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Interview

Wiler Notfallpsychologe: «Viele denken: Ich drehe durch, ich muss in die Klapsmühle»

Wenn Menschen in den Tod gerissen werden wie in Genua, kommen Notfallpsychologen wie Urs Braun zum Einsatz. Er hilft Angehörigen und Betroffenen, das Unfassbare zu bewältigen. Nicht alle finden in ihr altes Leben zurück.
Interview: Janina Gehrig
Andacht für die Toten des Brückeneinsturzes in Genua: Die Trauer lässt Menschen näher zusammenrücken. (Bild: Luca Zennaro/EPA (Genua, 17. August 2018))

Andacht für die Toten des Brückeneinsturzes in Genua: Die Trauer lässt Menschen näher zusammenrücken. (Bild: Luca Zennaro/EPA (Genua, 17. August 2018))

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Urs Braun, wann hatten Sie Ihren letzten Einsatz als Notfallpsychologe?

Letzten Juni wurde ich von einem Care Team aufgeboten, weil eine junge Pflegefachfrau den Suizid eines Patienten miterleben musste. Er war aus dem Fenster gesprungen. Die Frau hatte bereits einmal in ihrer beruflichen Tätigkeit eine solche Erfahrung machen müssen.

Was tun Sie in so einem Fall konkret?

Urs Braun, Notfallpsychologe Psychiatrie Wil

Urs Braun, Notfallpsychologe Psychiatrie Wil

Zuerst muss man die Person kennen lernen, mit ihr Kontakt aufnehmen. Manchmal hilft es, das Geschehene zu besprechen. Wichtig ist, darüber aufzuklären, welche Reaktionen normal sind nach solchen Ereignissen.

Welche Reaktionen sind normal?

Weil das Ereignis extrem war, sind oft auch die körperlichen, emotionalen, gedanklichen und verhaltensmässigen Reaktionen extrem. Die Betroffenen sind in einem erhöhten Erregungszustand, viele denken «Etwas stimmt nicht mit mir. Ich drehe durch, ich muss in die Klapsmühle». Häufig schlafen sie schlechter. Nachts kommen die Bilder wieder, die körperliche Erregung kommt zurück, sie können nicht mehr einschlafen. Wir schauen, dass die Leute nicht alleine sind, betreuen sie so lange, bis sie wieder selbstfürsorglich handeln können.

Zur Person

Urs Braun ist Fachpsychologe für Psychotherapie und zertifiziert in Notfallpsychologie FSP. Als Notfallpsychologe begleitet der 58-Jährige Betroffene und auch Rettungskräfte nach Unglücken.

Braun arbeitet auch mit verschiedenen Organisationen zusammen und begleitete die Rettungskette Schweiz bei Einsätzen. So war er etwa 2009 nach dem Erdbeben in Sumatra und mit Soforteinsatzteams des EDA in Beirut und 2010 nach dem Erdbeben in Haiti tätig.

Seit 2008 ist Braun leitender Psychologe an der Psychiatrie St.Gallen Nord in Wil. Ab 2019 übernimmt er im Rahmen dieser Tätigkeit die fachliche Leitung der Psychologischen Ersten Hilfe (PEH) im Kanton St.Gallen. Urs Braun ist verheiratet und Vater eines 13-jährigen Sohnes. (jan)

Schreien die Leute auch?

Man stellt sich hysterisches Geschrei vor, das ist aber die grosse Ausnahme. Häufig sind jene, die am stärksten belastet sind, sehr ruhig. Sanitäter würden wohl auch sagen: Wer am lautesten schreit, hat meist nicht die schwerste Verletzung.

Wie haben Sie der Pflegefachfrau geholfen?

