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INNERRHODEN: Das Spitalprojekt scheidet das Innerrhoder Stimmvolk

Ende April entscheidet das Innerrhoder Stimmvolk an der Landsgemeinde über ein neues Spital. Die Befürworter wollen eine stationäre Bettenabteilung erhalten, Gegner favorisieren die Zusammenarbeit mit anderen Spitälern der Region.
Simon Roth
Stärkt das Landsgemeindevolk mit einem Baukredit von 41 Millionen Franken den Spitalstandort Appenzell mit eigener Bettenstation? Oder entscheidet es sich für eine stärkere Zusammenarbeit mit den Spitälern in Ausserrhoden und St.Gallen? (Bild: Ralph Ribi)

Stärkt das Landsgemeindevolk mit einem Baukredit von 41 Millionen Franken den Spitalstandort Appenzell mit eigener Bettenstation? Oder entscheidet es sich für eine stärkere Zusammenarbeit mit den Spitälern in Ausserrhoden und St.Gallen? (Bild: Ralph Ribi)

Ein Pluszeichen scheidet in Innerrhoden die Geister. Das geplante «Ambulante Versorgungszentrum Plus» – kurz «AVZ+» – stellt das Landsgemeindevolk vor eine folgenschwere Entscheidung. Stärkt es mit einem Baukredit von 41 Millionen Franken den Spitalstandort Appenzell mit eigener Bettenstation? Oder entscheidet es sich für eine stärkere Zusammenarbeit mit den Spitälern in Ausserrhoden und St.Gallen? Um diese Fragen drehte sich eine Podiumsdiskussion, für die sich rund 450 Personen am Montagabend in der Aula Gringel eingefunden hatten.



An diesem Abend wurden gleich mehrere Gräben sichtbar. Die «Bewahrer» wollen die Eigenständigkeit erhalten und mahnen vor einem Identitätsverlust bei einem Wegfall der Bettenstation. Die «Erneuerer» sehen die Notwendigkeit einer stationären Abteilung nicht mehr gegeben und fordern die Prüfung einer engeren Zusammenarbeit mit anderen Spitälern. Dann gibt es noch die «Zahlenmenschen», die mit Statistiken argumentieren und die Mediziner, denen die Behandlung am Herzen liegt. Die Befürworter wollen eine Betreuung im gewohnten Umfeld ermöglichen, die Gegner heben hervor, dass die Qualität in einem Zentrumsspital höher sei.

Stühle reichen nicht aus

Das Interesse an der Debatte ist gross. Eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung trudeln die Besucher ein. Die 400 Sitzgelegenheiten reichen nicht aus, und so müssen weitere Stühle geholt werden. Im Vorraum bilden sich Gruppen, die rege diskutieren. Schnell zeigt sich: Das Thema ist hochemotional. Zumindest in diesem Punkt sind sich Befürworter und Gegner einig.

Viele Argumente sind bereits im Vorfeld der Veranstaltung ausgetauscht worden. Die «Gruppe für Innerrhoden» beklagt, dass die Standeskommission nur eine Maximalvariante vorlegt. Diese wiederum befürchtet bei einer Ablehnung ihrer Vorlage eine Schliessung wichtiger Versorgungskanäle wie etwa dem Notfall. Gleich zu Beginn schafft Moderator Roger Fuchs, stellvertretender Redaktionsleiter der «Appenzeller Zeitung», Klarheit über die Interessenbindungen der Podiumsteilnehmer. Ob Antonia Fässler, Frau Statthalter, in die Geschichtsbücher eingehen wolle, fragt er die Gesundheitsdirektorin. Diese verneint dies mit dem Hinweis, Bestehendes erhalten und das Spital in die Zukunft führen zu wollen. Der abtretende Finanzchef Thomas Rechsteiner will eine wohnortsnahe Versorgung gewährleisten. Grossrat Jakob Signer äussert Bedauern über den Zeitpunkt der Diskussion: «Sie hätte bereits vor 15 Jahren geführt werden müssen.» Grossrätin Monika Rüegg Bless, die eine leitende Position im Kantonsspital St.Gallen bekleidet, rühmt die «gute Zusammenarbeit» unter den Spitälern. Neben den Politikern nehmen auch zwei Experten an der Diskussion teil: Joseph Osterwalder, ärztlicher Leiter des Spitals Appenzell, und Gesundheitsökonom Bernhard Güntert.

