In der Genossenschaftsbeiz ist jeder ein Chef

Ein junger Mann arbeitete nach der Berufsausbildung anderthalb Jahre lang im Service einer Genossenschaftsbeiz. Dann wurde er entlassen. Man verdächtigte ihn, nicht korrekt abzurechnen, konnte ihm aber nichts nachweisen.

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Rolf Vetterli alt Kantonsrichter St. Gallen (Bild: Hanspeter Schiess)

Rolf Vetterli alt Kantonsrichter St. Gallen (Bild: Hanspeter Schiess)

Ein junger Mann arbeitete nach der Berufsausbildung anderthalb Jahre lang im Service einer Genossenschaftsbeiz. Dann wurde er entlassen. Man verdächtigte ihn, nicht korrekt abzurechnen, konnte ihm aber nichts nachweisen. In seinem Ärger reicht er beim Kreisgericht Klage gegen die Genossenschaft ein und verlangt nachträglich Lohn von gut 8000 Franken brutto. Er pocht darauf, dass er als Fachmann nach dem Landes-Gesamtarbeitsvertrag für das Gastgewerbe Anspruch auf einen Stundenlohn von mindestens Fr. 22.50 habe. Ihm sei aber nur der Lohn für ungelernte Arbeitskräfte von Fr. 19.50 ausbezahlt worden.

«Geld ist nicht so wichtig>»

Das bestreitet die Genossenschaft nicht. Sie wendet aber ein, dass der Gesamtarbeitsvertrag gar nicht anwendbar sei. Betriebsleiterinnen und Direktoren seien nämlich ausgenommen. Im Restaurant würden sämtliche Entscheide «basisdemokratisch» getroffen: Man diskutiere einfach so lange, bis alle einverstanden seien. Die in der Beiz Tätigen seien also Arbeitgeber und Arbeitnehmer zugleich. Sie erhielten auch alle denselben Lohn. Das Geld sei ihnen eben nicht so wichtig. Sie hätten bei schlechtem Geschäftsgang auch schon auf den 13. Monatslohn verzichtet oder Trinkgelder in Anteilscheine umgewandelt. Wesentlich sei vor allem, dass sie selbst über ihre Arbeit bestimmen könnten.

Zwei Seelen in der Brust

Damit hat sich die Genossenschaft gewissermassen eine Insel im kapitalistischen Meer geschaffen. Rund um sie herum gibt es noch immer Menschen, die den Kopf kaum über Wasser halten können. Mehr als hunderttausend Personen in der Schweiz sind «working poors». Sie leben trotz vollem Arbeitseinsatz unter der Armutsgrenze. Ihnen kann geholfen werden, wenn man in Gesamtarbeitsverträgen Mindestlöhne festschreibt und diese für allgemein verbindlich erklärt, damit sämtliche Angestellte einer Branche davon profitieren. Die Mitglieder des Beizenkollektivs wissen das sehr wohl. Sie haben zwei Seelen in ihrer Brust: Was sie persönlich nicht brauchen, nämlich einen wirksamen Arbeitnehmerschutz, halten sie politisch für notwendig.

Nicht an der Spitze

Vor Gericht geht es freilich nicht um Politik, sondern nur um die Auslegung des Rechts. Das erklärt der Einzelrichter den Parteien so: Als Betriebsleiter gelte nur jemand, der in der Hierarchie zuoberst stehe und die strategischen Entscheide treffe. Wer bloss Vorschläge machen und Anträge stellen könne, stehe nicht an der Spitze des Unternehmens. Wer nur das Personal anleite, die Menupläne entwerfe oder die Einkäufe besorge, sei lediglich operativ tätig. Das Beizenteam sitzt auf der Zuschauerbank und hat bisher geduldig zugehört. Nun stösst es einen kollektiven Seufzer aus. Das Arbeitsrecht kennt die Organisationsform der Selbstverwaltung offenbar überhaupt nicht. Es setzt selbstverständlich voraus, dass ein Vorgesetzter den anderen als Untergebenen sagt, wo es lang geht.

Biokost statt Lasagne

Die Anwältin der Genossenschaft möchte für den Fall, dass der Gesamtarbeitsvertrag wider Erwarten doch massgebend sei, noch etwas retten und wenigstens die Naturalleistungen vom Lohn abziehen. Der Kläger habe sich gratis verpflegen können. Dabei sei ihm nicht wie anderswo nur die «Lasagne von vorgestern» vorgesetzt worden. Er habe dieselbe feine Biokost erhalten, die auch den Gästen aufgetischt werde, und die sei wenigstens neun Franken je Mahlzeit wert.

In diesem Punkt teilt der Richter die Meinung der Beklagten: Nach Gesetz wäre das kein Lohnbestandteil, laut Vertrag sei ein solcher Abzug aber zulässig. Er schlägt den Parteien deshalb vor, die eingeklagte Forderung um rund 2000 Franken zu reduzieren. Darauf versammelt sich das Kollektiv im Vorsaal des Gerichts zu einer kurzen Sitzung. Es beschliesst einstimmig, das Ideal der Gleichberechtigung hochzuhalten und einen Kompromiss abzulehnen. Das ist zwar konsequent, aber auch riskant. Die Geschichte könnte sich ja jederzeit wiederholen. Ihr Leute aus der linken Szene, lasst euch nicht in Gourmetlokalen die Laune und den Magen verderben! Besucht doch wieder einmal eine Beiz, in der ein Gast noch Kumpel und nicht König ist! Wenn der Laden gut läuft, könnte das Kollektiv sich selbst eine Lohnerhöhung um drei Franken in der Stunde bewilligen, und damit wäre das Rechtsproblem gelöst.