Impfkampagne
«Ein weiterer Lockdown hätte unglaublich bittere Konsequenzen»: Grossveranstalter werben zusammen mit dem Kanton St.Gallen für die Impfung gegen Covid-19

Der Kanton St.Gallen beginnt ab sofort mit Spontanimpfungen. Zugleich startet er eine neue Informationskampagne. Mit an Bord sind Grossveranstalter wie der FC St.Gallen, das Open Air St.Gallen und die Olma-Messen. Sie äussern sich auch zur Frage, wie es weitergeht, wenn der Bund die Tests nicht mehr finanziert.

Adrian Vögele
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«Die teilweise fundamentalistische Diskussion über die Impfung finde ich mühsam»: Matthias Hüppi, Präsident des FC St.Gallen, an der Medienkonferenz zur St.Galler Impfkampagne.

«Die teilweise fundamentalistische Diskussion über die Impfung finde ich mühsam»: Matthias Hüppi, Präsident des FC St.Gallen, an der Medienkonferenz zur St.Galler Impfkampagne.

Bild: Michel Canonica

Sie stehen mitten im Getümmel, vor dem Waaghaus in der St.Galler Innenstadt, mit Mikrofon und Lautsprecher: Gesundheitschef Bruno Damann, FC-St.Gallen-Präsident Matthias Hüppi, Olma-Direktorin Christine Bolt, Open-Air-Chef Christof Huber, Marc Weber vom Verein Nacht Gallen. Der Kanton und die Grossveranstalter aus der Region informieren an diesem Donnerstagmorgen über die St.Galler Impfkampagne. Offiziell ist es eine Medienkonferenz, doch das Signal ist klar: Alle, die zufällig in der Nähe sind, sollen es ruhig hören. «Entscheide dich jetzt», so lautet die Botschaft des Kantons und der Veranstalter ans noch ungeimpfte Publikum.

Die Lage in den Spitälern ist zwar momentan entspannt: 20 Coronapatienten waren am Samstag im Kanton hospitalisiert, davon drei auf einer Intensivstation. Gleichzeitig steigt die Zahl der Neuansteckungen deutlich: Am Mittwoch waren es 269 in St.Gallen, so viele wie seit Mitte Januar nicht mehr. Es sei zwar richtig, den Fokus nun auf die Auslastung der Spitäler zu legen, sagt Damann. «Aber wenn die Hospitalisationen weiterhin so ansteigen wie jetzt, besteht die Gefahr, dass wir wieder einschränkende Massnahmen ergreifen müssen.»

Gesundheitschef Bruno Damann mit Mitarbeiterinnen der Impfstation im Waaghaus in der Stadt St.Gallen.

Gesundheitschef Bruno Damann mit Mitarbeiterinnen der Impfstation im Waaghaus in der Stadt St.Gallen.

Bild: Michel Canonica

Wenige Impfgegner, viele Unentschlossene

Gleichzeitig sei die Impfquote immer noch zu tief. Im Kanton St.Gallen sind rund 50 Prozent zweimal geimpft. «Damit sind wir nicht zufrieden», so der Gesundheitschef. Um die Pandemie in den Griff zu bekommen, seien 70 bis 80 Prozent nötig. Nicht alle Ungeimpften seien Impfgegner:

«Wir schätzen, dass etwa 30 Prozent der Bevölkerung schlicht noch unentschlossen sind.»

Diese Personen will der Kanton jetzt ansprechen: Er startet mit Spontanimpfungen. An diesem Donnerstag finden sie direkt vor Ort im Waaghaus statt – und schon während der Medienkonferenz bildet sich eine Warteschlange. In den vier Impfzentren des Kantons kann man sich ab sofort jeweils an einem Tag pro Woche ohne Voranmeldung impfen lassen – und ebenso an Anlässen, etwa an Fussballspielen des FC St.Gallen, erstmals bereits am nächsten Samstag.

Walk-In-Impfungen ohne Anmeldung

Der Kanton St.Gallen bietet in seinen vier Impfzentren ab sofort und bis auf weiteres auch Spontanimpfungen ohne Voranmeldung an. Dies jeweils an einem Tag pro Woche: 

- St.Gallen: ab 14. August jeden Samstag von 9 bis 13 Uhr

- Wil: ab 16. August jeden Montag von 11.30 bis 18 Uhr

- Buchs: ab 20. August jeden Freitag von 11.30 bis 18 Uhr

- Rapperswil-Jona ab 19. August jeden Donnerstag von 11.30 bis 18 Uhr

Bei der Spontanimpfung erhalten die Personen auch den Termin für die zweite Impfung. Die zweite Impfung ist nicht spontan möglich, da sie in einem bestimmten Zeitraum nach der ersten Impfung erfolgen muss. (av)

Station für Spontanimpfungen im Waaghaus St.Gallen: Der Kanton wird auch an Veranstaltungen Impfungen ohne Anmeldung anbieten, zunächst am Spiel des FC St.Gallen vom kommenden Samstag.

Station für Spontanimpfungen im Waaghaus St.Gallen: Der Kanton wird auch an Veranstaltungen Impfungen ohne Anmeldung anbieten, zunächst am Spiel des FC St.Gallen vom kommenden Samstag.