Man bemerkte, dass sie nicht mehr an den Arbeitsplatz zurückkehren wollte. Es ist häufig so, dass Betroffene ein Vermeidungsverhalten entwickeln. Ich versuchte, ihr aufzuzeigen, dass der Ort des Geschehens ohne Schuld ist, auch wenn dort etwas hoch Emotionales geschehen war. Als sie bereit dazu war, bin ich mit ihr an diesen Ort zurückgekehrt. Ich blieb da, bis sich die ängstlichen und negativen Gefühle reduziert hatten. Danach konnte sie wieder normal da arbeiten.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Absturz der «Ju-52» bei Flims oder vom Einsturz der Autobahnbrücke in Genua hörten?

Der Absturz der Ju ging mir recht nah. Unser Ferienhaus steht in Disentis. Zudem fliege ich selber Gleitschirm. Meine Gedanken waren bei jenen, die das Leben verloren haben. Da bin ich wohl wie jeder andere. Ich dachte auch an die Leute vom Care Team. Wenn ich aber nicht selber alarmiert werde, schütze ich mich. Ich informiere mich dann nicht im Detail.

Sie waren schon bei Einsätzen in Sumatra und Haiti, haben viel Leid gesehen. Wie schützen Sie sich vor Ort?

Ich gehe nie allein an einen Einsatz und bereite mich auch darauf vor, dass mich ein Ereignis einmal überfordern könnte. Ich versuche, mich abzugrenzen mit einer Art Selbstinstruktion. In Haiti sah ich einen nackten Buben, der sich am Strassenrand in einem Rinnsal wusch. Da kam mir der Gedanke:

«Wenn das mein Sohn wäre.»

Er war damals etwa im selben Alter. Die Identifikation darf aber nicht sein, ich muss mir meines Auftrags bewusst sein und mir eine Art Tunnel bauen. Deshalb schaue ich, dass ich nicht zu viele Einsätze habe. Nach dem Erdbeben in Haiti hatte ich zu viele Tote, zu viel Leid und menschliches Unvermögen gesehen. Da hatte ich genug für eine Weile, ich machte für ein Jahr keine Einsätze mehr.

Wie wichtig ist eine sehr rasche Intervention nach Katastrophen?

Care Teams sind keine Blaulichtorganisationen. Es ist nicht so, dass innerhalb einer halben Stunde ein Psychologe auf dem Platz stehen muss. Aber es ist hilfreich, wenn jemand am selben Tag erklärt bekommt, dass seine Reaktionen normal sind. Wir wissen etwa, dass Benzodiazepine den Prozess erschweren, einen Vorfall einzuordnen. Leute, die Beruhigungsmittel nehmen, um einzuschlafen, haben also häufiger Probleme, um mit einem belastenden Ereignis fertig zu werden. Deshalb reden wir manchmal mit Betroffenen, bis sie erschöpft einschlafen können.

Wie lange dauert es, bis jemand wieder zurück in den Alltag findet?

Es dauert in der Regel drei bis vier Wochen, bis sich die Reaktionen nach einer schweren Belastung wieder normalisiert haben.

60 bis 70 Prozent der Menschen finden nach einem schweren Ereignis auch ohne therapeutische Unterstützung wieder zurück ins normale Leben.

Geht es da um Überlebende einer Katastrophe oder um Angehörige?

Um Leute, die mit ansehen mussten, wie jemandem etwas Schlimmes zugestossen ist. Die 30-70-Regel stimmt aber auch bei Menschen, die plötzlich einen nahen Angehörigen verlieren.

Das heisst, der Mensch hat Selbstheilungskräfte, um mit schrecklichen Situationen umzugehen?

Genau. Wir sind enorm stabil konstruiert. Es ist nicht so, dass ein schlimmes Ereignis uns unfähig machen und für immer schädigen würde. Die meisten Menschen stecken ein belastendes Ereignis im Leben weg, ohne Probleme zu entwickeln.

Wer schafft die Bewältigung nicht?

