Das geben St.Galler Gemeinden für Integration aus – erste Zahlen zeigen grosse Unterschiede

Erstmals liegen Zahlen vor, welchen Anteil ihrer Integrationspauschale die St.Galler Gemeinden in einem Jahr ausgegeben haben. Die Unterschiede sind gross. Während die einen kein Geld aus dem Topf schöpften, zahlten andere drauf.

Katharina Brenner
Drucken
Teilen
Kanton und Gemeinden fördern die Integration in den ersten Arbeitsmarkt. (Bild: KEY)

Kanton und Gemeinden fördern die Integration in den ersten Arbeitsmarkt. (Bild: KEY)

Gemeinden, Kantone und Bund sind sich einig: Dort, wo Flüchtlinge leben, gelingt Integration am besten – in den Gemeinden. Diese erhalten ab Mai deutlich mehr Geld. Pro Flüchtling und vorläufig aufgenommener Person zahlt der Bund dann einmalig 18000 Franken. Bisher sind es 6000 Franken – viel zu wenig, hatten die Kantone kritisiert. Für den Kanton St.Gallen bedeutet die Verdreifachung, dass dieses Jahr 15,5 Millionen Franken im Integrationstopf liegen, letztes Jahr waren es 6 Millionen. Mit dem Geld unterstützt der Kanton Sprachkurse, Kinderbetreuung und Vereinsmitgliedschaften sowie Angebote der Arbeitsintegration: Vorlehren, Praktika, Bewerbungstrainings. Die Gemeinden schiessen das Geld jeweils vor und können sich bestimmte Massnahmen vom Kanton refinanzieren lassen. Dieser erhält das Geld wiederum vom Bund. Seit gut einem Jahr gilt dieses Konzept.

Erstmals liegen nun Zahlen vor, welche Gemeinde wie viel Geld gebraucht hat. Die Unterschiede sind eklatant. Das Kompetenzzentrum Integration und Gleichstellung hat die Liste vor kurzem den Gemeinden geschickt. «Wir möchten damit Transparenz schaffen», sagt Leiterin Claudia Nef. Bei manchen Gemeinden sei ein tiefer Ausschöpfungsgrad «eine Haltungsfrage», andere seien nicht genug informiert gewesen. Sicher gebe es plausible Gründe; Sanktionsmöglichkeiten habe der Kanton nicht.

«Grundsätzlich dürfte ein tiefer Ausschöpfungsgrad bedeuten, dass eine Gemeinde wenig für die Integration unternimmt.»

Dem widersprechen die Gemeinden. Niederbüren gehört zu denen, die 2018 keine Massnahmen refinanzieren liessen. Die Statistik sei undifferenziert, sagt Gemeindepräsident Niklaus Hollenstein. Es könne «durchaus ein falsches Bild» über die «erfolgreich umgesetzten Integrationsmassnahmen» in den Gemeinden entstehen. Zwei Personen wären 2018 in Niederbüren für Massnahmen in Frage gekommen. Die eine ist gemäss Hollenstein seit sechs Jahren in der Schweiz und arbeitet seit vier Jahren Vollzeit im Gastgewerbe. Sie komme für Lebensunterhalt und integrative Massnahmen selbst auf. Die andere habe den Status anerkannter Flüchtling im Dezember 2018 erhalten; Integrationsmassnahmen liefen ab diesem Jahr.

Für 79-Jährige fielen keine Massnahmen mehr an

Auch Amden und Nesslau schöpften 2018 kein Geld aus dem Topf. Sie verweisen auf Kollektiv- und Gruppenunterkünfte, die ihre Verteilzahl beeinflussten. Der Kanton berechnet jedes Jahr für jede Gemeinde ein Kostendach. Er nimmt den Durchschnitt der Flüchtlinge und vorläufig aufgenommenen Personen, die in den vergangenen 24 Monaten in einer Gemeinde lebten, als Grundlage. Nesslau sei derzeit für eine vorläufig aufgenommene Person zuständig, sagt Gemeindepräsident Kilian Looser. Die 79-Jährige lebe bei ihrer Familie. «Integrationsmassnahmen fallen da keine mehr an.»

Hinweis für alle App-Nutzer: Klicken Sie unten auf «Dieses Element anzeigen», um zur Grafik zu gelangen.

