In keinem Kanton werden so viele Kinder ausschliesslich zu Hause betreut wie in St.Gallen – Politiker wollen das ändern

Jede dritte St.Galler Mutter mit Kleinkind bleibt zu Hause. Das hat mit dem konservativen Familienbild zu tun – aber auch mit fehlenden externen Betreuungsmöglichkeiten. Einzelne Politiker fordern nun bessere externe Betreuungsangebote.

Jürg Ackermann
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Frauen leisten viel mehr Kinderbetreuungs- und Hausarbeit als Männer.

Frauen leisten viel mehr Kinderbetreuungs- und Hausarbeit als Männer.

Bild: Thanasis Zovoilis,/Getty

Wer geht wie viel arbeiten? Wer betreut die Kinder? Diese Fragen beschäftigen alle werdenden Eltern. Doch sie bringen noch immer vor allem die Mütter in ein Dilemma. Auf der einen Seite wollen sie möglichst viel Zeit mit ihren Kindern verbringen, anderseits aber auch den Anschluss im Berufsleben nicht verpassen.

Denn bei aller Emanzipation sind es meist sie, die noch immer den grössten Anteil der Kinderbetreuung und Hausarbeit übernehmen. Die Mutter ist Teilzeit – meist mit einem kleinen Pensum – angestellt, der Vater arbeitet Vollzeit (mindestens 90 Prozent): Das ist mit Abstand das beliebteste Erwerbsmodell von Eltern mit kleinen Kindern. Wenn ein Elternteil ganz auf Erwerbsarbeit verzichtet, dann praktisch immer die Frau.

Konservative Ostschweiz

Was für die Schweiz gilt, trifft in verstärktem Masse auf die ländlich geprägte Ostschweiz und insbesondere den Kanton St.Gallen zu. Er gehört bei den Familienstrukturen zu den konservativsten Kantonen der Schweiz. Dies ­zeigen die neuesten Zahlen aus dem ­«Familien-Bericht» des Bundes, die das Bundesamt für Statistik für unsere Zeitung nach Regionen aufgeschlüsselt hat. So betreuen 43,5 Prozent aller Familien im Kanton St.Gallen ihre Kinder bis zwölf Jahre ausschliesslich zu Hause. Das heisst, sie nehmen weder eine Krippe, noch eine ausserschulische Betreuung, noch die Grosseltern regelmässig in Anspruch.

Das ist schweizweit fast schon ein Rekordwert. In allen anderen mittleren und grösseren Kantonen – auch im Thurgau – liegt dieser Wert teils deutlich tiefer, vor allem auch in grösseren Städten. Dort setzen im Durchschnitt weniger als 20 Prozent ­aller Eltern auf eine exklusive Kinderbetreuung durch Vater und Mutter.

Damit wird bestätigt, was frühere Studien schon vermuten liessen: Frauen mit Kindern bleiben im Kanton St.Gallen häufiger zu Hause als anderswo. Denn auch bei den Erwerbsquoten liegt der Kanton St.Gallen gemäss den neuesten Zahlen des Bundesamtes für Statistik schweizweit auf den hintersten Plätzen. Jede dritte St. Galler Mutter mit einem Kind unter drei Jahren kümmert sich zu 100 Prozent um Haushalt und Nachwuchs. Wenn die Kinder in den Kindergarten oder die Schule kommen, steigt die Erwerbsquote zwar an, doch kaum eine Frau arbeitet mehr als 60 Prozent.

Lucrezia Meier-Schatz. Bild: Urs Bucher

Lucrezia Meier-Schatz. Bild: Urs Bucher

Jemand, der diese Entwicklung mit Sorge beobachtet, ist Lucrezia Meier-Schatz. Die ehemalige CVP-Nationalrätin und Präsidentin von Pro Familia, sagt:

«Teilzeitstellen unter 50 Prozent erlauben kaum Karriereschritte.»

Wer über Jahre gar nicht oder nur in Kleinstpensen tätig ist, für den ist es viel schwieriger, danach verantwortungsvollere Positionen zu übernehmen, weil die Aufstiegsmöglichkeiten schrumpfen. Das erklärt auch ein Stück weit, warum Frauen in Führungspositionen gerade in der Ostschweiz stark untervertreten sind. Meier-Schatz nimmt hier auch die Unternehmen in die Verantwortung. «Die Firmen sind angesichts des demografischen Wandels und der fehlenden Fachkräfte mehr denn je gefordert. Sie müssen sich auf eine Generation einstellen, die der Vereinbarkeit von Beruf und Familie einen höheren Stellenwert beimisst als frühere Generationen und daher entsprechende Forderungen stellt.»

Mütter sollen selber wählen, ob sie ihre Kinder betreuen

Exakte Studien darüber, ob die tiefe Erwerbslosigkeit von Müttern mit kleinen Kindern frei gewählt ist oder ob sie mit fehlenden oder zu teuren Betreuungsangeboten zusammenhängt, fehlen. Hier fangen die politischen Deutungen an – und sie gehen diametral auseinander.

