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Intellektueller, Praktiker, Brückenbauer

Peter Wegelin war immer etwas in Eile, auch schon morgens, wenn er mit weiten Schritten dem Bahnhof Teufen zustrebte, keine Minute zu früh, in leicht vornüber gebeugter Haltung, ein grosser Mann im Anzug, an der Hand eine meistens prall gefüllte braune Mappe mit Pflichtlektüre und Akten.
Hanspeter Spörri
Peter Wegelin (1928–2016) (Bild: pd)

Peter Wegelin (1928–2016) (Bild: pd)

Peter Wegelin war immer etwas in Eile, auch schon morgens, wenn er mit weiten Schritten dem Bahnhof Teufen zustrebte, keine Minute zu früh, in leicht vornüber gebeugter Haltung, ein grosser Mann im Anzug, an der Hand eine meistens prall gefüllte braune Mappe mit Pflichtlektüre und Akten.

Lesen als Bürgerpflicht

Wundern mochte sich über sein Tempo nur, wer das berufliche und nebenamtliche Pensum des Leiters der ehemaligen St. Galler Stadt- und heutigen Kantonsbibliothek Vadiana nicht kannte. Dieses Amt – seine Lebensstelle – trat der 1928 geborene Gymnasiallehrer, Historiker und Germanist 1965 an, und er übte es aus bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1993. Beruflich setzte er sich vor allem für eines ein: für das Lesen, die Bildung, die Kultur im engen und im weiten Sinn, für das gesellschaftliche Miteinander, den zu gestaltenden Staat – und darum stets auch für das Buch.

«Lesen ist Bürgerpflicht» – dies war sein Slogan, mit dem die Idee einer Freihandbibliothek in St. Gallen vorangetrieben und schliesslich umgesetzt wurde. Aus seiner Feder stammen zahlreiche Aufsätze, Vor- und Nachworte, die vor allem zeigen, dass er sich stets in den Dienst einer Sache stellte, als Vermittler, Herausgeber, Bewahrer und kritischer Patriot. Im Nachruf auf seinen im Jahr 2000 verstorbenen Freund, den engagierten Staatsbürger, Historiker und Dichter Georg Thürer, stellte er dessen nie erlahmende Bereitschaft zu Entgegenkommen und Brückenschlag in den Vordergrund. Dialogbereitschaft und Verträglichkeit zeichneten auch Peter Wegelin aus. Als Gemeinderat seiner Wohngemeinde Teufen, als Kantonsrat und als Präsident des Ausserrhoder Verfassungsrats beteiligte er sich am politischen Modernisierungsprozess und warb für die Bewahrung der Traditionen. Auch nach Beendigung seiner politischen Ämter setzte er sich – letztlich erfolglos – für die Beibehaltung der Ausserrhoder Landsgemeinde ein.

Er dachte durch und durch bürgerlich. Im Zentrum standen für ihn aber nicht nur Rechte und Freiheiten, sondern ebenso die Pflichten gegenüber dem Gemeinwesen.

Im Gespräch fiel sein leicht militärischer Tonfall auf. Den Oberst i Gst verleugnete er auch im Zivilleben nicht. Aber schnell merkte man, dass man es mit jemandem zu tun hatte, der einem vorurteilsfrei und interessiert begegnete, der sich für einen ganz persönlich interessierte und ein guter Zuhörer war. Neu entdeckte gemeinsame Interessen stimmten ihn glücklich.

«Vom Glück des Lesens»

In seinen Fachgebieten und den von ihm bearbeiteten Dossiers schien er alles zu wissen, was man wissen konnte. Sein vielleicht wichtigstes Anliegen war es, die Fähigkeit des Verstehens zu fördern, aus dem Weg zu räumen, was den Dialog und damit die Lösung von Problemen behindert. Als Offizier war er zeitweise zuständig für die pädagogische Rekrutenprüfung. Seine Hauptsorge galt dabei dem funktionalen Analphabetismus, der manchmal schwach ausgebildeten Fähigkeit, Bedeutung und Sinn des Gelesenen oder Gehörten zu erfassen und daraus Schlüsse zu ziehen. Als Pädagoge und Dozent versuchte er alles, um Ignoranz und Dumpfheit zu überwinden. Dies gelinge, wenn man in der Lage sei, Begeisterung zu wecken, vermutete er – für die Literatur, für alle Ausdrucksformen der Kultur. So geht die Gründung der Appenzeller Bibliobahn auf ihn zurück, die während 20 Jahren als rollende Bibliothek mehrere Dörfer bediente und dem Bibliothekswesen im Appenzellerland Dampf machte.

Doris Überschlag, seine langjährige Mitarbeiterin, zitierte in ihren Abschiedsworten in der evangelischen Kirche Teufen Ulrich Bräkers Motto «Vom Glück des Lesens». Der weitgereiste Arme Mann aus dem Toggenburg, dessen Tagebücher in der Vadiana liegen, war in manchem Wegweiser für Peter Wegelin, der sich wohl auch in Georg Thürers Aphorismus wiederfand: «Heimat darf uns nicht in engen Horizonten befangen bleiben. Der hohe Himmel gehört auch zu ihr.»

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