INTEGRATION: «Bekim Alimi toleriert radikale Prediger»

Das Stadtparlament Wil entscheidet kommende Woche über die Einbürgerung von Imam Bekim Alimi. Die muslimische Menschenrechtsaktivistin Saïda Keller-Messahli kritisiert, dass Alimi der Verbreitung des Islamismus in der Ostschweiz untätig zusehe.

Michael Genova
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«Der politische Islam ist in den Moscheen der Ostschweiz sehr präsent», sagt Saïda Keller-Messahli. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 20. Juni 2017))

«Der politische Islam ist in den Moscheen der Ostschweiz sehr präsent», sagt Saïda Keller-Messahli. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 20. Juni 2017))

Interview: Michael Genova


Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Saïda Keller-Messahli, Sie werfen dem Wiler Imam Bekim Alimi Verstrickungen zur islamistischen Szene vor. Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Bekim Alimi ist nicht nur Imam von Wil, sondern auch Präsident des Dachverbands islamischer Gemeinden der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein (Digo). Die Mehrheit der 17 Moscheen im Digo würde ich als islamistisch bezeichnen. Ich sage dies, weil ich weiss, dass dort regelmässig radikale Prediger verkehren. Dazu kommt, dass Alimi Beziehungen zu zweifelhaften Predigern im Ausland pflegt. So hat er zum Beispiel im Kosovo Nicolas Blancho getroffen, den umstrittenen Präsidenten des Islamischen Zentralrats Schweiz. Hier in der Schweiz würde Alimi ihn nie empfangen. Er hat auch den mazedonischen Prediger Imbërja Hajrullai getroffen, der für seinen Antisemitismus bekannt ist.

Alimi schreibt in einer Stellung­nahme, dass Hajrullai ein ehe­maliger Schulkollege sei, den er zufällig am Flughafen getroffen habe. Zudem betont er, dass er Radikalismus in jeder Form ablehne.

Als Präsident der Digo lässt Alimi zu, dass radikale Prediger in der Ostschweiz auftreten. Zum Beispiel Gëzim Kelmendi, ein salafistischer Abgeordneter aus dem Kosovo, der nicht nur in Romanshorn, sondern auch Regensdorf und Aarburg war. Alles albanische Moscheen. Alimi trat auch selber in diesen radikalen Moscheen von Romanshorn und Regensdorf auf. Als Digo-Präsident weiss Alimi ganz genau, was in den Moscheen in Romanshorn, Kreuzlingen, Kradolf, Bürglen oder St. Gallen läuft.

Sie werfen ihm also Untätigkeit vor?

Wenn Bekim Alimi weiss, dass in der Ostschweiz radikale Prediger auftreten, lügt er uns an. Denn er betont stets, dass er für einen moderaten Islam, Toleranz und Integration stehe. In Tat und Wahrheit toleriert er radikale Prediger, die in der Ostschweiz und anderswo auftreten.

Wie stark ist der politische Islam in der Ostschweiz verbreitet?

Der politische Islam ist in den Moscheen der Ostschweiz sehr präsent. Diese Entwicklung bereitet mir Sorgen. Ich habe versucht, dies dem St. Galler Sicherheitsdirektor Fredy Fässler klarzumachen, als ich im vergangenen Jahr mit ihm in St. Gallen über mein Buch «Islamistische Drehscheibe Schweiz» diskutierte. Zu meiner Überraschung nahm er den Wiler Imam Bekim Alimi mit und erteilte ihm das Wort. So konnte Alimi sich als harmloser und toleranter Imam darstellen. Für mich war das ein Zeichen, dass Fässler nicht begriffen hat, wie stark sich der politische Islam in Ostschweizer Moscheen bereits verbreitet hat.

Laut Kantonspolizei und Nachrichtendienst gibt es keine Anhaltspunkte, dass Alimi eine Gefährdung für die Sicherheit der Schweiz darstelle. Was sagen Sie dazu?

Ich behaupte nicht, dass von Bekim Alimi eine unmittelbare Sicherheitsgefahr ausgeht. Ich sage nur, dass er ein Rädchen in einem System ist. Dieses System hilft, dass ein salafistischer Diskurs im Umlauf bleibt. Und dieser Diskurs stellt eine Gefahr dar. Denn jeder Dschihadist und jeder Terrorist ist auch ein Salafist. Wenn man also den Salafismus nährt und unterstützt, produziert man eben solche Leute. Für Radikalisierte ist der Schritt zur Gewalt nicht mehr gross, denn verbal baden sie bereits in einem gewalttätigen Vokabular.

Kritiker werfen Alimi ohne abschliessende Beweise vor, doppel­gesichtig zu sein. Darf man solche Vorwürfe öffentlich äussern?

Ich weiss, es ist ein Dilemma. Wenn man etwas nicht nachweisen kann, dann ist jemand unschuldig. Dennoch müssen wir kritisch sein. Es ist auch eine Chance, dass wir nun diese Debatte führen. Wir müssen noch genauer hinschauen, mit welchen Predigern Bekim Alimi in Moscheen in Deutschland, Norwegen oder Schweden aufgetreten ist.

Die grünliberale Wiler Stadtparlamentarierin Erika Häusermann hat mit ihrer Hilfe Bekim Alimi zwölf Fragen zu seinem Einbürgerungs­gesuch geschickt. Wie beurteilen Sie seine Antworten?

