In irrer Welt Werte bewahren

ST. GALLEN. Ehemalige der Fachhochschule krönen ihren Tag zum Knüpfen von Netzwerken mit Gedanken von Prominenten zum Zeitgeschehen. Micheline Calmi-Rey und Roger Köppel bleiben zur EU uneinig, weigern sich aber zu streiten.

Fritz Bichsel
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In der Olma-Halle sprechen Micheline Calmi-Rey für und Roger Köppel gegen einen EU-Beitritt. Zum geplanten Streitgespräch kann sie Moderatorin Mascha Santschi aber nicht bewegen. (Bilder: Urs Bucher)

In der Olma-Halle sprechen Micheline Calmi-Rey für und Roger Köppel gegen einen EU-Beitritt. Zum geplanten Streitgespräch kann sie Moderatorin Mascha Santschi aber nicht bewegen. (Bilder: Urs Bucher)

Ist Networking-Tag richtig? So nennt Sigmar Willi als Leiter der Alumni der Fachhochschule St. Gallen (FHS) das Treffen auch im zehnten Jahr. Oder wäre Networking-Day konsequent, wie Moderatorin Mascha Santschi meint? Weder noch: Die diesmal gegen 700 Teilnehmenden treffen sich vom Nachmittag bis mindestens zu einem Teil der Nacht in einer Olma-Halle.

Die Teilnehmerzahl hat sich verdoppelt. Wie die Schule hat sich der Networking-Tag vom Schwerpunkt Wirtschaft in weitere Bereiche verbreitert. Geblieben aber ist, dass trotz unterhaltsam-lockerer Form Prominente auch sehr ernste Themen beleuchten. Die Referenten erhalten diesmal eine Carte blanche für die Themenwahl. FHS-Rektor Sebastian Wörwag ruft dazu auf, in Gesellschaft und Wirtschaft mehr Freiraum zu schaffen mit solchen weissen Karten, statt zu verwarnen und auszuschliessen mit gelben und roten.

Kurt Aeschbacher, studierter Ökonom und bekannt als einfühlsamer SRF-Talker, geht angesichts hoher Erwartungen das schwere Thema Krieg von Terroristen an. Er analysiert: «Heimatlose und arbeitslose junge Männer ohne Perspektive finden dort die Aufmerksamkeit, die ihnen in der westlichen Gesellschaft fehlt.» Aeschbacher sieht auch in unserer Politik und Gesellschaft Brandstifter am Werk. Dem gelte es entgegenzutreten mit Achtsamkeit, mit achtsamem Umgang miteinander.

Dieter Meier – Sänger, Bandmusiker, Wirt, Winzer in Argentinien, Haselnussanbauer und vieles mehr – erhält keine Carte blanche. Er erläutert, dass er sein bewegtes Leben nicht als Carte blanche sieht. Zur Musik sei er eher zufällig gekommen, zu Erfolg auch mit Glück. Er nutze, was andere ebenfalls hätten: «Ein grosses Geflecht im Boden wie ein Pilz, der bei günstigen Verhältnissen an vielen Orten austreiben kann.»

Das passt zum Thema Erfolgsmodell Schweiz, das FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter wählt. Sie bedauert, unser Land komme «vom Pfad der wirtschaftsfreundlich-freiheitlichen Tugenden ab». Der sozial abgesicherten Marktwirtschaft verdankten die Schweizer Wohlstand. Trotzdem verbreiteten sich auch bei uns Reglementierwut und Staatsgläubigkeit einerseits sowie Egoismus statt Eigenverantwortung bei Wirtschaftsführern. «Gesetze werden zur Ersatzreligion. Das führt bis zur Illusion Prostitutionsverbot. Da kann man auch gleich das schlechte Wetter verbieten.» Immer mehr Leute erwarteten so weniger Missbrauch, mehr Gerechtigkeit und weniger Verpflichtung. Tatsächlich gefährde diese Erosion der liberalen Werte aber Wohlstand und Freiheit.

Ob die Schweiz ihre Werte und Grundlagen als EU-Mitglied oder im Alleingang besser bewahren könne, ist zum Abschluss das Streitthema von Micheline Calmi-Rey und Roger Köppel. Die alt Bundesrätin sieht unser kleines Land dazu allein nicht in der Lage. Deshalb wäre es besser, besondere Bedingungen auszuhandeln und dann der EU als Bund demokratischer Staaten beizutreten, statt unwürdig EU-Recht ohne Mitbestimmung zu übernehmen.

Der Weltwoche-Chefredaktor vertritt seine bekannte Gegenposition: Als EU-Mitglied müsste die Schweiz direkte Demokratie und Neutralität als Pfeiler ihres Erfolgs aufgeben. Kurz entgegnet er: «Aus Angst der EU beitreten wäre wie Selbstmord aus Angst vor dem Sterben.» Sonst lassen sich die beiden nicht auf das angekündigte Streitgespräch ein. Es scheint, als wären sie schon dabei gewesen, als Philosoph Wilhelm Schmid zu Beginn des Anlasses gestern nachmittag «Zehn Schritte zur Gelassenheit» empfohlen hatte.

Karin Keller-Sutter (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Karin Keller-Sutter (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Dieter Meier liess sich von der Moderatorin zu seinem wilden Leben befragen. Karin Keller-Sutter nutzte ihre Carte blanche für einen Aufruf, die Erosion liberaler Werte zu stoppen. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Dieter Meier liess sich von der Moderatorin zu seinem wilden Leben befragen. Karin Keller-Sutter nutzte ihre Carte blanche für einen Aufruf, die Erosion liberaler Werte zu stoppen. (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))