INSEKTEN: Die Wespen betrinken sich

Nun schwirren die Wespen wieder um unsere Speisen. Aufgrund des milden Winters sind sie in der Ostschweiz zahlreicher als auch schon. Dabei können die Viecher gar nicht anders: Sie brauchen viel Zucker.

Roman Scherrer
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Da die Wespe ab August am liebsten Zucker zu sich nimmt, ist in dieser Zeit kein Süssgetränk vor ihr sicher. (Bild: Susann Basler (Archivbild))

Da die Wespe ab August am liebsten Zucker zu sich nimmt, ist in dieser Zeit kein Süssgetränk vor ihr sicher. (Bild: Susann Basler (Archivbild))

Roman Scherrer

roman.scherrer@tagblatt.ch

Es ist einer der Vorzüge, die der Sommer mit sich bringt: man kann sein Essen unter freiem Himmel geniessen. Wenn da nur nicht immer diese gierigen ungebetenen Gäste wären – die Wespen. Kaum sitzt man draussen und trinkt ein kühles Getränk, kündigt das Summen einer Wespe bereits das Ende des Genusses an. Dass es dieses Jahr in der Ostschweiz eine grössere Wespenpopulation gibt als in vergangenen Jahren oder gar eine Wespenplage droht, können Experten zwar nicht gänzlich bestätigen. Allerdings gibt es durchaus Hinweise darauf: «Es konnten im Frühjahr bereits viele Königinnen gesichtet werden, was eigentlich eine Grundlage für eine hohe Wespenpopulation ist», sagt Andreas Kopp, Präsident des Entomologischen Vereins Alpstein. Wie viele Wespen im Sommer fliegen, hänge jeweils stark vom Verlauf des letzten Winters ab. Je kälter dieser sei, desto weniger Königinnen würden überleben, welche im Frühjahr wiederum neue Nester aufbauen können. Auch das Nahrungsangebot im Frühling hat einen Einfluss auf die Entwicklung der Insekten. Und dieses sei für die Wespen gut gewesen, sagt Hans Oppliger vom Landwirtschaftlichen Zentrum des Kantons St. Gallen.

Wie viele Wespen es in der Ostschweiz im Vergleich zu anderen Regionen gibt, kann kaum ermittelt werden. Grundsätzlich sind Zahlen dazu vorhanden. Um klare Aussagen zu treffen, sind sie allerdings zu lückenhaft. Man weiss noch zu wenig über die Verbreitung der verschiedenen Wespenarten. In der Schweiz gäbe es zu wenig Experten, die eine entsprechende Erfassung durchführen können, sagt Priska Seri, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Naturmuseums St. Gallen.

Nach der Arbeit kommt der Genuss

Zurzeit verhalten sich die Wespen, so könnte man meinen, viel aggressiver als sonst. Der Eindruck täuscht aber. «Dass wir sie im Spätsommer so wahrnehmen, hat mit der Umstellung ihrer Ernährung zu tun», erklärt Seri. Im Frühjahr, wenn es um das Aufziehen ihrer Larven geht, ernähren sich Wespen vor allem von Schädlingen wie Blattläusen. Gegen Anfang August stellen sie ihre Nahrung auf zuckerhaltige Kost um und fliegen deshalb gerne dorthin, wo sie diese vorfinden: an den Esstisch im Freien. «Zur bevorzugten Nahrung der Wespen im Spätsommer gehören auch Früchte, welche bereits gären. Nachdem sie bis Mitte Sommer ihren Staat aufziehen, beginnen sie danach, ihr Leben zu geniessen. Man könnte sagen, sie betrinken sich mit den Früchten», sagt Oppliger.

Wespen sind also nicht angriffig, in gewissen Situationen fühlen sie sich aber bedroht und verteidigen sich dementsprechend, indem sie ihren Stachel benutzen. Das sei etwa dann der Fall, wenn man ihnen nachschlägt oder versucht, sie wegzublasen, sagt Seri. Auch wenn man sich bis auf wenige Meter ihrem Nest nähert, muss man damit rechnen, von den Wespen gestochen zu werden, da sie ihren Bau strikt verteidigen.

Wichtige Aufgaben in der Natur

Wespen sind längst nicht nur dazu da, um Menschen beim Essen zu stören. Einige von ihnen, insbesondere die sogenannten Schlupfwespen, fressen Schädlinge und halten diese dadurch in Schach. Gewisse Arten wirken bei der Bestäubung von Blüten mit, auch wenn sie dies längst nicht so effektiv tun wie die Bienen. Und in ihren Nestern bieten die Wespen einer grossen Zahl von Parasiten Raum zum Leben. «Zudem dienen sie in der Umwelt als Aufräumer, indem sie beispielsweise Früchte beseitigen, die heruntergefallen sind und schon längere Zeit herumliegen», sagt Priska Seri. Und der Mensch hat von den Wespen sogar etwas gelernt: «Der Herstellungsprozess des Papieres wurde vom Nestbau der Wespen hergeleitet.»