Ausschöpfungsgrad der Gemeinden

Ausschöpfung in Prozent
020406080100AmdenAndwilAuBad RagazBalgachBenkenBergBerneckBuchsBütschwil-GanterschwilDegersheimDiepoldsauEbnat-KappelEggersrietEichbergEschenbachFlawilFlumsGaiserwaldGamsGoldachGommiswaldGossauGrabsHäggenschwilHembergJonschwilKaltbrunnKirchbergLichtensteigLütisburgMarbachMelsMörschwilMosnangMuolenNeckertalNesslauNiederbürenNiederhelfenschwilOberbürenOberhelfenschwilOberrietOberuzwilPfäfersQuartenRapperswil-JonaRebsteinRheineckRorschachRorschacherbergRüthiSargansSchänisSchmerikonSennwaldSevelenSt. GallenSt. MargrethenSteinachThal (1)TübachUntereggenUznachUzwilVilters-WangsWaldkirchWalenstadtWartauWattwilWeesenWidnauWilWildhaus-Alt St. JohannWittenbachZuzwilTotalAltstätten00001001008484808044440081816363818126263333545465651001005757909084841001001001001001007979100100202091919940405252100100787815150086861001007474939354540000424200979765659494575710010054543636606066661001008888575770701001008383969677776363100100717110010065651001001001002323100100100100525244441001008686848410010071711001007171

Patrik Müller, Präsident des Trägerverein Integrationsprojekte St.Gallen der St.Galler Gemeinden, verweist auf die Autonomie der Gemeinden und die Individualität der Fälle:

«Wir sind mit dem Konzept auf einem guten Weg.»

Auch Bernhard Keller, Geschäftsführer der Vereinigung der St.Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten findet, das Modell habe sich «grundsätzlich bewährt». Es brauche aber eine Diskussion darüber, wie man mit Nebenkosten wie Mittagsverpflegung umgehe.

Praktikum in einer Autogarage und im Hotel

Tübach ist eine von 20 Gemeinden, die ihr Kostendach 2018 erreichten. Dort lebten gemäss Gemeindepräsident Michael Götte 13 Erwachsene und 4 Kinder mit entsprechendem Status. Die Gemeinde setzte ihre 14680 Franken für diverse Massnahmen ein: Sprachkurse, Integrationsförderkurse, Mitgliedschaft im Volleyballverein. Götte beurteilt den Erfolg dieser Massnahmen als gut. Eine Person könne ab dem Sommer ein Praktikum in einer Autogarage machen. Eine weitere absolviere derzeit eines in einem Hotel und beginne dort im Sommer eine Lehre. In Tübach reichte der Betrag nicht aus; die Gemeinde habe zusätzlich 22000 Franken für Integrationsmassnahmen ausgegeben.

Hinweis für alle App-Nutzer: Klicken Sie unten auf «Dieses Element anzeigen», um zur Grafik zu gelangen.

