In Basel ist das Land weit weg

«Basel ist die einzige Stadt in der Deutschschweiz, wo ich leben will», schreibt Alois Bischof. Der gebürtige Rorschacher, Journalist und Schriftsteller, lebt seit 35 Jahren am Rheinknie. Er schreibt exklusiv für unsere Zeitung eine Liebeserklärung an seine Nordwestschweizer Heimat.

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Es könnte auch Paris sein: Basel mit Rhein, Mittlerer Brücke und im Hintergrund das Münster. (Bild: swiss-image.ch/Basel Tourismus)

Es könnte auch Paris sein: Basel mit Rhein, Mittlerer Brücke und im Hintergrund das Münster. (Bild: swiss-image.ch/Basel Tourismus)

Im Koffer befanden sich ein paar Kleider, einige Bücher, als ich vor 35 Jahren dem Bodensee den Rücken kehrte, der Stadt Basel entgegenfuhr. Das Ziel die Universität Basel, die älteste Universität der Schweiz, die in diesen Tagen ihr 550jähriges Bestehen feierte. Von Grenzregion zu Grenzregion, von der kontemplativen Weite des Bodensees ans Ufer des mächtigen Flusses, der unablässig dem Meer entgegentreibt.

Basel, das Dorf

35 Jahre später ist die Stadt mit ihren knapp 200 000 Bewohnern und Bewohnerinnen zum Dorf geworden, was keineswegs abwertend gemeint ist, sondern etwas über Basels Lebensqualität aussagt. Ja, Basel ist der einzige Ort in der Deutschschweiz, wo ich leben möchte. Auch der Ort, den man immer und immer wieder verlassen muss – sonst wird man zu gemächlich, zu langsam im Gehen und Denken.

Natürlich fuhr der Zug schon damals durch das Baselbiet, kamen die Bahnhöfe von Gelterkinden und Sissach und Liestal, bevor der Zug in den Schweizer Bahnhof Basels einfuhr. Baselland. Um es frank und frei einzugestehen: eigentlich weiss ich nichts über diesen Kanton (und was in diese Zeilen einfliessen wird, verdanke ich vor allem einem Gespräch mit einem Journalistenkollegen, einem profunden Baselland-Kenner).

Baselland? Doch, Durchfahrt auf dem Weg nach Zürich. Sonst? Wanderungen durch eine wundersame Landschaft. Natürlich die herbstliche Metzgete auf dem «Kallhof», 814 Meter über Meer, die Schlachtplatte, die Rückkehr mit einem vollen Ranzen in die Stadt. Natürlich «Augusta Raurica». Und immer wieder wunderbare Landschaften, Täler, Jurahöhen, verstreute Höfe, Tausende von Hochstammbäumen, ein Grün, das oft an das st.

gallische Grün erinnert, das ja ein gänzlich anderes ist als das appenzellische Grün, dieses sanftere, weichere Grün der appenzellischen Hügel.

Basel, die Fussballstadt

Heute ist aber Sonntag, der 3. Oktober 2010, am Morgen floss der Rhein olivgrün durch die Stadt, jetzt steht die Nachmittagssonne schräg über dem St. Jakob-Park, der FCB spielt gegen den FC Sion, soeben hat Valentin Stocker zum 1:1 ausgeglichen.

30 000 jubeln, und wer «nid gumpt, de isch khai Basler», … doch ich brauchte lange, bis ich die wichtigsten Stationen einer Basler Sozialisation erkannte. Das beginnt bei den Gymnasien, setzt sich fort beim FCB, den Zünften und natürlich der Fasnacht.

Der Fremde, der diese Sozialisation verpasst hat, wird immer fremd bleiben, wird nie ganz dazugehören, wird aber, gutbaslerisch, angenehm freundlich geduldet.

Kein Sieg für den FCB, ein Unentschieden, ja, Basel ist eine fussballverrückte Stadt, und diese Grösse im Fussball ist eine absolut notwendige, gibt diesem Stadtkanton, am Rande der Schweiz, ohne Hinterland, eine Wichtigkeit, stützt seine chauvinistischen Gefühle, reduziert das Minderwertigkeitsgefühl gegenüber den Grossen (den Zürchern, den Schwoben).

Damit wären wir wieder bei Baselland. 1833 verloren die städtischen, aristokratischen Seidenfabrikanten ihr Hinterland, heftig und blutig waren die Kämpfe. Und während Basel-Stadt 1969 einer Wiedervereinigung zustimmte, lehnte Baselland ab.

Das linke Basel

Für manche Basellandschäftler ist das Jahr 1833 eine Art Rütlischwur, tief steckt ihnen die Ablehnung der Stadt in den Knochen. Und die politische Ausrichtung der beiden Halbkantone driftet zunehmend auseinander.

