen Ausweg an, aber der kostet. Mal Hunderte, mal Tausende Franken. Erpressung im Zeitalter des Internets.

«Nicht zahlen!», sagt Chantal Billaud. Es gebe keine Garantie, dass das Video nicht doch veröffentlich werde. «Manchmal folgen sogar weitere Forderungen.» Billaud rät, die Videoplattformbetreiber darum zu bitten, ein allfälliges Video zu löschen. Wie Youtube auf Anfrage bestätigt, werden solche Hinweise unverzüglich geprüft und der Inhalt gegebenenfalls gelöscht. Weiter raten die Fachleute, rasch zur Polizei zu gehen. «In manchen Fällen hat der Hinweis an die Täterschaft, dass die Polizei eingeschaltet worden sei, dazu geführt, dass der Kontakt abgebrochen und kein Material veröffentlich wurde», sagt Daniel Meili, Sprecher der Kantonspolizei Thurgau. Doch viele Männer gehen nicht zur Polizei. «Sie schämen sich», weiss Chantal Billaud. Es sei ihnen peinlich, dass sie auf eine solche Masche hereingefallen sind. Die behördlichen Ermittlungen sind aber – anders als im eingangs beschriebenen Fall – selten von Erfolg gekrönt. Die Täterinnen operieren vielfach vom Ausland aus und wissen ihre digitalen Spuren zu verwischen.

Im Kanton St.Gallen bereits zwei Fälle im laufenden Jahr
Sextortion-Fälle werden seit einigen Jahren vermehrt auch bei den Ostschweizer Polizeien aktenkundig. «Sextortion hat in den vergangenen Jahren zugenommen», sagt Florian Schneider, Sprecher der Kantonspolizei St.Gallen. Im noch jungen 2017 waren es bereits zwei Fälle. Generell rate die Polizei davon ab, sich vor einer Webcam zu entblössen – verboten ist dies unter Erwachsenen freilich nicht. Die Kantonspolizei Thurgau verzeichnete in den vergangenen Jahren eine Zunahme der gemeldeten Sextortion-Fälle: Im Jahr 2013 hatte sie einen Fall registriert, 2015 waren es 21. Für 2016 liegen die Zahlen laut Sprecher
Daniel Meili im Rahmen des Vorjahres. Die Polizeien geben jeweils zu Beginn des Jahres noch keine letztjährigen Zahlen preis. Auch die Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten sagt auf Anfrage, sie wolle der jährlichen Polizeistatistik nicht vorgreifen.

Für Sextortion existiert kein eigener Straftatbestand. Er fällt unter Artikel 156 des Strafgesetzbuches: Erpressung. Dieses Delikt ist in der Schweiz statistisch nicht sehr häufig. Doch seit Männer in die Sextortion-Falle im Internet tappen, nehmen auch die Erpressungen zu. So wurden im Jahr 2010 schweizweit 346 Fälle registriert, im Jahr 2015 waren es bereits 756. «Ich kann mir gut vorstellen, dass die Zunahme mit Sextortion zusammenhängt», sagt Chantal Billaud von der Schweizerischen Kriminalprävention. Darauf deutet auch die Aussage von Jürg Zingg hin. Der Kommandant der Kantonspolizei Thurgau zeigte jüngst in einem Referat die Verschiebung innerhalb der  Kriminalitätszahlen auf. Erpressung sei ein «klar steigender Trend mit dem besonderen Phänomen der Sextortion».