Bekim Alimi hat gelernt, sehr wendig zu sein. Er lebt seit 20 Jahren hier und hat hart dafür gearbeitet, dass er die Moschee in Wil bauen konnte. Alimi weiss, wie er antworten muss, um seine Ziele zu erreichen.

Sie trauen ihm nicht?

Nein. Ich fühle mich total verraten von dem, was in den meisten Moscheen geschieht. Das ist auch einer der Gründe, warum ich mein Buch geschrieben habe. Ein Beispiel: Es gibt Youtube-Videos, in denen Alimi mit den bekannten salafistischen Predigern Ferid Selimi in Göteborg sowie mit Mustafa Terniqi in Stuttgart zu sehen ist. Mir ist auch aufgefallen, dass Videos gelöscht wurden, die ich früher als Belege gegen ihn benutzt habe.

Bekim Alimi erfüllt als Präsident des Dachverbands Digo auch eine inte­grative Funktion. Wäre es nicht klüger, konservative oder fundamentalistische Kreise einzubinden, anstatt sie auszuschliessen?

Nein, das finde ich nicht. Denn dies würde dazu führen, dass wir eine Ideologie wie den Islamismus oder Salafismus salonfähig machen. Es wäre ein falsches Zeichen gegenüber den liberalen Muslimen, welche die grosse Mehrheit stellen. Wir würden damit eine Ideologie verharmlosen, die zutiefst freiheits- und frauenfeindlich ist. Ich betreue zum Beispiel einen muslimischen Flüchtling, der schwul ist. Er leidet, weil er es schon im Durchgangsheim mit Islamisten zu tun hat, die merken, dass er anders tickt. Wir dürfen die Radikalen nicht für normal erklären. Es ist nicht normal, wenn man die Freiheit der anderen in Frage stellt. Es ist nicht normal, dass der Körper der Frau nur Sünde sein soll. Und es ist nicht normal, dass man schon kleine Mädchen so konditioniert, dass sie das Kopftuch und ein langes Kleid tragen müssen. Wir sind hier in der Schweiz.

Der Gossauer Philosoph und Gymnasiallehrer Michael Rüegg kritisiert den Fragenkatalog als öffentliche Gesinnungsprüfung, die in einem Rechtsstaat keinen Platz habe. Was entgegnen Sie ihm?

Das ist eine sehr abstrakte Position eines Philosophen, der keine Ahnung hat, was in den Moscheen vor sich geht. Und er versteht auch nicht, welches Gewicht Alimis Stimme in der muslimischen Gemeinschaft hat. Im Digo sind 17 Ostschweizer Moscheen vereinigt. Und Alimi ist auch mit der Union der Albanischen Imame in der Schweiz (UAIS) verbunden, die nun mit ihrem neuen Dachverband DAIGS fast 80 Moscheen zählt. Vertritt er Positionen, die nicht akzeptabel sind, hat dies Signalwirkung für viele Moscheen. Wir müssen diese Leute mit unserer Kritik konfrontieren. Sie konnten nur deshalb so stark werden, weil es in der Vergangenheit zu wenig Widerstand und zu viel Vertrauen gab.

Alimi empfindet den Fragekatalog als demütigend und möchte wissen, warum die Kritiker sein Wohlwollen anzweifeln.

Ich empfinde seine Gegenfrage als Anmassung. Alimi will etwas von den Behörden und nicht umgekehrt. Er möchte sich einbürgern lassen? Dann muss er sich allen legitimen Fragen stellen. Kränkung und Opfermentalität sind übrigens die Instrumente aller Islamisten.

Soll das Wiler Stadtparlament am kommenden Donnerstag Bekim Alimi einbürgern?

Ich bin gespannt auf die Abstimmung. Auf jeden Fall hat die Debatte der vergangenen Wochen deutlich gemacht, dass die Dinge nicht so einfach sind, wie sie scheinen. Selbst jemand wie Bekim Alimi, den man jahrelang für moderat hielt, ist nicht unschuldig an der islamischen Radikalisierung der vergangenen Jahre. Die Schweiz hat heute rund 90 Dschihadisten und mehrere hundert Gefährder, das ist sehr bedenkenswert. Dafür tragen die rund 300 Moscheen eine Mitverantwortung. Man kann nicht salafistische Prediger in die Schweiz einladen und so tun, als wäre dies das Normalste der Welt. Damit senden die Imame falsche Signale aus. Moschee-Besucher erhalten so den Eindruck, dass die radikalen Botschaften der Salafisten die Norm darstellen.


Zur Person

Saïda Keller-Messahli wurde 1957 in eine muslimische Grossfamilie in Tunesien hineingeboren. Einen Teil ihrer Kindheit verbrachte sie in einer Pflegefamilie in Grindelwald. Später studierte sie in Zürich und gründete im Jahr 2004 das «Forum für einen fortschrittlichen Islam».

Die Aktivistin meldet sich auch in der Debatte um die Einbürgerung des Wiler Imams Bekim Alimi zu Wort. Sie half bei der Formulierung eines Fragekatalogs, den die grünliberale Parlamentarierin Erika Häusermann an den Wiler Imam richtete. Eine Privatperson hatte zuvor Einsprache gegen die Einbürgerung Alimis erhoben. Deshalb debattiert am kommenden Donnerstag das Wiler Stadtparlament über den Antrag. (mge)