Es gibt gewisse Risikofaktoren wie knappe finanzielle Ressourcen, eine schlechte Schulbildung oder psychische Faktoren. Wenn jemand schon vorgängig Belastendes erlebt hat oder gerade in einer schwierigen Lebensphase steckt, ist jemand gefährdeter, verletzlicher und braucht mehr Unterstützung, etwa in Form einer Psychotherapie.

Wie «überleben» Menschen, die immer wieder traumatisiert werden, wie Lokführer, die Suizide miterleben?

Rettungskräfte wie Polizisten und Sanitäter, die im Dauereinsatz stehen, werden in der Schweiz mit «Peer Support Systemen» geschützt. Auch die SBB haben ein solches System. Wenn ein Lokführer in einen Suizid reingezogen wurde, wird er automatisch tags darauf von einem Arbeitskollegen (Peer) kontaktiert. Dieser kennt das Metier, hat aber eine minimale psychologische Ausbildung und kann erste Gespräche führen oder weitere Fachpersonen hinzuziehen. Beispielsweise muss ein Polizist nach einem Ereignis nicht aktiv sagen «ich brauch Hilfe», sondern es geschieht automatisch. Man übergeht somit auch ein gewisses Machogehabe, keine Hilfe annehmen zu wollen.

Oft wird nach Schuldigen gesucht. Macht dies die Verarbeitung einer Katastrophe einfacher?

Dafür ist die Akutphase der falsche Moment. In dieser steht der Verlust im Vordergrund. In Therapien wird das eher zum Thema. Im Fall Genua oder der Ju-Air kann es Jahre dauern bis zur vollständigen Aufklärung. Oft spielen mehrere Faktoren und Personen mit, dass ein Unglück geschieht.

Ist es einfacher für Menschen, Naturkatastrophen zu bewältigen als etwa einen Brückeneinsturz oder einen Amoklauf?

Naturkatastrophen sind tatsächlich einfacher zu verarbeiten – mit Ausnahme von Erdbeben. Diese werden so schlimm wahrgenommen wie Mehrfachvergewaltigungen. Erdbeben erschüttern, worauf wir stehen, worauf wir vertrauen. Die eigenen Häuser werden zu Fallen. Und es kommt meist zu Nachbeben, welche die Menschen über längere Zeit einem erhöhten Stressniveau aussetzen.

Verarbeiten Kinder traumatisierende Erlebnisse anders, und gibt es in der Bewältigung Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Frauen sind in der Regel problembewusster. Sie können Probleme besser ansprechen. Männer beruhigen sich ­lieber einmal mit Alkohol. Durch die Emanzipation schwächen sich die traditionellen Muster aber immer mehr ab. Heute sind etwa junge Polizisten viel eher bereit, über Probleme zu sprechen als noch vor 20 Jahren.

Eine Herausforderung sind pubertierende Kinder.

Ist es reizvoller, Personen notfallmässig zu betreuen als Therapeut von Alltagssorgen zu sein?

Nein, es ist einfach eine andere Herausforderung. Ich denke etwa an meinen ersten Einsatz nach dem Murgang in Gondo. Mit relativ einfachen Methoden kann man Betroffenen helfen, ihre Erregung zu lindern. Zudem sind Menschen in Krisen häufig sehr offen und hilfsbereit. Es ist sehr schön, diese menschliche Dimension zu erleben. ­Diese vermisst man im Alltag, etwa im Strassenverkehr, ja manchmal.

Öffentliche Veranstaltungen zum Thema:

«Unfälle, Verluste – Erfahrungen eines Notfallpsychologen»

Der leitende Psychologe der Psychiatrie St. Gallen Nord, Urs Braun, berichtet aus seiner langjährigen Erfahrung in der psychologischen Nothilfe, und zwar am Montag, 20. August in St. Gallen (Bahnhofgebäude, Bahnhofplatz 2, 1. Stock, Zimmer 122) und am Montag, 27. August in Wil (Psychiatrie St. Gallen Nord, Hörsaal im Mehrzweckgebäude, Haus C03), jeweils von 19.30 bis 21 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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