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Dozentenmangel an pädagogischen Hochschulen: Den Lehrern fehlen die Lehrer

Pädagogische Hochschulen in der Ostschweiz finden nicht genügend qualifizierte Dozenten. Der Mangel betrifft vor allem den Bereich der Fachdidaktik. Nun wollen die Institutionen ihren Nachwuchs selber ausbilden.
Michael Genova
An den pädagogischen Hochschulen fehlen die Fachdidaktiker – sie wissen, wie man ein Schulfach am besten vermittelt. (Bild: Jeannette Rischle/Getty)

An den pädagogischen Hochschulen fehlen die Fachdidaktiker – sie wissen, wie man ein Schulfach am besten vermittelt. (Bild: Jeannette Rischle/Getty)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Der Lehrermangel an der Volksschule ist seit Jahren ein Dauerthema. Doch wer bildet eigentlich die Lehrerinnen und Lehrer aus, die an Primar- und Sekundarschulen unterrichten sollen? Auch hier gibt es Engpässe – nur sind diese in der Öffentlichkeit weniger bekannt. An der Pädagogischen Hochschule St.Gallen (PHSG) zum Beispiel wird es zunehmend schwierig, Dozentinnen und Dozenten zu finden.

Zurzeit reicht die Zahl der für die Lehrerbildung qualifizierten Uni-Absolventen nicht, um den Bedarf der PHSG zu decken. «Wir wollen deshalb verstärkt unsere eigenen Mitarbeiter fördern und weiterbilden», sagt Rektor Horst Biedermann. Besonders ausgeprägt ist der Dozentenmangel in der Fachdidaktik, der Wissenschaft des Lehrens und Lernens. Die Disziplin beschäftigt sich mit der Frage, mit welchen Methoden Lehrer ein Fach am besten vermitteln können.

Universitäten bilden zu wenig Fachdidaktiker aus

Für den Dozentenmangel gibt es mehrere Gründe. Zum einen ist die Fachdidaktik als wissenschaftliche Disziplin relativ jung. Früher gaben vor allem Lehrerinnen und Lehrer ihre didaktischen Erfahrungen aus der Praxis an junge Kolleginnen und Kollegen weiter. Erst mit der Gründung der pädagogischen Hochschulen vor 10 bis 15 Jahren entstand in der Schweiz allmählich eine fachdidaktische Forschung. Entsprechend gross ist der Nachholbedarf. Verschärft wird das Problem dadurch, dass eine erste Generation von Fachdidaktikern gerade in Pension geht.

Horst Biedermann, Rektor der PHSG. (Bild: Samuel Schalch)

Horst Biedermann, Rektor der PHSG. (Bild: Samuel Schalch)

Wenn es qualifizierte Bewerber gibt, stammen sie laut Rektor Horst Biedermann vielfach aus Deutschland. Dort sei die Lehrerbildung fast gänzlich an den Universitäten angesiedelt, welche dadurch auch fachdidaktische Disziplinen aufgebaut hätten. Die Schweizer Universitäten hingegen hätten den Bedarf an Fachdidaktikern noch zu wenig erkannt, sagt Biedermann. Dies hänge auch damit zusammen, dass die Zuständigkeiten für diese Disziplinen unklar sind.

Pädagogische Hochschulen fördern Nachwuchs

Um den Dozentenmangel zu beheben, hat die PHSG mit der Universität Zürich und der Universität Salzburg Kooperationsverträge ausgehandelt. Dadurch will die Hochschule Dozierenden und Lehrpersonen eine wissenschaftliche Karriere ermöglichen. In Doktoratsprogrammen sollen sie auch fachdidaktische Fragestellungen erforschen. Zwar dürfen pädagogische Hochschulen in der Schweiz keine Doktortitel verleihen. Neu ist allerdings, dass sie ihre Doktoranden gemeinsam mit den Universitäten betreuen. Auch PHSG-Rektor Biedermann betreute mehrere Dissertationen.

Dass es schwierig ist, fachdidaktischen Nachwuchs zu finden, ist ein schweizweites Problem. Auch die Pädagogische Hochschule Thurgau (PHTG) leidet darunter. Die Erforschung von Lehr- und Lernprozessen sei eine zen­trale Aufgabe der noch jungen pädagogischen Hochschulen, betont Rektorin Priska Sieber. «Mathematik lernt man anders als eine Sprache». In diesem Bereich müssten die pädagogischen Hochschulen ihren wissenschaftlichen Nachwuchs ausbilden.

Priska Sieber, Rektorin der PHTG. (Bild: Reto Martin)

Priska Sieber, Rektorin der PHTG. (Bild: Reto Martin)

Die PHTG tut dies zum Beispiel, indem sie das nationale Forschungsnetzwerk Schulsprachen leitet, in dem über ein Dutzend Nachwuchskräfte aus neun Hochschulen in der Schulsprachdidaktik gefördert werden. Darüber hinaus führt die PHTG ein gemeinsames Doktoratsprogramm mit der Universität Konstanz. Dabei handelt es sich um eine Initiative der sogenannten «Binational School of Education», einer grenzüberschreitenden Hochschulkooperation, welche die beiden Institutionen seit 2015 mit öffentlichen Geldern aus Berlin aufbauen. In diesem Rahmen wurden auch drei Professuren im Bereich der Fachdidaktik eingerichtet.

