Impfodyssee
Glück und Verwirrung: Die Geschichte einer Zufallsgeimpften

Unsere Autorin ist eine der wenigen Glücklichen, die trotz ihres jungen Alters bereits vollständig gegen das Coronavirus geimpft ist ‒ allerdings verlief ihr Impfprozess nicht ganz ohne Hürden.

Rosa Schmitz
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Der Impfprozess für Zufallsgeimpfte verläuft nicht immer reibungslos.

Der Impfprozess für Zufallsgeimpfte verläuft nicht immer reibungslos.

Bild: Sandra Ardizzone

Welch ein Glück. Jung. Gesund. Und seit Ende April schon vollständig gegen Corona geimpft. Wie es dazu kam? Unerwartet und unverhofft. Verwirrungen in zwei Kantonen – mit Happy End.

Im Januar beginnt Appenzell Ausserrhoden mit Corona-Impfungen. Um darüber zu berichten, bin ich für diese Zeitung vor Ort. Für ein Interview mit Christine Sengupta, die das Impfzentrum in Herisau leitet. Die Medizinerin fragt, ob auch ich vorhätte, mich impfen zu lassen. Spontane Antwort: «So bald wie möglich!» – «Gut, das höre ich gerne», sagt sie und schmunzelt.

Warten aufs Zufallsglück

Am Ende unseres Gesprächs springt Sengupta auf einmal auf und meint: «Dann lassen Sie mich doch schauen, ob wir Ihnen nicht eine Impfung sichern können.» Die Medizinerin rennt, ohne ein weiteres Wort, in einen anderen Raum und spricht sich mit ihren Kollegen ab. Zurück kommt sie mit einer rudimentären Warteliste und verlangt meine Kontaktdaten. «Wir rufen Sie heute Nachmittag an, falls einer nicht erscheint.»

Flexible Auslegung der Regeln. Augenzwinkern. Daumen hoch. Ernst gemeint. «Wenn Leute ihren Termin nicht wahrnehmen, müssen wir die Dosis entweder wegwerfen, weil wir sie nicht wieder einfrieren können, oder innerhalb weniger Stunden eine andere Person finden», erklärt Sengupta. «Und im Moment sind Freiwillige auf die Schnelle nur sehr schwer zu finden.»

Noch am gleichen Abend kommt der Anruf: «Machen Sie sich auf den Weg.» Gesagt, getan. Eine gescheite Variante. Niemandem wird etwas vorenthalten. Zufallsglück für ein paar, die auf Abruf herbeieilen können. Im bürokratischen Prozess ist das nicht vorgesehen.

Keinen Termin für die zweite Dosis

Und hat in der Folge dann einen Haken. Einen Termin für die zweite Dosis durfte die Ärztin nicht vergeben. «Darum müssen Sie sich dann selber kümmern», so die Botschaft. Irritation. Was nun?

Das Problem, wie derzeit überall in Europa: Es gibt sehr genaue Pläne, wann welche Personengruppe geimpft werden soll. Prioritäten sind fixiert. Allerdings werden die vorgesehenen Personengruppen oft nicht vollständig erreicht. Dann bleiben schnell mal Impfdosen ungenutzt. Es kommt zu Verzögerungen. Ein gutgemeinter Prozess, der nicht rundherum effektiv ist.

Gefangen im bürokratischen Prozess

Für die Zufallsgeimpften verstreichen Wochen ohne irgendeine Benachrichtigung. Wer nicht aus Ausserrhoden kommt, bekommt nicht einmal die Information, wann man sich für eine Impfung würde registrieren können. Unklar auch, wo welcher Impfstoff eingesetzt wird.

Im März, zwei Monate später, wird die Plattform wir-impfen.ch für den Kanton St.Gallen – mein Wohnkanton – endlich live geschaltet. Dort kann man allerdings nirgends vermerken, ob man bereits eine Dosis erhalten hat und eine zweite in angemessenem Abstand brauchte.

Über die Hotline wird der Anruferin nur beschieden: «Warten Sie, bis Sie an der Reihe sind.» Gemeint war «regulär», nach bürokratischer Ordnung. Auch wenn durch lange Verzögerung die erste Impfung ihre Wirkung verlieren könnte. Das Glück ist ein Vogel...

Kopfschütteln über die Appenzeller Kollegen

Doch Beharrlichkeit hilft. Nur nicht aufgeben. Ich verschicke E-Mails an die zuständigen Behörden und erkläre die Situation. Und dann findet sich jemand, der doch denkt, es sei besser, keine halben Sachen zu machen. Ausgestellt wird sozusagen ein Schnellticket. Für eine Impfung am 20. April um 9.30 Uhr.

Doch noch ist es damit nicht getan.

An der Impfstation bricht erneut Verwirrung und Unsicherheit aus. Weil mein QR-Code ausweist: «Erster Impftermin.» «Ich verstehe nicht, warum die Appenzeller Kollegen Ihnen nur die eine Dosis gegeben haben», sagt die Ärztin vor Ort, kopfschüttelnd. «Gut, dass Sie mit uns Kontakt aufgenommen haben und drangeblieben sind.»

Dennoch werde ich wieder nach Hause geschickt. Was für eine Enttäuschung. Langsam, aber sicher, wird die Sache zur emotionalen Achterbahnfahrt.

Einige Stunden später dann mit glücklichem Ausgang. Wieder ein Anruf: «Kommen Sie schnell.» Flexibilität. Augenzwinkern. Daumen hoch. Für einmal hat die Bürokratie nicht gesiegt. So ist es allen zu wünschen.