Bild: Michel Canonica

«Menschen sollen sich wieder ohne Ängste begegnen können»

Matthias Hüppi sagt es deutlich: «Es darf nicht zu einem weiteren Lockdown kommen. Das hätte unglaublich bittere Konsequenzen.» Es gehe dabei nicht nur um die Wirtschaft und die Veranstaltungen, sondern um das gesellschaftliche Leben insgesamt: «Die Menschen sollen sich ohne Ängste begegnen können.» Das jüngste Heimspiel gegen Luzern hätten 12'000 Zuschauerinnen und Zuschauer im Stadion verfolgt. Die Zertifikatspflicht sei ein grosser Mehraufwand, «den wir aber gern im Kauf nehmen». In der Pandemie müsse man vieles akzeptieren. «Aber was wir selber beeinflussen können, das sollten wir beeinflussen.» Entscheidend sei jetzt, dass man sich objektiv über die Covid-Impfung informiere. Der FC St.Gallen etwa habe seinen Spielern Informationen zur Verfügung gestellt und Rückfragen an Fachleute ermöglicht, damit sie ihren Entschluss fassen konnten.

«Was ich mühsam finde, ist diese teilweise fundamentalistische Diskussion über die Impfung. Das führt überhaupt nirgends hin.»

Die Auftragsbücher der Olma-Messen sind voll

Christine Bolt, Direktorin Olma-Messen St.Gallen.

Christine Bolt, Direktorin Olma-Messen St.Gallen.

Bild: Michel Canonica

Die Olma-Messen St.Gallen haben seit Februar 2020 «faktisch ein Betriebsverbot», wie Direktorin Christine Bolt sagt. «Als wir im Juni hörten, dass es mit der Impfung gut vorangeht und Lockerungen möglich werden, freuten wir uns sehr.» Seither laufe der Betrieb wieder auf Hochtouren, für den Herbst seien die Bücher gut gefüllt, Kongresse und Events fänden wieder statt. Die erste Messe seit Beginn der Pandemie – die Ostschweizer Bildungsmesse OBA – startet Anfang September.

«Dank der Impfung sind wir der Pandemie nicht einfach ausgeliefert, sondern wir haben ein Instrument, um aktiv etwas dagegen zu unternehmen.»

Das Covid-Zertifikat sei eine gute Lösung, aber nur als Übergang, so Bolt. «Das Ziel ist, dass wir zur Normalität zurückkehren können.»

«Kein Entscheid ist auch keine Lösung»

Open-Air-Chef Christof Huber.

Open-Air-Chef Christof Huber.

Bild: Michel Canonica

Christof Huber, Chef des Open Air St.Gallen, das dieses Jahr zum zweiten Mal pandemiebedingt ausgefallen ist, sagt: «Wir wollen vor allem das junge Publikum dazu aufrufen, den Impfentscheid zu treffen.» Es sei der richtige Zeitpunkt jetzt. «Ich denke, es ist ein gutes Zeichen, dass wir als Grossveranstalter zusammen mit dem Kanton Verantwortung zeigen.»

Marc Weber vom Verein Nacht Gallen, der städtischen Vereinigung der Bars, Clubs und Veranstalter, sagt: «Die Impfung ist eine höchst persönliche Entscheidung. Aber: Keine Entscheidung ist auch keine Lösung.» Jede und jeder solle sich jetzt über die Impfung informieren, sagt Weber, und ergänzt im Slang für das jüngere Publikum: «Infos verhänge isch out.»

«Dass wir selber Coronatests finanzieren, ist ausgeschlossen»

Was passiert, wenn die Coronatests ab Oktober nicht mehr gratis sind, so wie dies der Bundesrat angekündigt hat? Welche Auswirkungen erwarten die Veranstalter? Am Match des FC St.Gallen gegen den FC Luzern nutzten über 1000 Personen diese Variante. Aber: «Wir werden nicht in der Lage sein, selber Tests für unser Publikum zu finanzieren – das ist ausgeschlossen», sagt Hüppi.

Auch Bolt sagt, die Olma-Messen könnten sich nicht vorstellen, Tests für die Zuschauer zu bezahlen. «Wir haben die leise Hoffnung, dass sich jetzt so viele Leute impfen lassen, dass zum Zeitpunkt der Olma im Herbst gar keine Massnahmen mehr nötig sind.» Huber sagt, der Weg ohne Gratistests werde für Konzertveranstalter schwierig. Zugleich habe man jetzt genügend Zeit erhalten, sich impfen zu lassen. «Wir hoffen, dass viele diese Chance jetzt nutzen und der Anteil der Tests sinkt.»

Mit an Bord sind bei der Kampagne des Kantons auch das St.Gallen Symposium und der CSIO St.Gallen.

Über 10'000 Coronafälle seit März – 9900 waren nicht geimpft

Der Kanton setzt stark darauf, dass die Grossveranstalter nun auf ihren eigenen Kanälen, etwa den sozialen Medien, den Impfappell verbreiten und so auch jüngeres Publikum erreichen. Zugleich ergreift der Kanton selber weitere Werbemassnahmen für die Impfkampagne – so wurden in der Stadt am Donnerstag Flyer verteilt – und stellt auf seiner Website weiterhin Informationen zur Impfung zur Verfügung. Die Kosten für die Kampagne liegen laut Damann bei rund 30'000 Franken. Den Zeitpunkt des Kampagnenstarts habe man bewusst auf das Ende der Sommerferien gelegt, um möglichst viele Leute zu erreichen.

Dass die Impfung etwas bringt, dafür liefert der Kanton auch einen Zahlenbeweis: Von März bis August 2021 seien in St.Gallen über 10'000 Neuinfektionen mit Covid-19 registriert worden. «9900 erkrankte Personen waren nicht geimpft.»

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