INTEGRATION: Neuer Deutschkurs für Flüchtlinge in St.Gallen soll Integration in Arbeitsmarkt erleichtern

Die Sprache ist das grösste Hindernis für eine bessere Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Hier setzen ab Sommer die St.Galler Quartierschulen an. Ein neuer Deutschkurs soll den Flüchtlingen den Einstieg in die Arbeitswelt erleichtern.
Kaspar Enz
Spiele dienen dazu, die neuen Begriffe aus verschiedenen Berufen zu festigen. (Bild: Benjamin Manser (Au, 18. April 2018))

Spiele dienen dazu, die neuen Begriffe aus verschiedenen Berufen zu festigen. (Bild: Benjamin Manser (Au, 18. April 2018))

Kaspar Enz

kaspar.enz

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Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: <strong style="margin: 0px; padding: 0px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent;"><em style="margin: 0px; padding: 0px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent;">www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Resi Mutz streckt zwei Finger aus und fährt mit ihnen durch die Luft, von oben nach unten. «Pinsel», sagt sie. Acht Schüler stehen im Halbkreis vor ihr, ahmen sie nach und rufen «Pinsel». Es geht ihnen leichter über die Lippen als andere Worte. Bei «Farbgitter» hatten sie mehr Mühe. Laut den Kärtchen, die sie um den Hals tragen, heissen sie Otto Müller oder Roman Noser, aber das sind ebenso wenig ihre Namen wie Resi Mutz oder Wilma Tell die Namen der Kursleiterinnen sind.

Die meisten Schüler im Schulungsraum des Werkhofs von Au sind Flüchtlinge. Mit ihren Namen sollen sie auch ihre manchmal traumatische Geschichte vor der Tür lassen. Das mache es ihnen leichter, sich aufs Lernen zu konzentrieren, sagt Martin Beck von Liechtenstein Languages (LieLa). Für ihn sind die acht Migranten heute auch Versuchskaninchen. Ein neuer Sprachkurs soll den Flüchtlingen den Einstieg in Praktika erleichtern. «Das alte Haus von Tante Hilda» heisst eine der Geschichten, anhand derer die Schüler Vokabeln lernen. Es muss renoviert werden, dafür braucht es Werkzeug. Hammer und Pinsel, Beisszange und Schraubenschlüssel. Ein paar schwere Worte sind dabei, gibt Beck zu. «Aber wenn sie in einen Betrieb kommen, haben sie die schon mal gehört.»

Zweite Erweiterung der Quartierschulen

Der Kurs soll ab diesem Sommer in den St.Galler Quartierschulen gelehrt werden. Diese entstanden vor rund einem Jahr. Statt den Flüchtlingen Gutscheine für Sprachschulen zu geben, wollte die Vereinigung der St.Galler Gemeindepräsidenten deren erste Schritte in der neuen Sprache selber organisieren. Statt professionelle Sprachlehrer helfen seither Freiwillige den Migranten bei ihren ersten Schritten in der neuen Sprache. Das Konzept scheint erfolgreich zu sein. Jedenfalls wird mit dem neuen Kurs «Starter Plus/Sprache der Berufe» bereits das dritte Angebot aufgebaut. Schon im letzten Herbst wurde der vierwöchige Basiskurs mit dem Kurs «Alpha» erweitert. Dort geht es um das lateinische Alphabet, Lesen und Schreiben im Alltag. Dass sich der neue Kurs den Berufen widmet, hat gute Gründe. «Manchmal heisst es bei den Unternehmen, die Flüchtlinge wirkten desinteressiert. Dabei verstehen sie einfach kaum etwas», sagt Daniela Graf-Willi, Koordinatorin der Quartierschulen. Fehlende Deutschkenntnisse seien der wichtigste Grund, dass es mit dem Einstieg in die Arbeitswelt nicht klappt.

Das merkt auch Men Spadin, Inte­grationsbeauftragter der Gemeinde Au. Die Unternehmer, die Flüchtlinge im Praktikum anstellen, bemängelten manchmal kulturelle Eigenheiten. «Aber meistens heisst es: Das Deutsch reicht nicht.» Ein Grund, weshalb auch Au, zusammen mit den Nachbargemeinden, den neuen Kurs anbieten will. «Das Interesse der Gemeinden am Kurs ist gross», sagt auch Daniela Graf-Willi.

«Abdeckband», ruft die Kursleiterin. «Bingo», kommt die Antwort prompt. Spiele sollen die neuen Vokabeln festigen, Bewegungen und Bilder dienen als Erinnerungshilfe. Die Leiterin korrigiert wenig, dafür werden die Worte oft wiederholt. Die Einstiegskurse von LieLa sollen weniger perfekte Grammatik lehren, als Mut machen, etwas zu sagen, sagt Martin Beck. In der Schule verstelle eine falsche Konjugation zu oft den Blick darauf, was der Schüler richtig macht. «Aber wenn einer das Wort für Pinsel kennt, versteht man ihn, auch wenn er den falschen Artikel verwendet.» LieLa gehört zum Liechtensteiner Schulamt, es ist zuständig für den Sprachunterricht im Fürstentum. So entwickelte es auch einen Kurs für die Flüchtlinge in Liechtenstein. Unterdessen wird die Methode von Wien bis Berlin angewandt – und im Kanton St.Gallen. Bereits würden sich auch andere Kantone für das Konzept interessieren, sagt Daniela Graf-Willi.

Gemüsegarten und Deutsch-Treff

Neu daran ist auch der Einsatz von Freiwilligen. Diesen die Arbeit zu ermöglichen sei ein wichtiger Teil seiner Arbeit, sagt Men Spadin. Einsatzpläne wollen erstellt und Sitzungen geführt werden. Doch mit den Freiwilligen lernen die Flüchtlinge auch Menschen kennen, mit denen man die neue Sprache sprechen kann. «Und aus der Quartierschule heraus entstehen Projekte.» So gibt es auf Gemeindeboden einen Gemüsegarten, den Freiwillige und Flüchtlinge pflegen. Ein «Deutsch-Treff» ist in Planung. Über so entstandene Beziehungen könnte vielleicht auch leichter Arbeit für die Migranten gefunden werden.

Doch trotz aller Vorteile, die der neue Kurs verspricht: Er ist nur ein erster Schritt. Weiterführende Kurse an professionellen Schulen, am besten neben einer Teilzeitarbeit, seien immer noch nötig. «Nach zehn Wochen Deutsch ist noch niemand bereit für eine Lehre», sagt Martin Beck. Das dürfe nicht verwundern. «Uns reichen fünf Jahre Französischunterricht oft auch nicht weit.»

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