«In die Regierung» oder «Zukunft gestalten»: Die langweiligsten Slogans im St.Galler Wahlkampf

Der Wahlkampf ist so langweilig wie seine Slogans. Doch gerade diese sprechen die Zielgruppe meist am besten an.

Janina Gehrig
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In zwei Wochen wählt das St.Galler Volk Regierung und Kantonsparlament. Zwar stellen sich für die 120 Kantonsratssitze so viele Kandidatinnen und Kandidaten zur Wahl wie noch nie. Doch ausser Gipfeli und Prospekte zu verteilen haben sie bisher nicht gerade einen spannenden Wahlkampf geboten. Kreative Kampagnen und Aktionen sowie angriffige Voten lassen auf sich warten, konkrete Ideen für die Zukunft des Kantons werden kaum genannt. So verwundert es nicht, dass auch die Slogans auf den Wahlplakaten nicht gerade aufrütteln.

Da lachen Kandidaten von den Stelen an den Strassenrändern, die sich «frisch, fromm, fröhlich, frei» (Jonas Streule, EVP), «profiliert und kompetent» (Beat Tinner und Marc Mächler, FDP) oder «liberal und innovativ» (Oskar Seger, FDP) nennen. Und was sie versprechen?

Robert Stadler (FDP) etwa möchte die «Zukunft gestalten», Parteikollegin Isabel Schorer «was unternehmen». Und Regierungsratskandidat Beat Tinner (FDP) «Hört zu. Packt an. Setzt um.» Was oder wie, darüber lassen sie die Betrachter im Dunkeln. Michael Götte und Stefan Kölliker (SVP) sind schlicht «Gut für St.Gallen.» Und Bruno Damann und Susanne Hartmann von der CVP haben gar auf einen Slogan verzichtet. Die drei Wörter «in die Regierung» müssen reichen. Auch der Slogan «Wandel, Chancen, Gerechtigkeit» der SP-Kandidaten Laura Bucher und Fredy Fässler scheint einer aus der Mottenkiste zu sein.

Wahlplakate mobilisieren die Wähler

Holt man damit tatsächlich noch Stimmen? Könnten sich die Kandidaten in Zeiten der Digitalisierung die Plakate nicht gänzlich sparen?
Andreas Richner, Spezialist für politische Kommunikation bei der Zürcher Agentur Farner Consulting, widerspricht.

«Wahlplakate sind für die Politiker
nach wie vor wichtig.»

Diese hätten vor allem die Aufgabe, zu mobilisieren. «Wenn Plakate hängen, wissen die Leute: Es sind Wahlen. Meine Partei zählt auf mich.» Auch jüngere Personen, die sich fast ausschliesslich über digitale Kanäle informierten, könnten den Politikern auf Papier in der realen Welt nicht ausweichen.

Tatsächlich seien die Wahlplakate und deren Slogans aber für die Meinungsbildung nicht entscheidend. Sie müssten vielmehr die eigene Wählergruppe ansprechen. Richner sagt:

«Die Qualität des Slogans misst sich daran, wie sehr er auf die eigene Zielgruppe abgestimmt ist.»

So sei der Slogan von Götte und Kölliker zwar langweilig, könne für eine konservativ orientierte Wählerschaft aber effektiv sein. Auch der SP-Spruch liefert das, was die SP-Wähler hören wollen.

Zudem könne man gerade mit «erwartbaren Null-Aussagen nicht vieles falsch machen», sagt Richner. Stadlers «Zukunft gestalten» und Tinners Anpacken und Umsetzen sind also nicht so daneben. So platt die Parolen rüberkommen, viele sind immerhin durchdacht. «Viele Slogans, die langweilig klingen, passen genau auf die eigene Zielgruppe.»

Sesselfurzer und Würmer sind originell, aber riskant

Was ist mit Slogans, die eher im Gedächtnis bleiben? Origineller unterwegs ist etwa Tobias Kindler. Der SP-Kandidat möchte mehr Diversität im Kantonsrat und kämpft daher «Gegen Sesselfurzer und Alteingesessenes» sowie «für soziale Gerechtigkeit». Dafür bastelte der 29-Jährige Furzkissen und verteilte sie an sogenannte Sesselkleber. Damit hebe er sich ab, der Slogan passe zudem zur Partei, sagt Richner. Dennoch würden humorvolle und ironische Aussagen ein grosses Risiko bergen.

«In der politischen Kommunikation ist Ironie toxisch. Viele verstehen sie nicht.»

Humor sei etwas sehr Individuelles. So sei auch die Aussage der Grünen «Die SP hat Wurm Fredy, wir haben Würmli Rahel. Für eine linke und nette Regierung» zwar originell, aber ein Wagnis. Der Spruch spielt auf das umstrittene SVP-Plakat vom vergangenen Herbst an, das «Linke und Nette» als Made zeigen, welche die Schweiz – einen wurmstichigen Apfel – zerstören.

Auch von englischen Sprüchen rät Richner ab. So wendet sich Kantonsratskandidat Ramon Waser (GLP) im T-Shirt der Heavy-Metal-Band Iron Maiden und in Rockerpose nur an eine sehr kleine Zielgruppe. Sein Slogan: «Green ist the new black, let’s rock the parliament» erreicht mit Glück jene, die seine Weltanschauung teilen.

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