Während die linksgrünen Kräfte Basel-Stadt dominieren, gebärdet sich der Landkanton zunehmend reaktionär, ist die SVP, auf gutzürcherisch getrimmt, die stärkste Partei. Unvergessen sind die grossen, liberal-bürgerlichen Politiker wie Rhinow oder Nebiker. Jetzt besteht die Regierung vor allem aus Spar-Grössen, und die national hervorragenden Persönlichkeiten aus dem Kanton sind die Grüne Maja Graf und der Sozialdemokrat Claude Janiak.

Baselland, ein Kanton, der zu einem ausufernden Agglomerationsknäuel wird und eigentlich nur noch im oberen Baselbiet seinen ländlich-bäurischen Charakter bewahrt hat. Jeden Tag strömen Tausende aus ihren Prokuristensiedlungen in die Stadt, verdienen dort ihr Geld, bevorzugen aber die gute Landluft und die tieferen Steuern der landschaftlichen Gemeinden.

Basel und die Chemie

Viele von ihnen arbeiten in der Chemie, Basel und die Chemie, das ist eine einmalige Erfolgsgeschichte, und manchmal ist es auch etwas beängstigend, wie eine ganze Region von einer Industrie abhängig ist. Galt einst der Spruch «wenn's Basel nicht stinkt, dann stinkt es in Basel», so haben sich die Zeiten geändert, und die fauligen Gerüche, die früher jeweils über der Stadt fächerten, sind gänzlich verschwunden, und der Chemie geht es gut, es ist viel Geld vorhanden,

und so landet ererbtes oder aktuelles Geld beim FCB, oder anonyme Damen spenden einige Millionen für ein neues Schauspielhaus, oder eine andere Chemieerbin berappt den Erweiterungsbau des Kunstmuseums.

Diese Beispiele liessen sich beliebig fortsetzen. Und so kommt es, dass diese kleine Stadt ein grossstädtisches Kulturangebot machen kann.

Das gilt für das Theater, das gilt für die Museen, das Beyeler-Museum, das Kunstmuseum, das Tinguely-Museum, die Kunsthalle … den Jazz-Club Bird's Eye … die Kaserne …

Wie sie blühen, zeigen die beiden Chemieriesen Novartis und Roche, die bauen und bauen, Novartis krempelt sozusagen ein Quartier um, und Roche wird mit einem Super-Hochhaus zeigen, dass die Macht nicht mehr oben auf dem Münsterhügel hockt.

Ja, wie lernten wir damals in der Schule: Basel, das Tor der Schweiz zur Welt, der Rhein unterfliesst die Brücken, täglich tuckern die Schlepper und Containerschiffe stromauf- und abwärts, und oft ist es zu riechen, das Meer, die Sehnsucht ist eine alltägliche, und das Denken wird vorwärtsgetrieben, unaufhaltsam, so, wie die Steine auf dem Bett des Flusses dem Meer entgegenkollern.

Basel und der ewige Streit

Natürlich hat auch Baselland seinen Hafen, oben in Birsfelden. Aber da ist das Meer irgendwie zu weit weg, nicht zu riechen. Dafür streiten sich die Kantone dauernd, immer geht es um Millionen, fürs Theater, für die Universität, immer geht es um die Zentrumsfunktion, die Basel leistet, Baselland nicht abgelten will. Dieser Kanton, der schon beim Bau des Campus für die Fachhochschule in Muttenz schmürzelt.

Ja, nach 35 Jahren gäbe es viel zu erzählen. Vom Zusammenleben der vielen Nationen in Basel, wo es Quartiere mit mehr als 50 Prozent Ausländern gibt, von der englischsprachigen Community, die zunehmend das Leben in der Stadt prägt. Von der Drogenpolitik, die, wie die baslerische Integrationspolitik, für die Schweiz Modellcharakter bekam. Von der Vielfalt der Architektur und den Architekten, die auf der ganzen Welt moderne Denkmäler erstellen.

Davon, dass man als Stadt-Basler bei den eidgenössischen Abstimmungen mit schöner Regelmässigkeit bei den Verlierern landet. Davon, dass vor 35 Jahren eine Qualitätszeitung, die «Nationalzeitung», einer der Gründe für die Wahl Basels war, und dass die heutige «Basler Zeitung» von einem gewissen Tessiner Financier abhängig ist…

Klar, auch in Basel-Stadt gibt es Landwirtschaftsbetriebe. Im Jahre 2009 betrug die Anzahl Rindvieh 372 (davon 159 Kühe). Eindeutig mehr Viecher sind in der chemischen Industrie beschäftigt: Allein rund 200 000 Mäuse und Ratten sind es. Von wegen Rindvieh, da sieht's im Kanton Baselland natürlich anders aus. Aber von 1630 Landwirtschaftsbetrieben im Jahre 1985 sind im Jahre 2005 noch 1049 verblieben.

Verschwundene Bauernhöfe – und die grossen basellandschaftlichen Gemeinden demonstrieren eindrücklich eine grässliche Zersiedlung, sind Musterbeispiel dafür, wie Schweizer Kulturland verschandelt wird.

Alois Bischof, Basel

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