Kosten der Integrationsmassnahmen

Angaben in Franken
Gemeinde Kostendach 2019 Kostendach 2018 refinanziert
Altstätten82 83042 56028 505
Amden4 88613 3070
Andwil19 31211 5110
Au208 00773 71573 715
Bad Ragaz147 28043 19436 442
Balgach80 73642 45533 990
Benken103 53841 92718 633
Berg6 0496 4420
Berneck135 64762 83750 896
Buchs507 918188 300119 366
Bütschwil-Ganterschwil104 00341 50433 569
Degersheim115 17258 61315 196
Diepoldsau211 49784 59228 181
Ebnat-Kappel157 28570 44137 911
Eggersriet20 70821 12213 812
Eichberg31 64310 56110 561
Eschenbach289 674103 70758 851
Flawil359 010116 486105 055
Flums124 24635 06229 388
Gaiserwald280 13483 32583 325
Gams99 11721 75521 755
Goldach235 46267 27367 273
Gommiswald91 90535 90728 538
Gossau576 091200 022200 022
Grabs222 89895 36418 662
Häggenschwil56 77119 01017 255
Hemberg30 48016 1581 445
Jonschwil64 45037 49114 842
Kaltbrunn144 72156 71229 731
Kirchberg430 905117 859117 859
Lichtensteig112 38030 94324 101
Lütisburg23 26718 0592 713
Marbach35 13323 0230
Mels129 83032 31627 912
Mörschwil91 43924 50124 501
Mosnang97 95427 45820 376
Muolen43 27715 20814 126
Neckertal75 38539 70921 461
Nesslau7 6781 5840
Niederbüren11 6338 5540
Niederhelfenschwil73 98930 94313 093
Oberbüren18 61499 9060
Oberhelfenschwil16 97613 20112 870
Oberriet312 941129 05483 817
Oberuzwil172 17653 01549 976
Pfäfers59 56318 69310 617
Quarten76 78110 45510 455
Rapperswil-Jona932 773408 493218 725
Rebstein164 96374 34826 753
Rheineck153 56275 08845 326
Rorschach441 840158 096104 971
Rorschacherberg223 59663 15463 154
Rüthi55 14322 07219 449
Sargans104 23644 46125 430
Schänis124 94447 20733 045
Schmerikon129 59745 09545 095
Sennwald108 42439 18132 550
Sevelen184 97331 57730 465
St. Gallen3 009 1191 153 878883 428
St. Margrethen107 95940 55425 462
Steinach121 22134 21734 217
Thal192 13741 71529 825
Tübach60 49414 68014 680
Untereggen9 5398 1325 289
Uznach180 78470 65270 652
Uzwil450 681141 938141 938
Vilters-Wangs58 86545 30610 274
Waldkirch118 89443 19443 194
Walenstadt169 84962 41562 415
Wartau249 18980 15741 362
Wattwil356 683151 86566 835
Weesen49 09318 05918 059
Widnau199 16576 98966 063
Wil895 779355 900299 540
Wildhaus-Alt St. Johann33 27210 13810 138
Wittenbach306 426112 26280 014
Zuzwil113 77641 71541 715
Thal (Marienburg)91 630
Total15 508 3676 000 0004 200 861

So ging es auch anderen Gemeinden. Insgesamt zahlten sie knapp 350000 Franken aus dem eigenen Budget drauf. Die Erhöhung der Pauschale dürfte die Situation entschärfen. Tübachs Kostendach liegt dieses Jahr bei 60494 Franken. Das Geld werde für dieselben Massnahmen eingesetzt wie bisher, sagt Götte und fügt hinzu, dass die Gemeinden nicht nur mehr Geld erhielten, sondern auch mehr Aufgaben finanzieren müssten.

«Namentlich, dass die betroffenen Personen für eine Berufsausbildung vorbereitet werden und nicht einfach so schnell wie möglich einer Tätigkeit als Hilfskraft nachgehen.»

Das betont auch Patrik Müller: Bisher sei die Devise gewesen, Flüchtlinge so schnell wie möglich aus der Sozialhilfe abzulösen. «Eine nachhaltige Integration muss das Ziel sein, auch wenn die berufliche Integration dann ein oder zwei Jahre länger dauert.» Es brauche ein Umdenken.

Vier von fünf Flüchtlingen beziehen Sozialhilfe

Claudia Nef, Leiterin Kompetenzzentrum  Integration und Gleichstellung Kanton St.Gallen

Claudia Nef, Leiterin Kompetenzzentrum
Integration und Gleichstellung Kanton St.Gallen

Die Erhöhung der Pauschale ist Teil der Integrationsagenda Schweiz. Sie umfasst fünf Ziele. Eines ist, dass sieben Jahre nach Einreise die Hälfte aller erwachsenen Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommenen in den ersten Arbeitsmarkt integriert sind. «Das ist realistisch, aber ambitioniert», sagt Nef. Derzeit beziehen vier von fünf Flüchtlingen im Kanton Sozialhilfe; «deutlich zu viele». Im Dezember 2018 lag die Erwerbsquote von Flüchtlingen und vorläufig aufgenommenen Personen im Kanton bei 28 Prozent – mehr als der schweizweite Durchschnitt von 25 Prozent. Nef sagt:

«Unser Ziel ist nicht so sehr, dass die Ausschöpfungsquote steigt, sondern die Erwerbsquote.»

Die Hälfte des Integrationsgeldes floss 2018 in Sprachkurse. Ein weiterer Grossteil in Qualifizierungs-, Schulungs- und Bildungsangebote, fünf Prozent in die familienergänzende Kinderbetreuung. Viele Gemeinden sagen, sie wollen dieses Jahr mehr für die Kinderbetreuung ausgeben. Damit Mütter Sprachkurse besuchen können. Und weil man mit der Integration am besten früh anfange.

Lesen Sie auch:

Aktuelle Nachrichten