Die Massnahmen zur Nachwuchsförderung an pädagogischen Hochschulen in der Schweiz sind Teil einer nationalen Fachdidaktik-Offensive, die von der Schweizerischen Rektorenkonferenz ­koordiniert und vom Bund finanziell unterstützt wird. Die Projekte laufen noch bis ins Jahr 2020. In diesem Rahmen wurden bislang unter anderem ein Schweizerisches Doktoratsprogramm in Fachdidaktik sowie mehrere Master­studiengänge in Fachdidaktik ins Leben gerufen.

Akademiker müssen auch Praktiker sein

Im Gegensatz zu Universitäten stehen pädagogische Hochschule vor einer doppelten Herausforderung: Sie benötigen Dozenten, die gleichzeitig Wissenschafter und Praktiker sind. Dass Bewerber von Anfang an über beide Fähigkeiten verfügen, ist eher selten. Lehrern fehlt oft der wissenschaftliche Hintergrund, Akademikern die Lehrerfahrung an Primar- oder Sekundarschulen. PHSG-Rektor Horst Biedermann sagt:

«Wir haben kaum Leute, die sich erst den Lehrerberuf angeeignet und danach ein Studium absolviert haben.»

Als Vorbild nennt Biedermann die Medizin, wo Hochschul- und Praxisbildung eng verzahnt sind. In der Bildung gebe es hingegen einen Bruch zwischen Wissenschaft und Praxis. PHSG und PHTG beteiligen sich deshalb mit anderen Hochschulen an einem nationalen Projekt zur Hochschulentwicklung.

In St.Gallen ist dazu ein erstes Pilotprojekt entstanden. Lehrerinnen und Lehrer können sich künftig an der PHSG zu sogenannten Praxis-Dozierenden weiterbilden lassen. Dazu bilden jeweils ein Lehrer und ein PHSG-Dozent ein Tandem. Die Idee dahinter: Praktiker und Akademiker sollen gegenseitig voneinander lernen. Zudem sollen die Lehrpersonen ihr neu erworbenes Wissen möglichst auch an Kolleginnen und Kollegen weitergeben, zum Beispiel bei der Betreuung von Praktikanten.

Biedermann hofft, dass Schulen dadurch näher an pädagogischen Hochschulen heranrücken und sich neue Erkenntnisse aus der Forschung schneller in der Praxis umsetzen lassen. Demnächst starten die ersten zehn Teilnehmer mit dem neuen Zertifikatslehrgang. Die PHTG ihrerseits entwickelt in einem anderen Projekt mit acht weiteren pädagogischen Hochschulen ein Weiterbildungsprogramm, bei dem angehende Dozierende Praxiskompetenz erwerben können.

Die pädagogischen Hochschulen der Ostschweiz

Zurzeit gibt es in der Schweiz vierzehn kantonale oder interkantonale pädagogische Hochschulen. Zwei davon befinden sich in der Ostschweiz: die Pädagogische Hochschule St. Gallen (PHSG) und die Pädagogische Hochschule Thurgau (PHTG). Die pädagogischen Hochschulen bilden Lehrerinnen und Lehrer der Volksschule und der Sekundarstufe II aus, zudem bieten sie Weiterbildungen für Lehrpersonen aller Stufen an.

Die heutige Gestalt der PHSG geht auf das Jahr 2007 zurück: Sie entstand aus der Zusammenlegung der Pädagogischen Hochschule Rorschach und der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. Derzeit studieren rund 1200 Personen an der PHSG. Die Institution beschäftigt rund 270 Dozentinnen und Dozenten. Der Campus erstreckt sich über vier Hochschulgebäude an den Standorten St. Gallen, Rorschach und Gossau. Die PHSG betreibt im Kanton St. Gallen zudem fünf regionale didaktische Zentren, die angehenden und amtierenden Lehrern Impulse für die Gestaltung ihres Unterrichts anbieten.

Die PHTG hat ihren Sitz in Kreuzlingen und wurde 2003 als erste Hochschule des Kantons Thurgau gegründet. Damit wurde die Lehrerbildung vom Lehrerseminar auf die Hochschulstufe überführt. Heute sind an der PHTG rund 700 Studierende in fünf Studiengängen in Ausbildung. Die Hochschule beschäftigt rund 70 Dozentinnen und Dozenten. Eine Besonderheit ist die grenzüberschreitende Kooperation mit der Universität Kon­stanz. Im Rahmen der «Binational School of Education» führen die beiden Institutionen unter anderem ein gemeinsames Doktoratsprogramm. (mge)

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