Innerrhoder rechnen brillant – bei den Thurgauern hapert es genau dort:  So haben die Ostschweizer Schüler im jüngsten Bildungstest abgeschnitten

Alle vier Ostschweizer Kantone erreichen die Harmos-Lernziele: St.Gallen, Thurgau und Ausserrhoden liegen national im breiten Mittelfeld, Innerrhoden in Mathematik überraschend darüber.

Christoph Zweili/Larissa Flammer/Mea McGhee
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Wenn es um Kenntnisse der Mathematik geht, überflügeln Schülerinnen und Schüler aus Appenzell Innerrhoden viele andere. (Symbolbild: Archiv)

Wenn es um Kenntnisse der Mathematik geht, überflügeln Schülerinnen und Schüler aus Appenzell Innerrhoden viele andere. (Symbolbild: Archiv)

St.Gallen: Schüler sind
mit Englisch nicht überfordert

Die Schüler im Kanton St.Gallen erreichen die mit dem harmonisierten Lehrplan gesetzten Lernziele: 2016 waren 1137 Oberstufenschüler zum Mathematiktest angetreten, 2017 wurden 951 Sechstklässler bezüglich Sprachen (Deutsch und Englisch) getestet. Das Ergebnis: In Deutsch (Lesen und Orthografie) liegen sie im breiten Mittelfeld, ebenso in Englisch (Lese- und Hörverstehen), in Mathematik leicht darüber.

Von den Realschülerinnen und -schülern erreichen 34 Prozent die Grundkompetenzen, bei den Sekundarschülern sind es 86 Prozent. Fast ein Drittel der Oberstufenschüler hat die Lernziele im Bereich Mathematik nicht erreicht. Der St.Galler Bildungschef Stefan Kölliker sagt:

«Stimmt. Die Streubreite der Ergebnisse ist in der Mathematik deutlich grösser als bei den Sprachen. Diese Heterogenität sollte sich aber mit dem Lehrplan 21 verbessern.»

Bildungswissenschaftler Christian Brühwiler hat die Testdaten schweizweit zusammen mit seinem Team am Institut Professionsforschung und Kompetenzentwicklung der Pädagogischen Hochschule St.Gallen erhoben und analysiert – er weist auf weitere Erkenntnisse hin.

«Auch bei Schülern, bei denen zu Hause ausschliesslich andere Sprachen als Deutsch gesprochen werden, erreichen 72 Prozent die definierten Lernziele in der deutschen Rechtschreibung.»
Stefan Kölliker, St.Galler Bildungschef. (Bild: Benjamin Manser)

Stefan Kölliker, St.Galler Bildungschef. (Bild: Benjamin Manser)

Regierungsrat Kölliker geht noch einen Schritt weiter: «Wir können nun aufgrund der Ergebnisse belegen, dass auch Schüler mit Migrationshintergrund mit Englisch als erster Fremdsprache nicht überfordert sind. Diese Mehrsprachendidaktik ist im Kanton seit rund zehn Jahren im Lehrplan verankert.»

Wissenschaftler Brühwiler begrüsst, dass alle Kantone zur Teilnahme verpflichtet wurden. «Doch die Resultate wären noch viel aufschlussreicher, wenn man nicht nur das Erreichen der Grundkompetenzen, sondern das ganze Leistungsspektrum testen würde. Damit könnte man auch zeigen, wie viele Schüler Spitzenleistungen erbringen.»

Der Thurgau wird jetzt
nicht in Aktivismus verfallen

Die Thurgauer Schülerinnen und Schüler schneiden in allen geprüften Fächern im nationalen Mittelfeld ab. «In den Sprachen sind wir sehr gut mit den Besten dabei, in Mathematik sind wir im Schnitt», sagt Erziehungsdirektorin Monika Knill. Mit den jetzt veröffentlichten Ergebnissen ein Ranking zu erstellen, greift für sie jedoch zu kurz. «Das ist ein absoluter Nebenschauplatz.» Sie erklärt:

«Das war eine erste Null-Messung, quasi ein erstes Foto davon, wie gut die Grundkompetenzen erreicht werden. Wir wollen aber einen Film.»

Wichtig sei, später nach mehreren Messungen – oder «Fotos» - die Entwicklung der Harmonisierung nachvollziehen zu können.

Monika Knill, Thurgauer Erziehungsdirektorin. (Bild: Reto Martin)

Monika Knill, Thurgauer Erziehungsdirektorin. (Bild: Reto Martin)

Einen sofortigen Handlungsbedarf für die Thurgauer Schulen sieht Monika Knill nicht: «Jetzt in Aktivismus zu verfallen, wäre nicht legitim.» In der Mathematik, wo viele Thurgauer Schüler genau wie Jugendliche aus anderen Kantonen die Lernziele nicht erreicht haben, werde es zudem noch vertieftere Abklärungen geben.

Die Regierungsrätin betont, dass die Ergebnisse richtig eingeordnet werden müssen. Schliesslich liege diesen nur ein Test zu Grunde. Mit Stellwerktests oder Klassencockpits gebe es noch weitere Grundlagen. Ausserdem seien nicht nur die Fächer Deutsch, Englisch und Mathematik wichtig: Die Qualität der Volksschule auf diese Bereiche zu reduzieren, sei falsch.

«Unser Ziel ist eine breite Qualitätsentwicklung.»

Den Datensatz aus der Überprüfung der Grundkompetenzen will der Kanton für diese Entwicklung nutzen.

