Der Flüchtlingsbetreuer aus dem Leipziger Plattenbau-Viertel begeistert die St.Galler Klosterfrauen und Ordensbrüder

Am Tag der St.Galler Ordensleute referiert mit Andreas Knapp ein grosser «Kleiner Bruder vom Evangelium» und einer der bekanntesten spirituellen Lyriker Deutschlands. Impulse sind so nötig wie Nachwuchs, wie gleichentags der Todesfall der 90-jährigen Oberin des Klosters Wonnenstein in Niederteufen belegt.

Marcel Elsener
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Punsch-Apéro im Pfalzkeller: Kapuziner Karl Bauer im Gespräch mit Kapuzerinnen von der Notkersegg.

Punsch-Apéro im Pfalzkeller: Kapuziner Karl Bauer im Gespräch mit Kapuzerinnen von der Notkersegg.

Bild: Urs Bucher

Arbeiterpriester, Gefängnisseelsorger und Flüchtlingsbetreuer mit Vierer-Wohngemeinschaft in einer berüchtigten Plattenbausiedlung am Rand von Leipzig: Andreas Knapp ist in Kirchenkreisen ein gefragter Referent, weil er die Präsenz Gottes vorbildlich vertritt und viel zu erzählen hat. Der Theologe, Lyriker und frühere Regens am Freiburger Priesterseminar mit besten Voraussetzungen für eine Kirchenkarriere quittierte vor 20 Jahren den Dienst und schloss sich den «Kleinen Brüdern vom Evangelium» im Geiste Charles de Foucalds an. Seither wirkt er «dort, wo das Evangelium kaum bekannt ist» und steht den Armen, Einsamen und Gebrochenen bei.

Am Ordensleute-Treffen des Bistums St.Gallen, dem alljährlichen «Tag des geweihten Lebens», spricht Knapp an diesem Dienstag in St.Gallen nicht über die Gefangenen- und Flüchtlingsbetreuung im Brennpunktviertel zwischen AFD und Ausländern. Sondern über die Stille und Brüche als kraftspendende Impulse für gelebte «universale Geschwisterlichkeit».

Leipzig hat höchsten Anteil an «Naturbelassenen»

Knapp wirkt bewusst in jener Stadt, in der die Säkularisierung europaweit am weitesten fortgeschritten ist: 90 Prozent der Bevölkerung Leipzigs gehören keiner Religion an, sind demnach «weder mit Öl oder Wasser behandelt worden, sondern naturbelassen». Mit amüsant drastischen Beispielen belegt der Priester, was das im Alltag bedeutet: Auf die Frage, ob jemand katholisch oder evangelisch sei, antworteten nicht wenige Leipziger mit «Ich bin normal». Und als der Einkaufstempel in seinem Quartier statt wie üblich Autos oder Schmuck im Dezember eine Schneelandschaft ausstellte und darin Weihnachtslieder singen liess, habe es empörte Reaktionen gegeben: «Jetzt wollen sich die Christen auch noch Weihnachten unter den Nagel reissen!» Kein Witz, und tatsächlich hat Knapp «naturbelassene» Arbeitskollegen, die Kapelle nur als Musikensemble kennen und fragen, was er beim Beten «denn so mache».

So lustig die Anekdoten, so ernsthaft gefragt im lärmigen Konsumismus und der wüsten Leere rundum ist eine stille Spiritualität: Ein prächtiges Angebot der Kirchen und Klöster, das der breiten Öffentlichkeit besser in Erinnerung gerufen werden müsste, wie Knapp zu verstehen gibt. Meister Ekkeharts Satz «Nichts im Universum ist gottähnlicher als die Stille» hat De Foucald in der Sahara erfahren: Das bewegte Leben des früheren Adligen und Offiziers, der auf seiner Gottsuche als Trappist unter den Ärmsten Syriens und mit Beduinen lebte, später zum Eremit in Algerien wurde und bis zu seiner Ermordung 1916 radikal gegen die Sklaverei und für Menschenrechte eintrat, wirkt aber ebenso als Inspiration für tatkräftige Nächstenliebe.

Hoffnungsvolle Aufbrüche von Niederteufen bis Wil

Das mehrfache Scheitern seines Ordensstifters nimmt Andreas Knapp im zweiten Impuls wieder auf: Erst in der Zerbrechlichkeit könne das Licht Gottes einfallen, erklärte der brillante Rhetoriker unter Verweis auf Zitate von Franz Werfel, Nelly Sachs und Leonard Cohen. Christen könnten sich dabei an den Merksatz der Ärchologie halten, wonach die Bruchstellen heilig zu halten sind. Kein Wunder, dass Knapp seine Arbeit mit Flüchtlingen einmal als «schönste Aufgabe, die ich je hatte» bezeichnet hat; sein St.Galler Honorar geht denn auch an die syrisch-christliche Gemeinschaft in Leipzig.

Im dankbaren Publikum von gut 80 Vertreterinnen und Vertretern fast aller Orden im klosterreichen Bistum werden die Impulse eifrig diskutiert. Kapuziner Karl Bauer fühlt sich trotz seiner 82 Jahre «bestärkt im Einsatz für die Nächsten», wie er sagt. «Ich will noch offener werden für Arme und Asylsuchende am Rand.» Konkret heisst dies für Bruder Karl, dass er im Café des neuen Caritas-Ladens in Wil öfters für Gespräche zur Verfügung stehen will.

Am Mittagstisch im Pfalzkeller – Fladeschüler servieren Rüeblisuppe, Rindsbraten mit Spätzli, Apfelstrudel – ist unter den Dominikanerinnen, Salettinern, Kapuzinnerinnen, Schönstättern oder Prämonstratenserinnen nebst munterem Austausch noch ein anderes Thema omnipräsent: Just am Morgen des Festtages der Ordensleute ist Schwester Gabriela Hug, «Mutter» im Niederteufener Kloster Wonnenstein verstorben, mit über 90, alle haben sie gekannt. Zwar verbleiben zwei Schwestern, doch das Ende der seit über 700 Jahren wirkenden Gemeinschaft ist eine Frage der Zeit. Umso ansteckender die fröhliche Hoffnung der jungen Kapuzinerin Petra Rüegg vom Kloster Leiden Christi, die mit der Jüngsten, Schwester Elisabeth, Zithermusik gespielt hat: «In meiner Vision haben wir in Gontenbad soviel Nachwuchs, dass wir Wonnenstein wieder bevölkern können.» Was auch Bischof Markus Büchel freut, der den Ordensleuten in der Eucharistiefeier in der Kathedrale zum Ende für ihr segensreiches Wirken als «Leuchttürme der Seelsorge» im Bistum dankt.