Esther Friedli

Esther Friedli

Die St. Galler SVP-Nationalrätin Esther Friedli beispielsweise sagt, sie habe die grösste Hochachtung vor allen Müttern, die ihre Kinder selber betreuten. «Sie leisten einen riesigen Beitrag an die Gesellschaft. Wir sind daher gefordert zu schauen, dass auch Eltern, die ihre Kinder selber betreuen, steuerlich nicht benachteiligt werden», sagt Friedli. Jede Familie und jede Frau solle selber entscheiden, ob sie ihre Kinder selber betreut oder externe Betreuung in Anspruch nehme.

Etwas anders sieht dies die St. Galler FDP-Nationalrätin Susanne Vincenz-Stauffacher. Für sie zeigen die Zahlen vor allem, «wie schwierig es nach wie vor ist, in einer Familie mit Kleinkindern den Spagat zwischen Familie und Beruf zu meistern.»

Laura Bucher

Laura Bucher

Klar ist dagegen der Fall für SP-Fraktionschefin Laura Bucher. Dass im Kanton verhältnismässig weniger Mütter berufstätig sind, hängt für sie mit den fehlenden Angeboten bei der Kinderbetreuung zusammen. Bucher sagt:

«Es gibt in unserem Kanton
zu wenig Kinderbetreuungsplätze, und sie sind zu teuer.»

Wenn eine Familie einen massgeblichen Teil des zweiten Einkommens für die familienergänzende Kinderbetreuung aufwenden muss, sei es nachvollziehbar, dass dann ein Elternteil ganz zu Hause bleibe. Zudem gebe es auch bei der schulergänzenden Betreuung erheblichen Nachholbedarf im Kanton. In einigen Gemeinden würden die Angebote noch gänzlich fehlen. «Zwar ist die Betreuung auf der Schulstufe während der Blockzeiten und über den Mittag gesetzlich garantiert, nicht aber davor und danach, an den schulfreien Nachmittagen oder während der Schulferien», sagt Bucher. Die SP hat erst kürzlich eine entsprechende Motion im Kantonsrat eingereicht, die das ändern will.

Susanne Vincenz-Stauffacher.

Susanne Vincenz-Stauffacher.

Auch FDP-Politikerin Susanne Vincenz-Stauffacher sagt, das Betreuungsangebot vor allem in ländlichen Gemeinden sei nach wie vor ungenügend. «Aber wenn die Mutter zu Hause bleibt, wenn dies auf einem gemeinsamen und selbstbestimmten Entscheid der Eltern beruht», dann sei dagegen selbstverständlich nichts einzuwenden.

Dass das Modell, dass die Mütter eher zu Hause bleiben, so dominant ist, hängt wohl auch damit zusammen, dass sich in der Ostschweiz konservative Einstellungen zur Familie hartnäckig halten – gerade auch bei Männern. Gemäss der neuesten Umfrage des Bundesamtes für Statistik sind noch immer 38 Prozent der Ostschweizer Männer überzeugt, dass ein Kind im Vorschulalter darunter leidet, wenn seine Mutter berufstätig ist. Das sind zwar 13 Prozent weniger als noch 2013, doch ­immer noch deutlich mehr als im Schweizer Durchschnitt. Nur 29 Prozent sagen, dass diese Aussage so nicht stimmt.

Bei den Ostschweizer Frauen sieht das Bild anders aus. Hier stimmen nur 23 Prozent der Aussage zu. Über 50 Prozent dagegen sind der Meinung, man könne eine gute Mutter sein und gleichzeitig arbeiten.

Dass sie in der Realität trotzdem viel weniger stark erwerbstätig sind, führen Experten auf die Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern zurück. Wenn junge Familien vor dem Entscheid stehen, wer wie viel arbeitet, spielt auch das Salär eine Rolle. In vielen Fällen liegt es auf der Hand, dass derjenige in einem höheren Pensum weiterarbeitet, der den höheren Lohn hat, weil so mehr Geld für die Familie und manchmal auch mehr Zeit für die Kinder übrig bleibt.

Klöti: «St.Gallen ist ein ländlich strukturierter Kanton.»

Einzelne Experten sind sich jedoch sicher, dass sich das in Zukunft bei kommenden Generationen ändern dürfte. Die Tatsache, dass immer mehr junge Frauen immer besser ausgebildet sind (höhere Maturaquote, mehr Uni­abschlüsse) werde sich irgendwann auch bei den Löhnen und den Karrieremöglichkeiten niederschlagen.

Auch der zuständige Regierungsrat Martin Klöti plädiert bei der Interpretation der Zahlen für Gelassenheit. Er wehrt sich gegen einseitige Interpretationen:

Martin Klöti

Martin Klöti

«St.Gallen ist ein ländlich strukturierter Kanton. Deshalb ist es für mich nicht überraschend, dass viele Kinder zu Hause betreut werden.»

Dies sei weder positiv noch negativ zu werten, sagt der FDP-Regierungsrat. Mit Blick auf den Fachkräftemangel sei jedoch klar, dass der Kanton ein grosses Interesse habe, dass möglichst viele Mütter wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen beziehungsweise im Arbeitsmarkt gehalten werden können. Ihm sei bewusst, dass der Kanton St.Gallen bei der externen Kinderbetreuung einen unterdurchschnittlichen Versorgungsgrad habe, sagt Klöti.

«Wir sind daran, das zu verbessern. Die Politik tut derzeit einiges.»

So verweist Klöti beispielsweise auf die fünf Millionen Franken, die ab 2021 dazu beitragen sollen, dass die Kosten für das Angebot der familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung für Familien sinken.