Innovationsdruck auf die Spitäler steigt

«Braucht Innerrhoden eine stationäre Abteilung?», lautet die Gretchenfrage des Abends. Antonia Fässler argumentiert mit Zahlen: «Rund 30 Prozent der akuten Hospitalisationen finden im Spital Appenzell statt». So bleibe das Steuergeld im Kanton – das Spital gibt Arbeit, es gibt rund 60 Vollzeitstellen. Zudem könne man das Angebot an anderen Orten nicht mitbestimmen. «Was wir jetzt haben, dürfen wir nicht leichtfertig aufgeben», doppelt Rechsteiner nach. Die Gegner weisen darauf hin, dass immer mehr stationäre Fälle ambulant behandelt werden. Signer sieht diesen Trend als Chance, trotzdem weiterhin genügend Behandlungen in Appenzell zu haben. Ein weiterer Trend betrifft die Spezialisierung der Ärzte: «Den Allgemeinmediziner gibt es nicht mehr», sagt Rüegg Bless. Heute seien erfahrene Fachkräfte gefragt. Und wenn es schon bei den Hausärzten an Nachwuchs mangle, sei es noch schwieriger, Fachpersonal ans Spital zu binden.

Jakob Signer sieht auch den Verzicht auf eine Bettenstation als Möglichkeit, das bestehende Angebot zu bewahren. «Durch Kooperationen können gezielt Leistungen eingekauft werden, die unseren Bedürfnissen entsprechen.» Experte Güntert denkt genauso: «Innerrhoden hat die tiefsten Gesundheitskosten der Schweiz, weil weniger ärztliche Leistungen nachgefragt werden.» Damit das neue Spital rentiere, müsse es ausgelastet sein. Bei einem kleinen Einzugsgebiet wie Appenzell sei der Bedarf nicht gegeben. Dem widerspricht Osterwalder: «Wir stellen eine Konkurrenz für die Umgebung dar.» 25 Prozent der Patienten seien privat versichert und könnten frei über ihren Behandlungsort entscheiden.

Trotz angeregter Diskussion wird an diesem Abend die Eingangsfrage nicht abschliessend geklärt. Nach dem Podium bilden sich Gruppen, die sich in Gespräche vertiefen. Bis zur Landsgemeinde werden wohl noch einige Debatten über die Gesundheitsversorgung geführt – öffentlich und privat.

Kommentar: Noch ist das neue Spital nicht im Trockenen

Eines zeigte sich am Podium zum geplanten neuen Spital deutlich: Die Zusammenhänge sind komplex. Fachbegriffe wie Base Rate oder Gemeinwirtschaftliche Leistungen erschweren es dem Laien, die Vor- und Nachteile des 41 Millionen Franken teuren Bauprojekts zu verstehen. Entsprechend viele Fragen beschäftigen die Menschen. Das wurde an der Podiumsdiskussion am Montagabend deutlich.

Insbesondere zwei umstrittene Punkte kristallisierten sich heraus: Der stationäre Teil und die Auswirkungen des Vorhabens auf den Notfalldienst. Frau Statthalter Antonia Fässler und Säckelmeister Thomas Rechsteiner setzten in der Diskussion stark auf die Eigenständigkeit des Kantons in der Spitalpolitik. Demnach sollen medizinische Leistungen wenn immer möglich vor Ort angeboten werden. Beim Innerrhoder Stimmvolk, das traditionell die Zügel selbst in der Hand halten will, könnten solche Argumente durchaus auf fruchtbaren Boden fallen. In diesem Zusammenhang stellt sich umgekehrt aber die Frage, wie eigenständig der Kanton tatsächlich ist. So lassen sich bereits heute zwei Drittel der Patienten in einem St.Galler oder Ausserrhoder Spital behandeln.

Auch die Gegner der Vorlage, die Grossratsmitglieder Monika Rüegg Bless und Jakob Signer, sprachen sich am Podium gegen eine Zentralisierung aus. Ihrer Ansicht nach ist aber eine bessere überregionale Spitalplanung und die Suche nach einem starken Partner für das Spital Appenzell zwingend. In Sachen Notfalldienst ist für die beiden Vertreter der Standeskommission klar: Ohne einen stationären Teil kann das Notfallangebot am Spital Appenzell nicht aufrechterhalten werden. Dann bleibt nur noch der hausärztliche Notfalldienst. Den Gegnern genügt dies. Sie halten einen 24-Stunden-Notfalldienst am Spital für nicht zwingend. In der Fragerunde zeigte sich: Die Skepsis gegenüber dem Spitalneubau ist gross. Gelingt es den Befürwortern in den nächsten Wochen nicht, diese Zweifel auszuräumen, könnte die Vorlage scheitern.

Jesko Calderara
jesko.calderara@appenzellerzeitung.ch

Frau Statthalter Antonia Fässler und Säckelmeister Thomas Rechsteiner diskutieren unter der Leitung von Roger Fuchs mit den Grossratsmitgliedern Monika Rüegg Bless und Jakob Signer. (Bild: Ralph Ribi)

Frau Statthalter Antonia Fässler und Säckelmeister Thomas Rechsteiner diskutieren unter der Leitung von Roger Fuchs mit den Grossratsmitgliedern Monika Rüegg Bless und Jakob Signer. (Bild: Ralph Ribi)

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