Impfgegner, Umweltschützer und Lehrplangegner: Die Kritik hält die St.Galler Parteifreien zusammen

Immer wieder tritt Parteifrei SG für Wahlen an, so auch im März. Zwei Frauen und sieben Männer kandidieren für den Kantonsrat, Zlatan Subasic für die Regierung. Sie beschreiben sich selbst als «bunt und unterschiedlich». Doch zwei Themen einen sie.

Katharina Brenner
Drucken
Teilen
Bei den nationalen Wahlen im Herbst 2015 präsentierte sich Parteifrei SG im Pfalzkeller mit gelben T-Shirts.

Bei den nationalen Wahlen im Herbst 2015 präsentierte sich Parteifrei SG im Pfalzkeller mit gelben T-Shirts.

Michel Canonica

René Mettler macht sich Sorgen. Um die Altersvorsorge, um Arbeitsplätze, um die Mitwelt – so nennt der 58-Jährige die Umwelt, denn die sei mehr als nur unsere Umgebung. Seine grösste Angst sei, dass die Schweiz einen Landesstreik erlebe wie im November 1918 «mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen». Trotz Sorgen wirkt Mettler am Telefon heiter, er kommt ins Plaudern über eine anstehende Fahrt in den Schwarzwald. Damit der Frieden bewahrt bleibt, brauche es mehr Gespräche, zum Beispiel ein Brainstorming mit den Regionen im Kanton, in der jede sagen darf, was sie will. «Es braucht mehr Querdenker», findet Mettler. Solche wie ihn.

Gemeinsam mit sechs weiteren Personen steht der selbständige Berater für Sozialversicherungsfragen auf der Liste Parteifrei SG für die Kantonsratswahlen am 8. März. Mit Zlatan Subasic möchte Parteifrei SG zudem in die Regierung einziehen. Unter den zwei Frauen und fünf Männern, die meisten Ende 50, sind Naturheilpraktiker, ein Medizinischer Masseur, Künstler und Berater. Alternativ – in der Medizin wie in der Politik. Dass die meisten selbständig und ihr eigener Chef sind, passt zum Bild vom Querdenker, der eins auf keinen Fall will: sich anpassen.

Initiantin von Parteifrei SG war 2014 Irene Varga aus Berg, die sich als «Freie Denkerin und Künstlerin» bezeichnet. Sie gründete Parteifrei SG, weil sie eine Politik «jenseits von Parteidoktrinen», eine Politik der «Fairness, Ehrlichkeit und Transparenz» anstrebte. Erfolgreich war die Gruppierung damit noch nicht, auch wenn sie schon auf allen Ebenen Kandidaten aufgestellt hat.

Wachstumskritikerin, Kapitalismuskritikerin, Pazifistin

Wer Rot oder Blau oder das SVP-Sünneli wählt, weiss in der Regel, was er bekommt. Das Feld ist abgesteckt. Die Vertreterinnen und Vertreter von Parteifrei SG verstehen sich hingegen als lose Gruppierung. Einmal im Monat kommen Interessierte zu einem öffentlichen Stammtisch zusammen, um die fünf Personen nehmen gemäss Parteifrei SG teil, in wechselnder Besetzung. Als «bunt und unterschiedlich» beschreibt die Gruppierung ihre Kandidierenden.

Bei aller Vielfalt – was eint sie? «Wir sind alle für die eidgenössische Initiative Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot und gegen das ausbeuterische System», sagt Luzia Osterwalder, per Selbstzuschreibung «Wachstumskritikerin, Kapitalismuskritikerin, Pazifistin». Die Naturheilpraktikerin aus St. Gallen, Jahrgang 1961, kandidiert für den Kantonsrat und koordiniert die monatlichen Treffen.

Aktuell bestimme eine Elite die Politik, alles drehe sich ums Geld ohne Rücksicht auf Mensch und Natur, so Osterwalder. «Das muss sich ändern.» Ihr Ziel sei eine Gemeinwohlbilanz für Unternehmen: Sie sollten nach Menschenwürde, Solidarität, Nachhaltigkeit und Transparenz beurteilt werden.

«Und ich würde Privatvermögen auf 30 Millionen Franken begrenzen.»

Geld müsse fliessen wie Wasser oder Energie und immer wieder neu verteilt werden.

Dubiose Buchempfehlung auf der Homepage

Wie weit die Systemkritik geht, zeigt die Buchempfehlung auf der Homepage. Dass die Schweiz noch weit von Fairness, Ehrlichkeit und Transparenz entfernt sei, zeige Judith Barben-Christoffel in ihrem Buch «Spin doctors im Bundeshaus – Gefährdungen der direkten Demokratie durch Manipulation und Propaganda», heisst es dort. Barben ist Psychologin und Primarlehrerin aus Wil sowie Ex-Mitglied der Psychosekte «Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis», die 2002 offiziell aufgelöst wurde.

Im Buch geht es um «Psychotechniken aller Art, die einmal eingeführt dank dem Filz von PR und Journalismus unser öffentliches und individuelles Bewusstsein bestimmen», wie der Politologe Claude Longchamp in einer Rezension zusammenfasst.

«Geprüft, was geschrieben wird, wurde wohl nur selten, denn entscheidend war, dass die Belege ins vorfabrizierte Bild passten.»

Barben hat auch eine Kampfschrift gegen den Lehrplan 21 geschrieben, ein Engagement, das sie mit einem anderen «Aktiven» von Parteifrei SG eint: Daniel Trappitsch aus Buchs, 2015 Nationalratskandidat für Parteifrei SG. Trappitsch ist als Geschäftsführer des Netzwerks Impfentscheid oberster Impfgegner der Schweiz. Impfkritik ist ein Thema, das im Umfeld von Parteifrei SG immer wieder auftaucht. Einmal mehr geht es um Alternativen: In diesem Fall zu Wissenschaft und Gesundheit.

«Ein ordentlicher Hauch von Populismus»

So undurchsichtig viele Aussagen der Gruppierung auch sind, lässt sich Parteifrei SG politisch eher links verorten. Auch die Fäden im politischen Spinnennetz von Luzia Osterwalder sind fast ausschliesslich im linken Feld gesponnen und bei ausgebautem Sozialstaat und Umweltschutz festgezurrt. Politologe Patrick Emmenegger von der HSG sagt, es schwinge bei Parteifrei SG immer auch ein ordentlicher Hauch Populismus mit, meist von links. Ähnlich aufgestellt seien die Freien Wähler Aargau. Bei anderen, vergleichbaren Parteien wie das MCG aus Genf komme dieser Populismus von rechts. Emmenegger zieht eine klare Trennlinie zwischen Parteifrei SG und Parteilosen, die in Ostschweizer Gemeinden zuletzt etliche Erfolge feierten.

«Parteilose sind meist lokal verwurzelte, eher auf konkrete Probleme ausgerichtete Personen.»

Das mache sie für Wählerinnen und Wähler attraktiv.

Was die Wahlchancen angeht, bleibt man bei Parteifrei SG realistisch: «Wir wissen, dass wir nicht gewinnen», sagt René Mettler. Das Ziel sei, zum Nachdenken anzuregen. Ideen für mögliche Sorgen hat Parteifrei SG jedenfalls.

Mehr zum Thema