Weil die nationalen Bildungsziele im neuen Lehrplan verankert sind, sieht Knill einen wichtigen Schritt in Richtung Harmonisierung bereits gemacht. Denn zum jetzigen Zeitpunkt sei der Lehrplan in den meisten Kantonen bereits in Kraft oder in der Einführungsphase. Als die Tests stattfanden, sei das noch nicht der Fall gewesen.

Innerrhoden: «Wir waren
gegen Reduktion der Stundenzahl»

«Die Ergebnisse sind eine Bestätigung, dass wir mit unserer Schule auf einem guten Weg sind», kommentiert Roland Inauen, Vorsteher des Innerrhoder Erziehungsdepartementes, die guten Resultate der Innerrhoder Schülerinnen und Schüler in allen drei Fachbereichen. Sowohl in Deutsch als auch in der ersten Fremdsprache wie auch in der Mathematik gehören sie schweizweit zu den Besten. In der Mathematik brillierten sie gar.

Am Ende der obligatorischen Schulzeit erreicht Innerrhoden bei den mathematischen Fähigkeiten mit Fribourg und Wallis einen Podestplatz. 80 Prozent der Neuntklässler erfüllen die Anforderung an die Grundansprüche (nationaler Mittelwert 62 Prozent).

Roland Inauen, Vorsteher des Innerrhoder Erziehungsdepartementes. (Bild: Martina Basista)

Roland Inauen, Vorsteher des Innerrhoder Erziehungsdepartementes. (Bild: Martina Basista)

In einer ersten Einschätzung nennt Inauen die hohe Stundenzahl in diesem Fach als Faktor. Verglichen mit den anderen Kantonen besuchen die Innerrhoder auf der Sekundarstufe 1 am viertmeisten Mathematikstunden. Einzig in den Kantonen St.Gallen, Glarus und Schwyz geniessen die Jugendlichen mehr Mathematikunterricht. Auch die Leistungen der Schwyzer liegen statistisch signifikant über dem Schweizer Mittelwert.

Die Kinder in Innerrhoden verbringen während ihrer schulischen Laufbahn allgemein mehr Zeit im Klassenzimmer als jene in anderen Kantonen. Daran hat sich mit der Einführung des Lehrplans 21 nichts geändert. Inauen sagt:

«Wir sprachen uns gegen eine Reduktion der Stundenzahl aus, dies erweist sich wohl als richtig.»

Im Fachbereich Lesen erreichten die Innerrhoder Sechstklässler 91 Prozent der Grundkompetenzen. Dieser Wert übertrifft den nationalen Durchschnitt um drei Prozentpunkte. Auch hier steht man mit den Kantonen Wallis, Genf und Fribourg an der Ranglistenspitze. Gleiches gilt für den Bereich Orthografie, bei dem die Innerrhoder Schülerinnen und Schüler mit Wallis und Schwyz die Grundkompetenzen zu mehr als 90 Prozent erfüllen.

Bei Englisch, der ersten Fremdsprache, liegen die Innerrhoder mit ihrem Leseverständnis am Ende der sechsten Klasse mit 87 Prozent erneut über dem schweizerischen Durchschnitt. Im Hörverstehen erzielen sie sogar 99 Prozent (nationaler Durchschnitt 95 Prozent).

«Das gute Ergebnis ist das Verdienst der Lehrpersonen und Schulräte, welche die Schulgemeinden führen», lobt Innerrhodens Erziehungsdirektor. Um das Niveau zu halten, seien weiterhin gute Rahmenbedingungen nötig, für die sich sein Departement einsetzen wolle.

Die Innerrhoder können am besten rechnen

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Ausserrhoden
setzt auf bessere Lesekompetenz

Im Gegensatz zu den Nachbarn in Innerrhoden liegen die Testergebnisse in Appenzell Ausserrhoden in allen Bereichen im nationalen Mittel. In der Mathematik wurden 57 Prozent der Grundkompetenzen erreicht. Hier habe man im Rahmen der Einführung des neuen Lehrplans einen Schwerpunkt gesetzt, sagt Dominik Schleich, Leiter Amt für Volksschule und Sport. Bei der Erhebung der Daten seien die Auswirkungen noch nicht zum Tragen gekommen.

«Insbesondere in der Mathematik ist es wichtig, dass sich Schüler in wichtige Themen vertiefen können.»
Dominik Schleich, Leiter Amt für Volksschule und Sport Ausserrhoden. (Bild: pd)

Dominik Schleich, Leiter Amt für Volksschule und Sport Ausserrhoden. (Bild: pd)

In den sprachlichen Bereichen liegt der Ausserrhoder Wert zwischen 82 und 96 Prozent. Die Lesekompetenz soll verstärkt gefördert werden, so Schleich. Erreichen will man dies in Ausserrhoden mit dem Konzept Leseförderung, das alle drei Zyklen umfasst und Lehrpersonen verschiedene Weiterbildungsmöglichkeiten bietet. «Von dieser Massnahme versprechen wir uns positive Auswirkungen auf alle Fachbereiche», sagt Schleich.

Um die Chancengleichheit auch für Kinder aus sozial schwächerem Umfeld zu gewährleisten, müssen Massnahmen getroffen werden.

«Unser Ziel ist es, dass künftig möglichst alle Lernenden die Grundkompetenzen erreichen.»

Die Zahl der Schulstunden sei einer von vielen Faktoren, welche die Leistung der Lernenden beeinflussen, so Dominik Schleich. Im Rahmen der Totalrevision des Ausserrhoder Schulgesetzes sei eine Reduktion der Stundentafel daher unwahrscheinlich.

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Frage 1 / 9

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