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INNERRHODEN: Landammann Daniel Fässler im Porträt: Der Löwe von Appenzell

Strippenzieher, Machtmensch, Demokratieverhinderer: Seit der Landsgemeinde reisst die Kritik an Landammann Daniel Fässler nicht ab. Dabei wurde der CVP-Mann einst als Heilsbringer gehandelt.
Andri Rostetter
«Ein starker Mann, umgeben von Kopfnickern»: Landammann Daniel Fässler. (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

«Ein starker Mann, umgeben von Kopfnickern»: Landammann Daniel Fässler. (Bild: Ennio Leanza/Keystone)

Andri Rostetter

andri.rostetter@tagblatt.ch

Ist Daniel Fässler einer der Guten? Eine Lichtgestalt mit untrüglichem Kompass für das politisch Richtige? Oder einer der Bösen? Ein Machtmensch, der sich um Fairness und Moral foutiert? In Innerrhoden hört man beides. Seit die 21-jährige Jus-Studentin Adriana Hörler an der Landsgemeinde vom vergangenen Sonntag den Landammann ungewöhnlich deutlich kritisierte, ist im Kanton der Teufel los. Hörler stellte Fässler als Manipulator hin, der es mit Demokratie und Grundrechten nicht so genau nimmt. Seither wird Hörler in den Medien als Jeanne d’Arc vom Alpstein gefeiert, mehrere Parteien wollten sie zu einer Mitgliedschaft überreden. Fässlers Gegner werden gar nicht mehr fertig mit Applaudieren. Man hat es ja schon immer gewusst: Fässler ist ein Mischler, ein Marionettenspieler, ein Wolf im Schafspelz. Einer, der den Kanton am liebsten autoritär führen würde.

Fässler selber war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Aber Leute, die offen oder im Vertrauen über den Landammann reden, findet man im Kanton reihenweise. «Zu Fässler kommt mir politisch nichts Positives in den Sinn», sagt Martin Pfister. Der Innerrhoder SP-Präsident ist einer von Fässlers Gegenspielern. Pfister versuchte mehrfach, Fässler aus seinen Ämtern zu boxen, zuletzt bei den Nationalratswahlen 2015. Pfister blieb chancenlos, er holte 739 Stimmen, Fässler 3121. Vier Jahre zuvor ging der Kampf ähnlich aus. Seit der Landsgemeinde vom letzten Sonntag ist Pfister zünftig sauer auf Fässler. «Ein Landammann muss überparteilich sein. Aber das war er nicht. Falschaussagen der Pro-Redner überging er geflissentlich.» Vor der Landsgemeinde habe Fässler ihn angerufen, sagt Pfister. «Er wollte uns darauf hinweisen, dass es von der Standeskommission nicht erwünscht sei, an der Landsgemeinde Unterschriften für unsere Gesundheits-Initiative zu sammeln. Das hatten wir auch gar nicht vor.» Dann habe Fässler mit seiner «einseitigen Landsgemeindeführung» ausgerechnet jene Sensibilität vermissen lassen, die er anderen offenbar nicht zutraue, wettert Pfister. «Damit stellte er die in Innerrhoden tief verankerte Landsgemeinde in Frage. Solches Verhalten ist typisch für ihn.»

Immobilien, Wasserkraft, Chilbi-Verein

Typisch für Fässler ist noch anderes. Seine Ämtersammlung zum Beispiel. Fässler, Familienvater, passionierter Berggänger und Tangotänzer, ist nicht nur oberster Innerrhoder, CVP-Nationalrat und Partner einer St. Galler Anwaltskanzlei. Er ist auch Präsident des Schweizer Immobilienverbands, des Schweizer Waldeigentümer-Verbands, des Schwendner Chilbi-Vereins, Vizepräsident der Ostschweizer BVG- und Stiftungsaufsicht, des Bankrats der Appenzeller Kantonalbank. Er sitzt in den Verwaltungsräten von zwei Firmen aus dem Immobilienumfeld, ist Präsident eines Kleinwasserkraftwerks. In Bundesbern gilt er als Strippenzieher, als Mann im Hintergrund. Und vor allem: als Immobilienlobbyist. Fässler weiss das. Immobilien und Investoren seien in der ­Bevölkerung «doppelt negativ besetzt», sagte er 2016 in einem Interview. «Dass es Investoren braucht, ist vielen nicht klar – auch im Parlament. Wir müssen also aufzeigen, wie tragend die Immobilienbranche für unsere Volkswirtschaft ist und welchen wichtigen Beitrag die Immobilieninvestoren für die Gesellschaft leisten.» Freunde und Feinde sagen: Fässler ist ein Chrampfer. Einer, der die Zügel in die Hand nimmt. Manchmal etwas gar fest. «Fässler ist hartnäckig und zielstrebig, manchmal autoritär. Aber er ist hochanständig gegenüber Freund und Feind», sagt ein langjähriger Weggefährte des Landammanns, der ­anonym bleiben will. Fässler habe nicht nur einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, für einen Anwalt sei er auch «sehr wahrheitsliebend». Klar, Fässler sei eine ausgesprochene Führungspersönlichkeit. Aber ein Machtmensch? «Raymond Broger und Carlo Schmid waren ebenso dominante Landammänner. Nur war der Respekt gegenüber der Obrigkeit damals noch ausgeprägter.»

