In der Schule soll wieder mehr geübt werden

Wie auch in dieser Zeitung kürzlich zu lesen war, sind heute 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung von Illettrismus betroffen. Sie können nicht richtig lesen, oder sie verstehen das Gelesene nicht richtig.

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Wie auch in dieser Zeitung kürzlich zu lesen war, sind heute 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung von Illettrismus betroffen. Sie können nicht richtig lesen, oder sie verstehen das Gelesene nicht richtig. Für ein Land, das gesamthaft gesehen ein gutes Schulsystem hat, ist diese Tatsache erschreckend. Leider werden die echten Ursachen für Illettrismus selten angesprochen, weil sie aus moderner pädagogischer Sicht unangenehm sind. Sie liegen in Missverständnissen von modernen Bildungsauffassungen.

Zu lange war die Schule ein Ort der «Stoffhuberei» sowie einem einseitigen, oft mechanischen Frontalunterricht. Deshalb werden heute pädagogische Alternativen propagiert. Mit der Kompetenzorientierung soll gegen die «Stoffhuberei» gewirkt werden, zumal die Wissensvermittlung heute dank des Internets, wo alles Wissen abgerufen werden kann, teilweise hinfällig wird. Das selbstgesteuerte Lernen (die Lehrpersonen sind nur noch Coaches) soll im Vordergrund stehen, damit die Schule auf das lebenslange Lernen vorbereitet. Und das Üben ist überholter Drill ohne Sinn.

Neue pädagogische Auffassungen sind nötig. Sobald sie aber dogmatisch vertreten werden, wirken sie verheerend. Ein falsches Verständnis von Kompetenzen, Unklarheiten über die Bedeutung des Wissens beim Lernen und eine Falscheinschätzung des Übens sind eine Hauptursache des Illettrismus. Wissen bleibt eine grundlegende Voraussetzung für das Lernen. Wer über kein Sachwissen verfügt, kann weder verstehen noch Probleme lösen. Wissen in Informationssystemen kann jemand nur abrufen, wenn er über ein geordnetes Grundlagenwissen verfügt. Und vor allem junge und schwächere Lernende können das nötige Grundlagenwissen nicht selbst gesteuert abrufen, sondern es ist im Anfängerunterricht angeleitet zu erarbeiten, also vornehmlich in einem guten Frontalunterricht.

In allen Lernbereichen sind Grundfertigkeiten eine entscheidende Voraussetzung für erfolgreiches Lernen. Wer in einer Fremdsprache nicht automatisch konjugieren kann, wird in dieser Sprache nie kompetent kommunizieren können. Und wer die Prozentrechnung nicht blindlings beherrscht, wird bei anspruchsvolleren Rechenproblemen immer scheitern, weil ihm die Voraussetzungen dazu fehlen. Deshalb sind solche Grundfertigkeiten intensiv einzuüben.

Heute spricht man von «Lernen zur Automatisierung». Leider blieb dieses Lernen zur Automatisierung häufig oft zu schematisch und zu stumpfsinnig. Heute beendet eine Lehrperson das Automatisieren immer dann, wenn sie sieht, dass die Schüler die verlangte Fertigkeit beherrschen. Dadurch wird auch eine Individualisierung des Lernens in einer Klasse ermöglicht.

Ein guter kompetenzenorientierter Unterricht ist eine nützliche Weiterentwicklung des Unterrichts. Nur ist er oft unpräzis definiert, so dass sich Missverständnisse entwickelt haben. Er ersetzt nicht die Wissenserarbeitung, denn die meisten Kompetenzen sind fachgebunden und lassen sich nur im Zusammenhang mit Fachwissen entwickeln. Zweitens ersetzen Kompetenzen die Fertigkeiten nicht. Sie sind für den Erwerb und die Anwendung von Kompetenzen eine zwingende Voraussetzung und müssen deshalb immer wieder eingeübt und automatisiert werden.

Selbstverständlich sind Entwicklungen im Unterricht wie Kompetenzen, selbstgesteuertes Lernen und Abbau der Wissensüberfülle wertvolle Neuerungen. Nimmt man sie aber als absolut und kritisiert man das Einüben von Fertigkeiten als ewiggestrig, so wird die Zahl der Illettristen weiter steigen.