Frühe Schicksalsschläge, frühe Erfolge

Daniel Fässler kam 1960 als zweiter von vier Brüdern zur Welt. Die Fässlers waren eine angesehene Innerrhoder Familie, seit Generationen im Besitz einer ­Sägerei. Vater Walter war Bezirks- und Grossrat und als Delegierter des Gewerbeverbands regelmässig in Bern. Die Familie musste früh Schicksalsschläge verkraften. Die Mutter starb früh, der älteste Bruder kam als Rekrut bei einem Unfall ums Leben. Daniel Fässler besuchte das Gymnasium in Appenzell, ging anschliessend nach Bern und studierte dort Jus. Schon früh zeigte sich, dass er für das Fach eine ausserordentliche Begabung hatte. Kurz vor dem Lizenziat wurde er für die beste rechtswissenschaftliche Seminararbeiten der Universität ausgezeichnet, seine Doktorarbeit trug ihm ein paar Jahre später den Professor-Walther-Hug-Preis für eine der besten juristischen Dissertationen der Schweiz ein. Das Thema der Arbeit: «Den Armen zu Trost, Nutz und Gut. Eine rechtshistorische Darstellung der appenzell-innerrhodischen Gemeinmerker, unter besonderer Berücksichtigung der Mendle.» 1999 wurde er nebenamtlicher Richter am Bezirksgericht Appenzell, 2004 wechselte er ans Kantons­gericht. Als Anwalt spezialisierte sich Fässler auf Mietrecht, Baurecht und Sachenrecht, begleitete etliche grosse Immobilientransaktionen von St. Gallen bis Solothurn. Auch bei der Realisierung und Vermietung des Prime Towers in Zürich, bis 2015 das höchste Gebäude der Schweiz, zog er die Fäden.

«Fässler ist zielstrebig, aber ein angenehmer Mensch.» Das sagt kein Intimfreund, sondern ein anderer Gegenspieler: Josef Manser, Präsident der Gruppe für Innerrhoden, der ältesten Partei des Kantons. Die GfI wurde 1969 gegründet, fast 20 Jahre vor der CVP, eine Oppositionsbewegung gegen die erdrückende konservative Mehrheit im Kanton. «Fässler ist korrekt im Umgang, nicht aufbrausend. Dafür fehlt ihm das südländische Element, wie es Carlo Schmid hatte.» An der Landsgemeinde stand Manser wieder einmal auf der Gegenseite, die GfI wollte eine Alternative zum Spitalprojekt der Regierung. Manser blickt dennoch wohlwollend zurück. «Fässler hat gekämpft wie ein Löwe. Man merkte, dass für ihn viel auf dem Spiel stand.»

Weniger freundlich fiel der Kommentar von Erich Fässler aus. Der ehemalige Bezirkshauptmann von Appenzell schrieb in der «Appenzeller Zeitung»: «Wer immer eine andere Meinung vertrat, bekam sein Fett ab. Ihm oder ihr wurde erläutert, warum was gehe und was eben nicht. Es wurde kommentiert und penetrant belehrt, als könnte niemand auf dem Platz lesen, geschweige denn selbstständig denken.»

«Was wollt ihr mit diesem Roten?»

Ja, Fässler habe übersteuert, sich zu viel herausgenommen, sagen auch Leute, die dem Landammann nahestehen. Um dann gleich den Satz nachzuschieben: «Aber es ging ja auch um viel.» Fässler sei ja nicht schuld, dass er so viel Macht habe. Einer müsse ja reden. Das sei eben sein Problem: Er sei «ein starker Mann, umgeben von Kopfnickern». Also doch ein Machtmensch? Ein Leserbriefschreiber meinte diese Woche, man könne dem Landammann keinen Vorwurf machen: «Er hat das Recht, seine Meinung frei zu äussern, auch vor der Landsgemeinde. Er ist keine neutrale Person, die kann es in der Politik auch nicht geben, denn in der Politik geht es immer um die Machtfrage.» Man könnte hier anfügen: erst recht in Innerrhoden.

Politisch war Fässler ein Spätzünder. Sein Début auf der kantonalen Bühne gab er im Februar 2008, als Landammann Bruno Koster seinen Rücktritt ankündigte. Fässler wurde schon früh als potenzieller Nachfolger gehandelt – keineswegs nur zur Freude des Innerrhoder Establishments. Vor allem der konservative Flügel des Gewerbes hatte nicht vergessen, dass Fässler nach dem Studium für den Mieterverband in Zürich gearbeitet hatte. «Als wir damals Fässler für die Standeskommission vorschlugen, wurden wir ausgelacht: Was wollt ihr mit diesem Roten?», sagt ein CVP-Mann, der damals den Wahlkampf mitorganisierte. Auch SP-Präsident Pfister sagt: «Fässler wurde als linker Heilsbringer gehandelt. Niemand dachte damals, dass er drei Jahre später als strammbürgerlicher CVP-Vertreter und Lobbyist der Immobilienbranche in Bern politisieren wird.»

Bei der Landsgemeinde Ende April 2008 musste Fässler gegen fünf Mitbewerber antreten. Aber keiner genoss derart breiten Rückhalt wie der Jurist ohne politische Erfahrung – er hatte das Gewerbe, die Arbeitnehmer, die CVP, die Bauern und das Frauenforum auf seiner Seite. In Innerrhoden sind das schon fast alle. Bereits im ersten Durchgang zeichnete sich eine deutliche Mehrheit für Fässler ab. Zuletzt stand ihm nur noch Bruno Ulmann im Weg, ein Unternehmer, der immerhin die ganze Industrie im Rücken hatten. Fässler machte das Rennen.

Das wird auch dieses Mal so sein. Die Aufregung um die Landsgemeinde, um die angebliche oder tatsächliche Verletzung von demokratischen Prinzipien wird sich legen. Je lauter die Opposition ruft, desto heftiger verteidigt die Mehrheit die Institutionen. So läuft es immer in diesem engen Kanton. Demokratische Prinzipien? Fairness? Moral? Wessen Moral? Hier geht es um die Landsgemeinde. Um das politisch Richtige. Um Innerrhoden.

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